Alpen im globalen Rahmen
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Ihr Anteil an der Erdkruste
Verschiedentlich wurde geschrieben, dass der sichtbare Teil unserer Alpen in vertikaler Richtung nur einen schwachen Drittel der Dicke der Erdkruste ausmacht. Um sich ein Bild über die Tiefenstrukturen der unteren zwei Drittel und darunter zu machen, muss man zur Geophysik greifen. In diesem Falle heisst das: Studium der Erdbeben und zwar insbesondere der Ausbreitungsgeschwindigkeiten von Erdbebenwellen.
Dank der Erdbebenkunde weiss man, dass eine globale Grenzfläche zwei mächtige Schichtkomplexe trennt, die sich durch deutlich unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten der Erdbebenwellen auszeichnen. Der obere Komplex ist die Erdkruste (mittlere Geschwindigkeit 6 km/sec), der darunter liegende heisst oberer Erdmantel (mittlere Geschwindigkeit 8 km/sec). Die Grenzfläche wird nach ihrem Entdecker, dem jugoslavischen Gelehrten Mohorovicic (abgekürzt "Moho") benannt. Im Kapitel Geologische Einführung wurde die Moho-Diskontinuität schon erwähnt. Sie liegt unter den Kontinenten um 33 km Tiefe. Unter den Alpen verläuft sie aber noch tiefer, ähnlich dem Kiel eines Schiffes, der umso tiefer ins Wasser eintaucht, je mehr das Schiff beladen ist. Karte und Profd (Fig. 62) zeigen die Lage, der unter den Alpen nach Süden absinkenden Moho-Diskontinuität.
Je mehr die Erosion die Gipfel abträgt, umso mehr heben sich die Alpen, wie ein Schiff, das entladen wird. Zweifellos ist das ein Grund für die messbare Hebung der Alpen. Ein anderer Grund liegt sicher aber auch darin, dass Schubkräfte nach wie vor Druck auf die Alpenkette ausüben. Das macht sich in gelegentlichen Erdbeben, selbst im Wallis (Visp 1855, Siders 1946), dramatisch bemerkbar. Eine gewisse Gefahr lauert ständig im Rhonetal. Wie die Karte (Fig. 63) zeigt, liegt das Wallis im erdbebenträchtigsten Gebiet der Schweiz.
Wie es unter der Moho-Diskontinuität weitergeht, müssen wir aus geophysikalischen Erscheinungen und Messungen schliessen. Man nimmt an, dass die Gesteine des Erdmantels bis in etwa 100 km Tiefe noch fest sind. Dann jedoch beginnen sie plastisch zu werden, weil die Temperatur zunimmt. Auch die Zusammensetzung der Gesteine ist nicht mit Sicherheit bekannt; sie müssen eigentlich ultrabasisch sein. Man hat gute Gründe anzunehmen, dass die riesigen Massen von Serpentiniten bei Zermatt Teilstücke dieses Erdmantels sind, die anlässlich der Faltungen in die Erdkruste eingeschlossen wurden. Wer einen Specksteinofen besitzt, betrachte ihn mit Ehrfurcht, weil das Material, woraus er gebaut ist, aus den Serpentiniten stammt, die aus ungeheurer Erdtiefe emporstiegen !
In der Gesamtheit des alpinen Faltengürtels
Topographisch betrachtet
Wir verlassen die engere Heimat und betrachten die alpinen Gebirgsketten aus einer höheren Warte. Wir werden dann besser verstehen, warum das Wallis eine besondere Stellung einnimmt. Die drei grossen Einheiten, die wir dort schon kennen gelernt haben, folgen sich in gleicher Weise vom Mittelmeer an (Fig. 64). Zwischen den nicht deformierten Teilen der europäischen und afrikanischen Platte eingeklemmt, bilden Helvetikum, Penninikum und Ostalpin einen grossen Bogen um Italien herum, setzen sich fort über den Balkan, in die Türkei, durch Iran, Afganistan, in die Ketten des Himalaya bis in den Fernen Osten (Fig. 65).
Wenn auch die Namen der Einheiten und die Lage der Falten sich ändern, die Lithologie bleibt immer mehr oder weniger gleich. So ist die Internzone (Penninikum) stets die Narbe eines alten Ozeans, mit Basalten, Serpentiniten und Tiefseesedimenten.
Chronologisch betrachtet
Nun zurück zum Ende der Jura-Zeit und zum Anfang der Kreide-Zeit. Der grosse Kontinent, der beide Amerika, Afrika und Europa umfasste, ist auseinander gebrochen. Der atlantische Ozean öffnet sich von Süden her und in ihm entsteht ein mittelatlantischer Rücken mit Basaltgrund und vulkanischer Aktivität. Auf dem Breitengrad der iberischen Südküste wird der Nord teil des jungen Atlantiks durch eine gewaltige Störung abgeschnitten und nach Osten verfrachtet. Dadurch bildet sich eine ozeanische Trennung Europas von einem Teil der afrikanischen Platte. Die Geologen nennen dieses Teilstück den adriatischen Sporn, und der neue Meerestrog ist nichts anderes als der schon mehrfach erwähnte Piemont-Ozean, auf dessen Boden sich ozeanische, basaltische Kruste bildet. Damit sind wir wiederum bei den Basalten, aus denen die Serpentinite von Zermatt wurden, und die also mit der Geburt des Atlantiks verknüpft sind (Fig. 66A) In der Oberkreide-Zeit (Fig. 66B) setzen sich die Ereignisse fort. Der Atlantik öffnet sich weiter nach Norden hin. Die zukünftige Stellung-Grönlands zeichnet sich ab. Die iberische Halbinsel beginnt ihre heutige Lage einzunehmen, indem sie eine Rotation links herum ausführt, sodass sich der Golf von Gascogne, die Biskaya, auftut. Afrika gleitet weiter gegen Osten und der adriatische Sporn löst sich ab. Das hat drei weitere Vorgänge zur Folge: 1. das östliche Mittelmeer geht auf. 2. Der Piemont-Ozean wird teilweise unter die nach Norden weichende adriatische Platte verschluckt. 3. Im Südwesten bleibt der Piemont-Trog noch bestehen und bildet so das westliche Mittelmeer. In der alpinen Region bleibt der kleine Walliser-Trog noch kurze Zeit offen. Doch allmählich verschwindet auch er unter der adriatischen Platte, die immer mehr nach Norden drängt und die italienische Halbinsel bildet.
Etwas später gleitet auch die iberische Halbinsel nordwärts und löst die Pyrenäen-Faltung aus, die ungefähr gleichzeitig mit der Alpenfaltung stattfindet. Nachdem auch die Inseln Korsika und Sardinien eine Viertelsdrehung vollzogen haben, ist die heutige Topographie fast perfekt.
Natürlich ist die Rekonstruktion dieser Vorgänge hypothetisch und es wurden schon andere Erklärungen vorgeschlagen, aber auch sie beruhen auf Annahmen und zwar keineswegs aufbesseren.

