Alpenflora

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Die Alpenpflanzen fesseln uns nicht nur durch ihre Farbenpracht und ihre Fähigkeit, sich einer rauhen Umwelt anzupassen. Ihre Verteilung über weite Räume wirft bei den Biogeographen leidenschaftlich diskutierte Fragen auf. Gewisse Arten wachsen in mehreren Gebirgsketten: Alpen, Pyrenäen, Apennin, Karpathen ... Andere dagegen leben in engbegrenzten Gebieten. Die meisten dieser Arten sind offensichtlich nicht mit denen verwandt, die in den nahen Ebenen zu Hause sind.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Es leuchtet ein, dass die Auffaltung der Alpen, die daraus entstandenen klimatischen Umwälzungen, der Wechsel zwischen Zeiten der Isolierung und solchen des Austausches, das genetische Spiel stimuliert und somit die Vielfalt der Alpenflora bereichert haben. Das Erscheinen neuer Arten jedoch erfordert viel Zeit. Man vermutet, die Pflanzen der verschiedenen Gebirgszüge hätten sich bei der Hebung der Alpen im Tertiär, lange vor den Eiszeiten also, aus einer floristischen Grundmasse heraus differenziert. Diese Anschauung könnte Ähnlichkeiten zwischen der Flora von heute scharf getrennten Gebirgen erklären. Die Eiszeiten selbst erzeugten wenig neue Arten. Vor allem bewirkten sie eine Neugestaltung der Verbreitungsgebiete, was zahlreiche Folgen nach sich zog: zum ersten eine beinahe vollständige Zerstörung der alten Pflanzenwelt, dann die Zerstückelung der Lebensräume für die Alpenflora, deren Vertreter in aus dem Eismeer ragenden Refugien überlebten; weiter einen vermehrten Austausch von Gebirgskette zu Gebirgskette sowie mit dem arktischen Raum; schliesslich die Rückeroberung des Alpenraumes durch neue, aus diesem Austausch entstandene Arten. So findet man, zum Beispiel, die Silberwurz, eine arktisch-alpine Art, die in Skandinavien bis am Meeresstrand wächst, Tausende von Kilometern davon entfernt auf unseren Gipfeln.

Vikariierende Arten

Die Botaniker bezeichnen mit vikariierend ähnliche Arten, welche an getrennten Standorten vorkommen. So entspricht das Lepeletiers Habichtskraut aus dem Wallis und den Westalpen dem Hoppes Habichtskraut der Ostalpen. Vermutlich haben beide einen gemeinsamen Vorfahren.
Vikariierend nennt man ebenfalls verwandte, innerhalb desselben Gebiets, jedoch an getrennten Standorten vorkommende Pflanzen. So erscheint in den Bergen, wo der Einfluss des Muttergesteins augenfälliger ist als anderswo, der Unterschied zwischen Kalk- und Silikatböden recht deutlich. Zahlreiche kalkliebende Pflanzen haben kalkfliehende Vikarianten, was folgende Paare ergibt:Schwarzrandige Schafgarbe - Moschus Schafgarbe, Schweizerischer Mannsschild - Alpen-Mannsschild, Alpen-Anemone - SchwefelAnemone, Clusius'Enzian - Kochscher Enzian, Gelber Enzian Getüpfelter Enzian, Kalk-Polsternelke - Kiesel-Polstetnelke.

Endemische Arten

Endemisch nennt der Botaniker Arten, welche, srreng lokalisiert, nur in einem begrenzten geographischen Raum wachsen. Die Alpenflora zählt 7-8% endemische Arten, das heisst etwa 350, die man nirgendwo anders findet. Die Zahl der endemischen, nur in einem Sektor votkommenden Arren ist in unseren Zentralalpen (6 Arten für die penninische Zone) viel geringer als in den Meeralpen (32 Arten), den insubrischen (26 Arten) oder den südöstlichen Alpen (24 Arten); in jenen Gebieten befanden sich während den Eiszeiten ausgedehntere Refugien und es herrschte zudem ein milderes Klima. Die meisten endemischen Pflanzen gehören zu Gattungen, die viele Vertreter im Alpenraum haben: Steinbrech, Schlüsselblumen, Enzian, Glockenblume. Gewisse wachsen allerdings unterhalb der alpinen Stufe.

Das berühmteste Beispiel für eine ausschliesslich im Wallis endemisch vorkommende Art ist die Schnee-Edelraute, eine kleine, grünliche Pflanze, die nur auf einem einzigen Gipfel oberhalb Zermatt wächst (Tafel XXVII). Für andere Arten, wie die Ausgeschnittene Glockenblume, Christs Augentrost oder der Reichästige Enzian überlappt deren Verbreitungsgebiet die Kantonsgrenzen Richtung Alpensüdhang und Tessin. Die Ausgeschnittene Glockenblume beschtänkt sich auf ein durch die Mischabelgruppe im Westen, das Aaremassiv im Norden, die Tessiner Alpen im Osten und den Monte Rosa im Süden begrenztes Gebiet. Der Christsche Augentrost ist weniger häufig anzutreffen, nimmt aber ungefähr das nämliche Gebiet in Anspruch. Was den Reichästigen Enzian betrifft, eine spätblühende Annuelle, findet man ihn im Oberwallis und im Gotthardgebiet bis nach Graubünden.

Weitere endemische Arten, die zum südwestlichen Raum gehören, sind in der Schweiz nur im Wallis zu finden: Diapensienartiger Steinbrech auf einigen Gipfeln der Drance-Täler, Gletscher-Edelraute, Drüsiger Spitzkiel, Schweizerischer Spitzkiel auf den Grenzgipfeln vom Val Ferret bis zum Simplon, Gaudins Hauswurz an einem einzigen Ort im Val d'Entremont und im Zwischbergental, Hallers Kreuzkraut im Oberwallis, Niedrige Rapunzel oberhalb Zermatt, Alpen-Steinkraut am Südhang des Gornergrats.

Gewisse endemische Arten weisen vikariierende Unterarten auf. So finden wir die seltene Polster-Miere, die an gewissen Standorten des Val dAnniviers, der Vispertäler und des Tessins gedeiht, in leicht veränderter Form in Österreich und im Süden der Dolomiten wieder. Der Keltische Baldrian, streng begrenzt auf die hohen Piemonteser Berge und den Kamm der penninischen Kette (Grosser St-Bernhard und Vispertäler), weist eine Unterart 300 km östlich, in der Steiermark auf (Abb. 86). Vermutlich wurde das Verbreitungsgebiet dieser beiden Arten während der Eiszeit entzweigerissen.

Tafel XXVI

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Einige Seltenheiten der Kalkalpen

Im Wallis sind die Kalkgebirge ausgedehnter und vor allem höher gelegen als in vielen anderen Teilen der Alpen. Ihre Flora umfasst mehrere seltene oder in ihrer Verbreitung streng lokalisierte Arten.

1.Diapensienartiger Steinbrech - Dieser endemische Steinbrech stammt aus dem südöstlichen Alpenraum. Er wachst in der Schweiz nur auf einigen Gipfeln der Drance-Täler (hier Pierre Avoi ob Verbier).

2. Arktischer Knöllchen-Steinbrech - Dieser unscheinbare, in arktischen Zonen weit verbreitete Steinbrech, kommt in den Alpen nur sporadisch vor. In der Schweiz wurde er an wenigen, feuchten und kühlen Felsen der Berner Kette beobachtet (hier Bella Lui ob Montana).

3. Fiederblättriges Veilchen - Dieses Veilchen mit eingeschnittenen Blättern wächst auf einigen Kalkschutthalden (hier am Catogne). Im Bündnerland ist es etwas häufiger als im Wallis.

4. Gewöhnliche Alpenscharte - Die kurzstielige Unterart (ssp. depressa) dieser dornenlosen Distel findet man lokal begrenzt in der Berner Kette (hier auf Bella Lui).

5. Herzblatt-Hahnenfuss - Dieser schöne Hahnenfuss wächst auf einigen Kalkbergen des Unterwallis und der Berner Kette (hier Cry-d'Er, oberhalb von Montana) sowie, etwas weiter weg, im Engadin.

Pflanzenreichtum der Walliser Alpen

Abb. 86 - Beispiel für das Verteilungsmuster einer endemischen Alpenpflanze: der Keltische Baldrian mit seinen beiden Unterarten (ssp. celtica (schraffiert) und ssp. norica (punktiert).

Der besondere Reichtum der alpinen Flora im Wallis ergibt sich aus dem Vorhandensein trockener Höhenlagen und sehr hoher, anderswo seltener Kalkgipfel. Im allgemeinen ist festzustellen, dass die Kalkgebirge reicher sind als Silikatböden. Bemerkenswerte Konzentrationen seltener Arten erscheinen auf diese Weise an den Dents du Midi, der Dent de Morcles und in der Kalkzone der Berner Kette. Letztere beherbergt an einigen Orten eine besondere Unterart der Gewöhnlichen Alpenscharte, wie auch den Arktischen Knöllchen-Steinbrech, den man in der Schweiz sonst nur im Engadin findet (Tafel XXVI).

Im Oberwallis ist das Binntal, welches auch Kalkgestein aufweist, für seine Flora berühmt. Doch die Gegenden von Zermatt und Saas sind bei weitem am reichsten. Weshalb ausgerechnet dort ? Von Viertausendern umgeben sind Gornergrat und Zermatter Becken, an ihrer Höhenlage gemessen, ausserordentlich arm an Niederschlägen. Zudem ist der Juli besonders trocken. Auf diese Weise können Pflanzen aus den Trockenhalden bis über die Gletscher hinaufsteigen und sich mit den Alpenpflanzen vermischen, wie der Französische Tragant, den man neben dem Edelweiss entdeckt. Die höchst reiche Zusammensetzung des Gesteins erlaubt das Beieinandersein von kalkfliehenden und -liebenden Pflanzen. Schliesslich muss man annehmen, dass während der Eiszeit um das Monte-Rosa-Massiv herum besonders weite und sonnige Refugien existierten, was vielen Pflanzen eine Überlebenschance gab. Zum grossartigen Panorama des Matterhorns gesellt sich ein einmalig vielfältiger Blumenschmuck (Tafel XXVII).

Tafel XXVII

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Die Vispertäler und ihre seltene Flora

Die Täler von Saas und Zermatt beherbergen mehr als irgendeine andere Gegend eine Reihe seltener Arten. Diese aussergewöhnliche Vielfalt rührt vom äusserst vielfältig zusammengesetzten Gestein, von gewissen klimatischen Besonderheiten, sowie von für die Pflanzenwelt während der Eiszeit besonders glücklichen Bedingungen her.

1. Hallers Kreuzkraut - Tritt endemisch zwischen Zermatt und Simplon (hier in Mattmark, zuhinterst im Saastal) auf.

2. Hallers Primel - Wächst auf Kalk zwischen den Vispertälern und dem Binntal (hier in Mattmark).

3. Goldprimel (Douglasie) - Prächtige Vertreterin der Familie der Schlüsselblumen. Ähnliche Verteilung wie die vorhergehenden, jedoch auf Silikat (hier in Zermatt).

4. Schnee-Edelraute - Äusserst seltene, nur im Wallis bekannte Art. Sie galt lange als ausgestorben, bis sie Egidio Anchisi an den Hängen oberhalb Zermatt neu entdeckte. Von allen anderen Edelrauten unterscheidet sie sich durch völlig unbehaarte Stengel und Blätter.

Siehe auch