Fichtenwälder

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Abb. 66 - Von breiten Lawinenschneisen durchzogene Fichtenwälder oberhalb Trient. Die Kalkfelsen der Croix-de-Fer werden von Bergföhren kolonisiert.

Die Fichte ist die im Wallis verbreitetste Art. Sie allein bedeckt mehr als die Hälfte der Waldfläche im Kanton. Würden Sie sich die Zeit nehmen, sämtliche Fichten zu zählen, kämen Sie vermutlich auf die eindrückliche Zahl von 15 Millionen. Und doch ist die Fichte die letzte Art, die nach dem Zurückweichen der Gletscher bei uns Fuss fasste. Sie erschien im Wallis vor kaum 4000 Jahren. Heute bilden die Fichtenwälder über den Bergdörfern weite, dunkle Flecken, welche von Lawinenrunsen und durch vom Menschen gerodete Flächen unterbrochen werden. In den trockenen Tälern tritt an Stelle der Fichte teilweise oder ganz die Lärche. In hohen Lagen wächst die Fichte manchmal neben der Arve. In feuchten Gegenden, wie dem Unterwallis, gesellt sich oft die Weisstanne zu ihr. Die äusserlich einheitlich scheinenden Fichtenwälder enthalten in Wirklichkeit eine grosse Vielfalt an Pflanzengesellschaften, von den trockenen und kalkhaltigen zu den feuchten und sauren Böden. Doch, bevor wir auf diese Nuancen eingehen, lasst uns den Baum genauer kennenlernen!

Inhaltsverzeichnis

Charakter der Fichte

Abb. 67 - Dank ihrer oberflächlichen Verwurzelung vermag die Fichte selbst an den felsigen Hängen des Val du Trient sich festzusetzen.

Eine eher dunkle Gestalt, leicht hängende Äste und ein spitzer Wipfel: dies sind die Kennzeichen der Fichte. Wenn auch oft Rottanne genannt, darf sie nicht mit der Weisstanne, die wir eben beschrieben haben, verwechselt werden. Von der Weisstanne unterscheidet sich die Fichte durch ihren Habitus, durch die Farbe sowie durch mehrere besondere Eigenschaften: rötliche Borke, feine, bürstenartig um den Zweig angeordnete Nadeln, hängende, nicht zerfallende Zapfen. Die Fichte ist lichthungrig und vermag dank ihrer oberflächlich verlaufenden Wurzeln auf sehr verschiedenen, oft dünnen, felsigen oder ausgewaschenen Böden Fuss zu fassen. Deshalb kann man sie beinahe überall anpflanzen. Sie besitzt eine grosse Expansionskraft und hat in kürzester Zeit Alpweiden oder verlassenes Kulturland zurückerobert.

Doch besitzt die Fichte auch negative Eigenschaften, welche die Entwicklung der Wälder beeinträchtigen. Sie bildet einen sauren, dicken, für die Pflanzen des Unterholzes wenig gastfreundlichen und für den Boden ungünstigen Humus. Deshalb sehen die Biologen die gleichförmigen Fichtenpflanzunger, welche im Mittelland und im Chablais so manche natürliche Laubbaum-Bestände verdrängt haben, sehr ungern. Das Überhandnehmen der Nadelhölzer ist landweit bekannt. Die Fichte ist Windstössen, der Schneelast, dem Steinschlag und dem Pilzbefall äusserst ausgesetzt. Sie leidet unter der Luftverschmutzung und, in letzter Zeit besonders, den Angriffen aufsässiger Insekten. Einer der gefürchtetsten, der Buchdrucker genannte Borkenkäfer, hat auf dem Gemeindegebiet von Martigny-Combe einen durch Windwurf aus dem Gleichgewicht geworfenen Bannwald vollends zerstört. Der Kampf gegen diese Parasiten besteht darin, dass man sie dank eines synthetisch hergestellten Pheromons, ein Duftstoff der die Geschlechter zueinander führt, in Fallen lockt. Seinen ersten Auftritt gab der Fichtenspinner, ein Kleinschmetterling, dessen Raupen die Nadeln fressen, 1981 in den Gemeinden von Savièse und Conthey. In wenigen Jahren breitete er sich bis Martigny und Turtmann aus.

Flora der Fichtenwälder

Abb. 68 - Das Wald-Weidenröschen gedeiht in grosser Zahl in natürlichen wie künstlichen Lichtungen der Tannen- und Fichtenwälder. Die reife Frucht öffnet sich und gibt die winzigen, von einem Fallschirm getragenen Sämchen frei.

Die Fichtenwälder haben eine verhältnismässig arme und wenig eigenständige Flora. Wer wollte schon bei so wenig Licht im Unterholz und auf einem so sauren Boden "Wurzeln schlagen ? Im Schatten bildet der Wald-Wachtelweizen seinen weiten, grünen Teppich, in welchem gegen Sommerende gelbe Blüten helle Tupfen setzen. An helleren Standorten begegnen Sie bestimmt dem Vogelbeerbaum, einem Bäumchen mit gefiederten Blättern, der sich im Herbst mit prächtigen, scharlachroten Beeren schmückt. In den trockenen, vot kurzem durch Lawinenzug, Windwurf oder Kahlschlag aufgerissenen Lichtungen, werden Sie vermutlich überrascht sein vom üppigen, wenn auch nur vorübergehenden Wuchern zweier Arten: des Himbeerstrauchs, der im zweiten Jahr Früchte rrägt, und des Wald-Weidenröschens (Abb. 68), welches das gute Licht nutzt, seine prächtigen rosafarbenen Garben entfaltet und zahllose Fallschirmsämchen in die Herbstsonne entlässt. Bald wird der Wald auch hier die Oberhand zurückgewinnen.

Tafel XIV

Fichtenwälder

1. Fichtenwälder und Ahornbestände in Tanay - Im Unterwallis trifft man an der oberen Baumgrenze fast ausschliesslich Fichten an. Dieser Baum besiedelt ebenso gut felsiges Gelände wie Alpweiden. Auf den grossen Blöcken eines früheren Bergsturzes hat sich ein durch Beweidung zum Teil in Mitleidenschaft gezogener Ahornwald gebildet.

2. Fichtenwald in Montana - Im Mittelwallis gesellt sich zur Fichte oft die durch Eingriffe des Menschen bevorteilte Lärche. Hier besteht der Unterwuchs aus Rostblättriger Alpenrose (dunkle Blätter) und Heidelbeere (helles Grün).

3. Feuerlilie und Kugelginster - Die felsigen und trockenen Hänge bilden Lichtungen in den Fichtenwäldern oberhalb von Arbaz und weisen eine sehr reiche Flora auf. Zwischen den Büschen des Kugelginsters (lokale Besonderheit) prangen, die seltene Feuerlilie, die Astlose Graslilie (weiss) und das Berg-Laserkraut, ein typischer Doldenblütler auf Kalkfelsen.

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Fichtenwälder der montanen Stufe

In der Praxis fällt es schwer, zwischen den verschiedenen Fichtenwäldern zu unterscheiden, so sehr sind sie überall verbreitet und so wenig typisch ist ihre Flora. Im kontinentalen Klima des Wallis ist der obere Gürtel der subalpinen Stufe nicht immer das Reich der Waldföhre. Die natürlich gewachsenen Wälder sind oft trockene Fichtenwälder. Die Trockenheit kommt in der Gestalt der Fichte zum Ausdruck: der Baum breitet seine Äste bis zum Nachbarn aus, was das Unterholz in tiefes Dunkel taucht.

Der Kreuzblumen-Fichtenwald vermischt sich oft mit den Föhrenwäldern und findet sich hauptsächlich im Mittelwallis an trockenwarmen Kalkhängen von 1300 m ü. M. an. Die Fichte wird kaum höher als 25 m. Im Unterholz bildet die Buchsblättrige Kreuzblume immergrüne Horste. Ihre weissen Blüten, mit ihrer gelben oder purpurfarbenen Kehle, erscheinen bei der Schneeschmelze und duften angenehm nach Apfel. Man findet die Weisse Segge wieder, das Rote Waldvögelein, die Moosorchis und einige weitere alte Bekannte aus den Föhrenwäldern. Im Sommer färben sich die Lichtungen und Waldränder um Montana knallgelb. Der Kugelginster bedeckt mit seinen dichten Blütenständen weite Flächen. Dieser Strauch wächst in der Schweiz nur im Unter-Engadin und im Wallis, am rechten Rhoneufer zwischen Conthey und Leuk. Auf der linken Talseite kennt man einen einzigen Standort, oberhalb von Saint-Martin.

Der Perlgras-Fichtenwald entspricht dem vorhergehenden auf saurem Boden. Dieser Wald ist kennzeichnend für die Innentäler der Alpen und beschränkt sich auf trockene Regionen im Kanton, wie die von Ried-Mörel. An seinen wärmsten Ecken beherbergt er die Waldföhre und die Berberitze. Unter den wichtigsten krautigen Pflanzen finden Sie mehrere säureliebende, wie die Betonienblättrige Rapunzel, den Tüpfelfarn und die Schneeweisse Hainsimse. Als kennzeichnendes Gras wird das Nickende Perlgras neben grösseren Arten gern übersehen.

Der Ehrenpreis-Fichtenwald ist im ganzen Wallis verbreitet, auf massig sonnigen Hängen zwischen 1200 und 1600 m Höhe. Er entspricht ziemlich reichen, weder zu trockenen noch zu feuchten Böden. Er ist der ertragreichste Wald des Kantons. Verweilen Sie doch einen Tag in der Gegend von Grengiols oder Ernen im Goms. Gegen 1400 m ü. M. treten Sie in einen reinen Fichtenwald ein, dessen einzelne Bäume bis 35 m hoch werden. Im Schatten der Riesen sind die Gräser wenig entwickelt. Sie werden einige Gruppen des Breitblättrigen Ehrenpreises erkennen, der von weitem, wären nicht die kleinen Lilablüten, den Brennesseln ähnelt. Das Vorhandensein dieser Art sagt aus, der Boden befinde sich, was Wasser und Nährstoffe betrifft, im Gleichgewicht. Der Ehrenpreis wird von Pflanzen wie dem Wald-Wachtelweizen und der Schneeweissen Hainsimse begleitet, welche auf einen leichten Säuregehalt des Bodens hinweisen.

Subalpine Fichtenwälder

Abb. 69 - Heidelbeer-Reitgras-Fichtenwald oberhalb von Saint-Martin. Lärchen mischen sich unter die Fichten. Im Vordergrund das Wollige Reitgras (längliche Blätter), der Meisterwurz (blühende Dolden) und die Sträucher der Alpenrose.

Wechselt man von der montanen zur subalpinen Stufe, so ist der Übergang an den Fichtenwäldern nicht leicht abzulesen. Doch gleichen die Bäume immer mehr schlanken Säulen: keine ausladenden Äste, sondern eng an den Stamm hängende. Auf diese Weise hat der Baum weniger Schneelast zu tragen. Die hohen, schmalen Kronen lassen mehr Licht bis zum Boden dringen, was die Unterwuchsvegetation nutzt um sich zu entfalten. Unter den typischen subalpinen Arten sei der Alpenlattich erwähnt. Andere, wie die Bärtige Glockenblume stammen aus umliegenden Weiden. In solchen Wäldern kann die Lärche dank menschlicher Eingriffe eine wichtige Rolle spielen.

Der Preiselbeer-Fichtenwald wächst auf kargen und sauren Böden an trockenwarmen Hängen. Nehmen wir als Beispiel die Wälder oberhalb Verbier. Die Fichte herrscht vor, erreicht indessen kaum mehr als 22 m Höhe. Das Unterholz ist durch das Vorhandensein von zwei Zwergsträuchern gekennzeichnet: die Heidelbeere in eher schwächlichen Exemplaren und die Preiselbeere, mit dicken Blättern und roten Beeren. An offenen Standorten blüht im Herbst die Besenheide, was auf sehr sauren Boden schliessen lässt. Aus den säureliebenden Föhrenwäldern finden wir eine alte Bekannte wieder: die Drahtschmiele.

Abb. 70 - Der Alpendost-Fichtenwald ist sehr produktiv und reich an Farnarten.

Der Heidelbeer-Reitgras-Fichtenwald (Abb. 69) ist im ganzen Kanton auf kühlen Schattenhängen gut vertreten. Er entspricht sauren und ziemlich feuchten Böden. Verlassen wir den Fichtenwald oberhalb Verbier; gehen wir über den Pass Croix-de-Coeur zu den Mayens de Riddes hinunter. Wir machen um 1800 m ü. M. Halt. Hier wachsen die Fichten bis zu einer Höhe von 30 m. Im dunkeln Unterholz ist die Heidelbeere kräftiger. An helleren Stellen breitet das Wollige Reitgras seine langen und feinen Blätter hangabwärts wie Haarsträhnen aus. Durchschreitet man das Unterholz nach Regen oder im Morgentau, hat man im Nu nasse Knie. An anderen Stellen beherbergen moosige Felsen kleine Gärtchen von Berg-Bärlapp (Abb. 71) und Keilblättrigem Steinbrech.

Der Alpendost-Fichtenwald (Abb. 70) ist dem gleichnamigen Tannenwald ähnlich, und wächst wie dieser an Schartenhängen mit langer Schneebedeckung und auf mit feiner Erde angereicherten Böden. Er ist der fruchtbarste aller alpinen Fichtenwälder. Die Bäume erreichen 30 m Höhe. Der hohe Wuchs und die Beschaffenheit des Bodens macht sie gegen Witidwurf empfindlich, weshalb der Sturm in Beständen oberhalb von Monthey beträchtlichen Schaden anrichtete. Bei gutem Licht entwickeln sich Hochstauden wie der Graue Alpendost, während der Sauerklee und das Gelbe BergVeilchen sich bescheiden in die dunkleren Stellen des Unterwuchses zurückziehen.

Abb. 71 - Der Berg-Bärlapp mit seinen Jahrestrieben.

Der Hainlattich-Fichtenwald schliesslich ist eine "Spezialität" der beweideten Flächen auf Kalkboden. Meistens ersetzt er einen überalterten Tannenwald; er ist der einzige Bestand, wo der Humus aus Nadeln den Boden nicht vollständig versäuert. Die Höhen ob Montana liefern hierfür gute Beispiele. Der dem Löwenzahn ähnelnde Hainlattich bedeckt stellenweise den Boden. Das Vieh meidet ihn seines übelriechenden Saftes wegen.

Siehe auch