Flachmoore
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Die Flachmoore nennt man auch Niedermoore, um sie den Torfoder Hochmooren gegenüberzustellen, deren Oberfläche leicht gewölbt ist. Gewisse entwickeln sich am Ufer von Seen oder Weihern. In den Niederungen nehmen die Flachmoore Wannen mit oberflächennahem Grundwasser ein. In den Bergen befinden sie sich in vom Gletscher ausgehobenen Mulden, in Dohnen oder am Ufer mäandrierender Flüsschen. Die Hangrieder bilden eine Gruppe für sich. Sie werden von Quellen gespeist, manchmal durch Sickerwasser aus Suonen oder künstlichen Behältern. Kalkgestein schafft durch seine Ritzen günstige Voraussetzungen für das Versickern und wieder Zutagetreten des Wassers. Flächenmässig konzentrieren sich mehr als die Hälfte der Hangrieder im Kanton auf der montanen Stufe, zwischen Salentse und der Raspille, einer Gegend wo Kalkschiefer vorherrscht.
Die Vegetation der Flachmoore wird durch Zahl und Vielfalt der Seggen gekennzeichnet. Diese zur Familie der Cyperaceae (Ried- oder Scheingräser) gehörenden Pflanzen ähneln den Gräsern, unterscheiden sich jedoch durch den dreieckigen Querschnitt der Stengel und ihren meist eingeschlechtlichen, männlichen oder weiblichen Ährchen. Bestimmen lassen sich die Seggen vor allem durch die Früchte, die im Frühsommer gebildet werden.
Wie die Weiher beherbergen auch die Flachmoore mehrere gerrennte Vegetationstypen. Von den feuchten Zonen zu den trockeneren reihen sich folgende Elemente aneinander: Grosseggen, Kleinseggen, Pfeifengras und Hochstauden.
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Grosseggenrieder
Diese Rieder wachsen an den feuchresten Standorten. In der Ebene herrscht die Steife Segge vor; sie passt sich den Schwankungen des Wasserspiegels an, indem sie bis 60 cm hohe und 40 cm breite Horste bildet, wie in Pouta-Fontana (östlich des Beobachtungspostens).Wer von Horst zu Horst schreiten will, ohne nasse Füsse zu kriegen, muss akrobatische Fähigkeiten beweisen! Zwischen diesen Horsten gedeihen Pflanzen wie das Sumpf-Helmkraut, das SumpfWeidenröschen oder die Bach-Minze. Im Ried Les Morteys bei Ardon, wo alle diese Arten noch vorhanden sind, findet der Grosse Sumpf-Hahnenfuss mit seinen schönen, glänzend gelben Blüten seinen letzten Standort im Wallis.
Von 900 m Höhe an macht die Steife Segge verwandten Arten nach und nach Platz: Sumpf-Segge, Rispen-Segge und die im Wallis seltene Schlanke Segge. Diese Assoziationen wachsen kleinflächig in der Maraîche (Salvan) oder in Lens (Ufer des Louché und Miriouge-Sees).Von der subalpinen Stufe an aufwärts wandelt sich das Grossseggenried in einen zusammenhängenden, unter 10 bis 50 cm Wasser srehenden Teppich hoher Seggen, deren Dichre mit zunehmender Tiefe abnimmt. Charakteristische Arten sind die Blasen-Segge mit grünen, die Schnabel-Segge mit blau-grünen Blättern (Abb. 102). Oft mischt sich auf guter Schlammschicht der Fieberklee in diese Gesellschaft. Auf der alpinen Stufe herrscht die Schnabel-Segge vor.
Kleinseggenrieder
Diese Rasen entsprechen stets nassen Böden und weisen eine sehr reiche Flora auf, deren Zusammensetzung je nach Säuregehalt des Wassers und des Bodens variiert; auf einer Kontrollfläche von 25m2 zählt man bisweilen mehr als 50 Arten. Die Kleinseggen bilden auf einem Moosteppich dichte Rasen.
Die Davallseggen-Gesellschaft wächst auf Kalkboden. Schöne Beispiele liefert das grosse Moor der Moilles oberhalb von Troistorrents im Val d'Illiez. Die Davalls Segge erkennt man an ihren feinen, bald männlichen, bald weiblichen Horsten. Die weissen Büschelchen des Breitblättrigen Wollgrases (Abb. 103) wiegen sich über Hosrs Segge und Gelber Segge. Mehrere Orchideen, darunter die Gemeine Sumpfwurz, das Fleischrote Knabenkraut, manchmal sogar die seltene Sumpf-Orchis setzen farbige Akzente. Gängige Arten wie Sumpf-Schachtelhalm, Gemeiner Tormentill, Scharfer Hahnenfuss oder das Herzblatt (Abb. 103) finden sich gleichfalls in anderen Gesellschaften. Mit zunehmender Höhe verarmt die Flora; das Fleischrote Knabenkraut wird durch das Breitblättrige abgelöst.
Die Davallseggen-Gesellschaft findet man bis zu 2200 m ü. M., an warmen Standorten wie der Combe de Chaulué oberhalb Hérémence oder dem Ried von La Liaz oberhalb Mauvoisin.
Die Kopfried-Gesellschaft tritt vor allem in den Hangriedern in Erscheinung, in der Nähe von kalkhaltigen, tuffbildenden Quellen. Von weitem sichtbar ist das Grau-Grün der Kopfried-Horste, die aus fadenförmigen, harten und stechenden Blättern bestehen. Der Hauptunterschied zu den Seggen besteht in einem eiförmigen Blütenstand, über den eine Blattspitze herausragt (Abb. 104). Das seltenere Schwärzliche Kopfried unterscheidet sich vom Rostroten Kopfried durch grösseren Blütenstand und längere Spitze. Diese hochspezialisierte Vegetation ist äusserst wertvoll: sie zeichnet sich durch die Vielfalt ihrer Flora wie auch durch ihre äusserste Verletzlichkeit auf die geringste Störung des Wasserhaushaltes aus. Im Frühling streut die Mehlprimel ihre Rosatupfen über den grauen Rasen hin. Das Gemeine Fettblatt, fleischfressendes, violett blühendes Pflänzchen, gedeiht auf feuchtem Grund. Dessen klebrige Blätter halten die Insekten, die das Pech haben, sich darauf zu setzen, zurück und verdauen sie. Die himmelblauen Farbtöne sind dem Aufgeblasenen Enzian zu verdanken.
Wenn das Ried von Ninda oberhalb Savièse als das schönste und vor allem an Orchideen reichste des Kantons gilt (Tafel XXXIV), ist dies seinem Kopfried-Rasen zu verdanken. Sprechen wir zunächst von der seltenen Sumpf-Orchis, die ihre grossen rosa Blüten auf stolz getragenem Stengel präsentiert. Sie gedeiht ebenso auf Moos wie auf kargem Boden. Neben soviel Pracht wird die äusserst seltene Zwiebelorchis auch von Kennern beinahe übersehen (Abb. 105). Und doch, welche Anmut an dieser kleinen Orchidee mit ihren bescheidenen, grünlichen Blüten! Äussere und innere Blütenblätter verbinden sich wie zu einer harmonischen Tanzbewegung. Die dritte im Bund, die bemerkenswerte Sommer-Wendelähre, schätzt die reinen KopfriedRasen. Ihre kleinen, weissen, fein bewimperten Blüten sind spiralförmig um die Ähren angeordnet: ein kleines Wunder! Im Pflanzenreich haben diese drei Arten Symbolwert: sie verkörpern Schönheit, Seltenheit und Zartheit. Mangels geeigneter Biotope sind sie dem Untergang geweiht. An ihrem letzten Zufluchtsort in Savièse sind sie der geringsten Änderung im Wasserhaushalt ausgeliefert. Die Entdeckung solcher Blumen soll in uns nicht nur tiefe Achtung hervorrufen, sondern auch die Verpflichtung, etwas Konkretes zur Erhaltung eines solch unermesslichen Reichtums zu unternehmen.Die Braunseggen-Gesellschaft wächst auf saurem Boden. Sie ist floristisch etwas weniger reich als die Kopfried-Rasen. Hier ist das Sumpf-Veilchen zuhause, wie auch die Graue Segge. Der Boden der auf Kalk befindlichen Senken wird mit der Bildung von Humus etwas sauer, so dass Braun- und Davalls Segge sich manchmal vermischen. In höheren Lagen sind humusreiche Böden sauer, was die Vorherrschaft der Braunen Segge erklärt.
Die Rasenbinsen-Gesellschaft (Abb. 106) wächst neben der vorherigen auf sauren Böden in höheren Lagen; sie bekundet eine Vorliebe für weniger feuchte Standorte. Die kleinen Horste der Rasenbinse bilden einen dichten Teppich, der eher arm an Arten ist: das Gemeine Fettblatt ist da in Gesellschaft des Alpenlattichs. Im Herbst färbt sich diese Gesellschaft gelb.
Tafel XXXII
Flachmoore der Ebene
Auf untenstehender Karte mögen die Flachmoore noch recht zahlreich erscheinen. Doch befinden sich die meisten in höheren Lagen. In der Ebene sind praktisch sämtliche verschwunden; die hier dargestellten pflanzlichen Raritäten sind demzufolge in höchstem Masse gefährdet.
1. Grosseggenried - Die Steife Segge bildet grosse, runde Horste, die sich dem wechselnden Wasserstand anpassen können. Die ersten frischen Triebe durchstossen das verdorrte Gras des Vorjahres. In der Ebene besteht diese leicht auszumachende Pflanzengesellschaft nur mehr an ganz vereinzelten Standorten.
2. Sumpf-Helmkraut - Diese mit der Steifen Segge vergesellschaftete Pflanze findet ihre letzten Rückzugsgebiete in den Sümpfen von Ardon und Vionnaz, wie auch im alten Rhonearm bei Saxon.
3. Sumpf-Storchschnabel - Eine äusserst gefährdete Art, die kürzlich aus dem Sumpf bei Vionnaz verschwand, in Port-Valais hingegen noch lebt. Wird ihr das gleiche Schicksal wie der Sumpf-Gladiole und der Sibirischen Schwertlilie Iris beschieden sein ?
4. Kantiger Lauch - Diese seltene Art überlebt schlecht und recht in den Pfeifengtaswiesen einiger Riedflächen und Flachmoore in tieferen Lagen, wie im Pfynwald und in Ardon.
Tafel XXXIII
Kanäle
Die Kanäle wurden im Zuge der Rhonekorrektur zwischen 1873 und 1944 ausgehoben, um die feuchten Zonen zu entwässern und die Ebene zu meliorieren. Einige führen Wasser nur bei höchstem Grundwasserstand, andere immer. In ihrem relativ sauberen Wasser findet man oft das Faltige Süssgras, den Wasser-Ehrenpreis, die Brunnenkresse, die Bachminze; manchmal auch die Kleine Wasserlinse, die wie ein Miniarurfloss mit Hängewürzelchen aussieht. In nicht allzu kaltem Wasser erscheinen andere Arten: der Ästige Igelkolben und der Grosse Sumpf-Hahnenfuss, die man noch im Canal de Ceinture in Ardon bewundern kann. Der Grosse Wasserhahnenfuss sowie der Haarblättrige Wasserhahnenfuss, beide mit weissen Blüten, vermögen sich in Kanälen mit starker Strömung festzusetzen. Im verschmutzten Wasser hingegen überleben nur wenige Arten, unter ihnen der Teichfaden und das Kammförmige Laichkraut.
Die wenigen Kanalböschungen, die einer regelmässigen Mahd entgehen, bieten eine interessante Pflanzenwelt an. Dort wachsen Sträucher, Schilf, sowie die hauptsächlichen Arten der Hochstauden im Ried: Gewöhnlicher Gilbweiderich, Wasserdosr, BlutWeiderich und Gebräuchlicher Baldrian. Dort blüht, vornehmlich im Unterwallis und von allen Spaziergängern bestaunt, die Gelbe Schwertlilie. Was die Sibirische Schwertlilie betrifft (Zeichnung), war sie das Prunkstück der Pfeifengraswiesen. Sie fiel der Meliorierung der Ebene zum Opfer. Für den Unterhalt der Kanalböschungen genügte eine einjährige, vielleichr sogar eine zweijährige Mahd vollauf. Leider werden die meisten unserer Kanalböschungen mit absurdem Srarrsinn regelmässig kahl gemäht. Dazu kommt, dass die Kanäle einen Grossteil unserer Abwässer aufnehmen, was eine beträchtliche Verarmung der Wasserflora nach sich zieht. Ihr heutiger Zustand ist besorgniserregend. Ein Umdenken tut Not!
1. Canal de Ceinture in Ardon - Ist das Wasser sauber und werden die Böschungen nicht wie Zierrasen behandelt, können die Kanäle stellvertretend für manch zerstörtes Ried den Wasserpflanzen Zufluchr bieten. Der Kanalgrund ist mit dem Ästigen Igelkolben (lange, schmale Blätter), dem Gemeinen Froschlöffel (Vordergrund, breite Blätter) bewachsen. Schilf und blühender Gebräulicher Baldrian schmücken die Böschungen.
2. Wasservegetation - Falls nicht verschmutzt, beherbergr der Kanal beim "Camping des Iles" in Sitten das Faltige Süssgras (lange, schmale Blätter), den Frühlings-Wassersrern (ganz kleine Blätter), den Wasser-Ehrenpreis (Stengel unter Wasser, abgerundete Blätter), den Gift-Hahnenfuss (gelappte, schwimmende Blätter), den Haarblättrigen Wasserhahnenfuss (kleinere, schwimmende Blärrer, blau-grün und gelappt, die untergetauchten fadenförmig aufgelöst)
3. Graue Kratzdistel - Diese Distel wurde ersr kürzlich im Mittelwallis endeckt. Eine botanische Première für die Schweiz! Sie wächsr am Rande der Riedflächen und Kanäle. Drei der vier eben entdeckten Standorte wurden schon zerstört!
4. Grosser Sumpf-Hahnenfuss - Letzter Zufluchtsort für diese prächrige Pflanze: das Ried von Ardon und dessen Canal de Ceinture. Würden die Böschungen wie Zierrasen gemäht, überlebre der stolze Hahnenfuss nicht lange.
Tafel XXXIV
Hangrieder
1. Das Ried von Ninda ob Savièse - Dieses Hangried bedeckt 5ha und ist prächtig in eine Zone von Wäldern, Hecken und gut gepflegten Wiesen eingebettet. Zweifellos das schönste im ganzen Kanton. Die zarten Farbtöne erlauben es, verschiedene, für Hangrieder auf Kalk kennzeichnende Pflanzenassoziationen zu unterscheiden: Kopfriedbestände (gräulich), Knotenbinsengesellschaft (dunkelgrün), Pfeifengraswiesen (hellgrün) und Mähwiesen (gelblich).
2. Bestände der Stumpfblütigen Binse - Das Fleischrote Knabenkraut gedeiht im Moos, in lockeren Beständen von Schilf, Knoten-Binse (feine, dunkle Stengel) und Breitblättrigem Wollgras (weiss). In Savièse gesellen sich zu ihm weitere, äusserst seltene Orchideen: Sommer-Wendelähre, Zwiebelorchis (Zeichnung links; Details: Frucht, Blüte), Sumpf-Orchis (Zeichnung rechts, mit Blättern des Gemeinen Tormentill und Horste des Rostroten Kopfrieds).
3. Gemeine Sumpfwurz - Typische Orchidee des Kleinseggenrieds.
Pfeifengraswiese
Die Pfeifengraswiese weist auf Wechselfeuchtigkeit hin und bildet somit den Übergang zum Rand des Rieds. Das Blaue Pfeifengras wird 10-100 cm hoch (Abb. 107), bildet fahlgrüne Rasen, die im Herbst vergilben. Es vergesellschaftet sich mit der Herbstzeitlose, dem Grossen Wiesenknopf, dem Färber-Ginster und wenig verbreiteten Pflanzen wie dem Kantigen Lauch, dem Lungen-Enzian und der Natterzunge, einem kleinen, eigenartigen Farn (Abb. 107). In eben diesem Lebensraum wuchsen einst im Unterwallis die herrliche Sumpf-Gladiole und die Sibirische Schwertlilie (Zeichnung Tafel XXXIII). Beide sind heute aus dem Kanton verschwunden. Die Pfeifengraswiesen litten nicht bloss unter der Entwässerung, sie litten auch unter der Aufgabe der Mahd. Früher wurden sie als Streuwiesen regelmässig gemäht. Nun sind sie sich selbst überlassen. Sie trocknen aus und werden von Hochstauden oder Sträuchern wie Aschgraue Weide, Sal-Weide, Faulbaum und Gemeiner Schneeball überwachsen. In den Niederungen befinden sich die letzten bedeutenden Pfeifengraswiesen im Ried Les Morteys bei Ardon. Auf der montanen Stufe sind sie noch recht gut vertreten, verarmen indessen von 1000 m Höhe an. In Höhen über 2000 m verschwinden sie, um dem Haarried Platz zu machen.
Eine Knotenbinsengesellschaft bildet oft den Übergang zu den Kleinseggenriedern in den Kalkgebieten. Die Stengel der Knoten-Binse sind 40 bis 80 cm hoch (Abb. 107) und verleihen der Gesellschaft eine typische Farbe: dunkelgrün im Sommer, rostbraun im Herbst.
Hochstaudenfluren
Die Pfeifengras wiese ist oft von einem Hochstaudenkranz umgeben. Diese üppige Vegetation zieht Nutzen aus den in den umliegenden Wiesen ausgestreuten Düngemitteln. Sie bildet eine Pufferzone und schützt das Ried vor einem Übermass an Nährstoffen, was dessen Flora verarmen liesse. Wird sie nicht gemäht, erreicht sie eine Höhe von 1 bis 2 m und verhindert jegliches Wurzelfassen seitens der Sträucher. Sie sieht wie ein verlassener Garten aus. Die charakteristische Art ist die ihrer Heilkräfte wegen wohlbekannte Spierstaude. Neben den gelben Garben des Gewöhnlichen Gilbweiderichs, den karminroten Stengeln des Blut-Weiderichs oder den rosa Blüten des Wasserdostes bleiben Sumpf-Segge und Gelbe Wiesenraute beinahe unbeachtet.
Siehe auch

