Flaumeichenwälder

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Die Flaumeiche ist einer der seltenen Laubbäume, welche die sommerliche Hitze und die Trockenheit der Sonnenhalden des Rhonetales ertragen. Dieser submediterrane Baum erreicht in unserem Land die Nordgrenze seiner Verbreitung. Er findet sich an bevorzugten Orten im Tessin, in Graubünden, am Jurafuss und im Chablais. Er bildet typische, buschige Bestände, oft durchsetzt mit Rundhöckern und Steppenrasen. An ihrem Standort zwischen Martigny und Siders, erkennt man die Eichenwälder von weitem an ihrem hellen Grün, das sich vom dunkeln der Föhren abhebt. Im Herbst sind sie besonders schön auszumachen, wenn die Eichenblätter sich hellbraun färben, eine Tönung, die sie bis tief in den Winter hinein beibehalten, denn die Eiche wirft ihre Blätter erst spät ab. Heute macht der Mensch diesen Beständen verbissen jeden Quadratmeter streitig. In der Landschaft muss man förmlich nach ihnen suchen. Diese charakteristischen Bestände besitzen einen hohen biologischen Wert: es sind kleine Inselchen einer mediterranen Welt, die zur Entdeckung wenig bekannter Blumen und unzähliger Insekten einlädt. Dort hört man die Zikaden zirpen wie in Südfrankreich.


Inhaltsverzeichnis

Tafel XVIII

Flaumeichenwald an den Follatères

Der Flaumeichenwald wächst an warmtrockenen Sonnenhängen, auf Felsbuckeln (Vordergrund) wie auch auf Geröllhalden (Hintergrund). Die Schneeballblättrigen Ahorne haben ihren orange-farbenen Herbstmantel schon umgeworfen; die Flaumeichen nehmen gelbe Farbtöne an, welche bald durch das Braun der verdorrten, winterbeständigen Blätter ersetzt werden. Im Hintergrund: Fully, Rhone und Bietschhorn.

Charakter der Flaumeiche

Auch wenn sie meist nicht höher als 8-10 m wird, kann die Flaumeiche doch 20 m erreichen. Ihren Namen verdankt sie feinen Härchen an der Blattunterseite und auf den jungen Trieben. Dieser Flaum ist eine Anpassung an die Trockenheit. Er verhindert Wasserverlust durch Verdunsten. Blätter und Triebe der Trauben- und Stieleiche haben viel weniger Haare. Letztere Arten sind vor allem im Unterwallis vertreten, erstere auf kargen, trockenen und eher kahlen Böden, wie man sie auf gewissen Geröllhalden findet; die zweite mit Vorliebe auf feuchten, fruchtbaren und kalkhaltigen Böden der Ebene. Die drei Arten können sich kreuzen, was das Bestimmen bisweilen erschwert. Die Flaumeiche braucht vor allem Wärme. Im Wallis steigt sie kaum über 1300 m. Je höher sie sich ansiedelt, desto mehr Sonne braucht sie. In etwas kühleren Lagen sucht sie die Nachbarschaft von Rundhöckern, die ihr als Wärmespeicher dienen. Zur Zeit, wenn die Knospen sich öffnen, fürchtet die Flaumeiche, wie die Rebe, die Frühlingsfröste. Also meidet sie die Ebene und die Mulden, in denen sich Kaltluft ansammelt. In der Gegend des Pfynwaldes siedelt sie sich zuoberst auf den Hügeln an. Dichte Bestände bilden sich nur auf ziemlich tiefgründigen Böden.Bei uns stehen die Flaumeichenwälder oft in engem Kontakt mit den Föhrenwäldern. Die Flaumeiche wächst langsamer als die Waldföhre, ist jedoch widerstandsfähiger. Fällt man sie, oder wird sie das Opfer eines Waldbrandes, regeneriert sie sich aus dem Wurzelstock. Sie ist auch dafür bekannt, viele Parasiten anzuziehen, doch überlebt sie unentwegt. Im Juli 1985 wurde sie an den Hängen der Follatères durch die Raupen des Eichenspinners kahlgefressen. Noch vor dem Herbst jedoch trieb sie neue Blätter. Sie erzeugt bedeutend weniger Samen als die Föhre; doch die Eicheln besitzen mehr Reserven und keimen mit grösserem Erfolg. Eichhörnchen und Häher übernehmen das Ausstreuen der Samen so gut, dass man jungen Eichen überall begegnet, auch an völlig unerwarteten Orten (Auenwälder oder subalpine Standorte), wo sie nicht den Hauch einer Chance besitzen, gross zu werden. Später wird noch vom labilen Gleichgewichr zwischen Flaumeiche und Waldföhre die Rede sein.


Tafel XIX

Flora der Flaumeichenwälder

In Begleitung einer Flora mit mediterranem Einschlag setzte sich die Flaumeiche lange nach der Föhre in unserem Lande fest, vor etwa 8000 Jahren, während einer Periode, die wärmer als die heutige war. Die Flaumeichenwälder, die bis heute überlebt haben, ermöglichen uns, mit einigen prächtigen Vertretern der Mittelmeer-Flora Bekanntschaft zu schliessen: Blutroter Storchschnabel mit seinen grossen Blüten, Astlose Graslilie, Dost, Sichelblättriges Hasenohr und der seltene Französische Tragant. Im Frühling schmückt sich das helle Unterholz und die Lichtungen mit Orchideen, die zu den schönsten unserer Flora gehören: Ohnsporn, Blasse Orchis, Waldvögeleine und Dingel. Ophrys hingegen sehen wir praktisch keine; die Walliser Böden scheinen für diese Orchideen, deren samtene Blüten die bestäubenden Insekten mit verblüffender Vollkommenheit nachahmen, zu steinig und trocken zu sein. Der Flaumeichenwald zählt wenige Arten, die ihm eigen sind. Sein grosser Artenreichtum rührt von der aufgelockerten Waldstruktur her, welche das Beieinandersein von Pflanzen aus verschiedenen Biotopen begünstigt: Trockenrasen, Steppen, felsige Standorte...

1. Übersicht - Frühling in einem Eichenhain auf dem Plateau von Savièse, die geeignete Jahreszeit, um die schönen Orchideen, die den lichten Unterwuchs schätzen zu bewundern.

2. Pfirsichblättrige Glockenblume - Grosse Glockenblume, die man in nicht allzu trockenen Wäldern antrifft.

3. Kranzrade - Seltene, an zahlreichen Waldsäumen der Follatères wild wachsende Art.

4. Dingel - Seltene Orchidee, deren Stengel violetten Spargeln ähneln.

Seifenkraut-Flaumeichenwald

Die meisten Eichenwälder im Kanton gehören zu dieser Kategorie; es sind die wärmsten und trockensten. Sie werden gekennzeichnet durch das Vorhandensein des Roten Seifenkrautes, welches oft von der Felsenmispel (Abb. 40) und der Berberitze begleitet wird. Die Arten aus feuchtem Klima fehlen ganz. Das Seifenkraut deutet auf sehr sonnige Kalkhänge. Man findet es gewöhnlich an Strassenböschungen oder am Rand der Rebberge. In einem Eichenwald weist es auf früheren menschlichen Eingriff hin, welcher ebenfalls die aufgelockerte, buschige Struktur dieser Bestände erklärt. Nach einer Periode inrensiver Nutzung befinden sich die meisten dieser Bestände auf dem Weg zur Regenerierung, was eine Veränderung des Unterwuchses zur Folge haben wird. Sollte die heutige Tendenz anhalten, würden Pflanzen offener Biotope, Seifenkraut inbegriffen, zurückgehen.Im Oberwallis wird die Flaumeiche immer seltener; sie weicht der Waldföhre, vermutlich der vermehrten Spätfrost-Gefahr wegen. Doch kann man noch einige vereinzelte, schöne Eichen an den Hängen von Gampel beobachten, wo sie auf die Rekordhöhe von 1320 m klettern. Richtige Eichenwälder findet man erst wieder östlich von Eggerberg und am Eingang zum Vispertal. Immer noch ist das Seifenkraut da, doch scheint der Sefistrauch alle Sträucher, ausser der Felsenmispel, der Berberitze und dem Wacholder, verdrängt zu haben.

Tafel XX

Seltene Sträucher in den Flaumeichenwäldern

Die aufgelockerte Struktur der Flaumeichenwälder begünstigt das Aufkommen besonders zahlreicher Sträucher. Strauchwicke, Liguster, Hartriegel, Eingriffliger Weissdorn und weitere, wärmeliebende Arten bevotzugen den hellen Unterwuchs, während Felsenkirsche und Felsenmispel, beide im Süden beheimatet, Waldränder und felsige Standorte vorziehen. Perücken- und Blasenstrauch wie auch Toskanisches Geissblatt gehören zu den seltenen Arten.

1. Perückenstrauch - Dieser Strauch setzt sich im Kalkgeröll fesr. Seine einzige bedeutende Kolonie befindet sich an den Halden von Getwing, zwischen Leuk und Niedergampel. Im Oktober setzt dieser Strauch den Schutthängen leuchtende Akzente auf: gelbgrün, scharlachrot, dann purpurfarben.

2. Blasenstrauch - Diesen eher seltenen Strauch aus der Familie der Schmetterlingsblütler erkennt man im Sommer an seinen grossen Blüten, wie auch an den aufgeblasenen Schoten. Er bevozugt dieselben warmen Srandorte wie die Flaumeiche. Bisweilen findet man ihn auch am Rande der Rebparzellen.

3. Felsenkirsche - Dieser Strauch vergesellschaftet sich mit der Flaumeiche auf steinigen, trockenen und sonnigen Böden. Er meidet die feuchteren Gegenden unseres Landes. Typisch sind die kleinen, zartgrünen Blätter.

4. Toskanisches Geissblatt - Diese seltene Pflanze entfaltet ihre schönen, duftenden Blüten im Juni, vor allem in der Gegend zwischen Fully und Saillon.

Glockenblumen-Flaumeichenwald

Abb. 40 - Felsenmispel.

Der Flaumeichenwald mit Nesselblättriger Glockenblume bildet den Übergang zu einem feuchten Klima. Er erscheint vor allem an den Hängen über Fully und den Follatères, zwischen 700 und 1000 m. Dieser Wald ist deutlich höher und geschlossener als der vorige. Wie es sein Name verrät, steht der "Ban de Branson" schon lange unter absolutem Schutz. Dieser beinahe unberührte Wald beherbergt die grössten Flaumeichen und Schneeballblättrigen Ahorne der Schweiz. Was die Flora betrifft, so ähnelt sie sehr derjenigen der Lindenwälder, von denen später die Rede sein wird. Eschen und Sommer-Linden mischen sich unter den Eichenbestand. Die Kornelkirsche erscheint als einer der augenfälligsten Sträucher. Schon Anfang April ist sie mit gelben Blüten geschmückt und setzt eine farbige Note in die Frühlingslandschaft. Ihre Früchte lassen sich zu Gelée einkochen. Im Unterholz weichen die submediterranen Arten solchen, die auf ein zwar noch warmes, jedoch feuchteres Klima hinweisen: Nessel- und Pfirsichblättrige Glockenblume, Stinkende Nieswurz, Schmerwurz und andere. Im Mai/Juni breitet der Blaue Steinsame seinen lebhaft gefärbten Blumenteppich aus. Faszinierend wirken die grünen Schlangen des Efeus, welche Äste und Stämme von knorrigen Eichen überwuchern.

Eichenwälder und Mensch

Abb. 41 - Die Flaumeichenwäldchen, in denen es von Lebewesen, welche ursprünglich aus dem Mittelmeerraum zu uns gelangten, nur so wimmelt, werden, wie die Steppen, von der Ausweitung des Rebbaus bedroht.

Im 19- Jahrhundert wurden die Flaumeichenwälder zur Gewinnung von Brennholz und Holzkohle, zur Herstellung der Schwellen beim Bau der Simplonlinie, regelrecht ausgebeutet. Zu diesem Raubbau kam noch die Beweidung durch das Kleinvieh. Auch Waldbrände waren häufig.Wohl vermochte die Flaumeiche sich durch Wurzelausschlag zu regenerieren, konnte jedoch nie zu einem richtigen Baum heranwachsen. Erst seit 30 oder 60 Jahren sind die Wälder sich selbst überlassen und können ihre Bestände in Ruhe neu bilden. Da sie an den unteren Hängen wachsen, sind sie noch gelegentliche Opfer der Expansionslust gewisser Rebbauern (Abb. 41). Was Insekten, Vögel und Blumen betrifft sind diese Wälder die reichsten des ganzen Landes. Noch als von Rebbergen umschlossene Inselchen beherbergen sie manche mediterrane Art, die bei uns nirgendwo sonst einen Zufluchtsort fände. Auf einer Stufe, wo die Natur nicht mehr gebührend zu ihrem Rechte kommt, tragen sie zum Schmuck der Landschaft bei. Kein Zweifel: die Flaumeichenwälder sind sowohl die kostbarsten wie auch die bedrohtesten Bestände im Kanton.

Siehe auch


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