Fronleichnam in Savièse

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Das Fronleichnamsfest von Savièse im Mittelwallis wird in einem Fünfjahres-Turnus von den einzelnen Dorfschaften der Gemeinde organisiert. Der Festtag beginnt um 5 Uhr mit der diane. Dabei wird vor den Häusern der 9 Komiteemitglieder aufgespielt. 7.30 Uhr: Besammlung vor dem Gemeindehaus, Heraushängen der Gemeindefahne, Abholen des esponton beim Haus des capetan, Abholen der bannière du village beim banneret. 9 Uhr: Abmarsch zur Kirche mit Integration der tsanbrides (Kindergruppe), Einzug in die Kirche, Hochamt. Den Höhepunkt des Anlasses bildet die Prozession, bei der das Allerheiligste in der Monstranz durch das Dorf St-Germain geleitet wird. Durch das Zusammenwirken einer Vielzahl von Elementen verbaler, musikalischer, choreographischer und visueller Art kommt dem Ereignis einer Art Schauspiel gleich. Der profane Festteil beginnt mit dem gemeinsamen Mittagessen, wird um 15 Uhr von der Vesperfeier in der Kirche unterbrochen und nimmt dann seinen Fortgang mit Festbetrieb in bestimmten Quartieren.

Das Fronleichnamsfest von Savièse hat eine starke Eigendynamik entwickelt und vermag auch neuen sozialen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Die Elaboriertheit der performativen Praktiken und die gesellschaftliche Dynamik von Integration und Rivalität verleihen dem Anlass gleichzeitig eine starke Singularität und eine hohe Repräsentativität.


Gestalt und Ordnung

Ernest Biéler (1863-1948): Les bannières, undatiert (1926-1933). Das Bild zeigt mehrere Gruppen der Fronleichnamsprozession von Savièse. Kunstmuseum Wallis, Sitten.

Fest, Ritual und Brauchtum gehen letztlich auf das menschliche Grundbedürfnis zurück, der Lebenswelt Gestalt und Ordnung zu verleihen. In der vorindustriellen Gesellschaft des Wallis hat dieses Bemühen seine höchste Ausformung zweifellos im Bereich des Sakralen gefunden. Kirche und Religion haben Raum und Zeit jener Gesellschaft strukturiert und rhythmisiert. Und indem die religiöse Welt des Wallis vom Mittelalter bis in die jüngste Zeit hinein eine durch und durch katholische war, ist es der auch Katholizismus, der Fest und Brauch weit über den Kirchenraum hinaus geprägt hat. Das heisst, dass in einer historischen Perspektive weite Bereiche des immateriellen Kulturerbes im Wallis von Glaube und Religion mitbestimmt waren.

Dass aus der Vielfalt an Ereignissen das Fronleichnamsfest von Savièse / La Fête-Dieu à Savièse ausgewählt wurde, findet seinen Grund darin, dass dieser Anlass durch das Reagieren auf neue Bedürfnisse eine starke soziale Eigendynamik entwickelt hat und so den Kriterien des immateriellen Kulturerbes am besten zu entsprechen vermag. So charakterisierte die Historikerin Rosemarie Roten Dumoulin 1988 das Fronleichnamsfest von Savièse wie folgt: „Une tradition religieuse et populaire marquée chaque année par un dynamisme étonnant.“ Und die Tageszeitung Le Nouvelliste betitelte ihre doppelseitige Reportage über das Fest von 2006 mit „Une Fête-Dieu spirituelle, folklorique et touristique.“ Dass es unter den Brauchträgern durchaus auch solche gibt, die ihre Teilnahme als sozialen Akt ohne innere Glaubensüberzeugung sehen, sprach der Pfarrer von Savièse, Grégoire Zufferey, anlässlich des Fronleichnamsfestes von 2003 in seiner Predigt selbstkritisch an, indem er feststellte, dass es heute viele „croyants non pratiquants“ gebe, aber eben auch „des pratiquants non croyants“.

Dynamischer Festablauf

Der Anlass wird in einem Fünfjahres-Turnus von den einzelnen Dorfschaften der Gemeinde und Pfarrei Savièse im Mittelwallis organisiert. Die einzelnen Funktionen und Chargen sind in einem Organigramm genau geregelt, wobei bei der Zuteilung auf den politischen Ausgleich geachtet wir (zum Beispiel banneret = PDC, capetan = Entente).

Das Fest beginnt am Vortag mit der Ausgabe der Uniformen an die Grenadiere (zwei Gruppe mit verschiedenfarbigen Brusteinsätzen: plastron vert, plastron bleu) und dem Anliefern des spendierten Festweins. Die Anzahl teilnehmender Grenadiere gilt als Gradmesser für den Erfolg des Anlasses. Um 19 Uhr findet für die Grenadiere eine répétition statt.

Der eigentliche Festtag beginnt um 5 Uhr mit der diane (Tagwacht). Dabei wird vor den Häusern der 9 Komiteemitglieder aufgespielt. 7.30 Uhr: Besammlung vor dem Gemeindehaus, Heraushängen der Gemeindefahne, Abholen des esponton beim Haus des capetan und der bannière du village beim banneret unter jeweiligem Abspielen des Fahnenmarschs. 9 Uhr: Abmarsch der Musikgruppen, Grenadiere, Gardisten und Militärs zur Kirche mit Integration der tsanbrides (Kindergruppe), Einzug in die Kirche mit Wechsel vom Umzugs- zum Prozessionsschritt, Hochamt.

Den Höhepunkt des Anlasses bildet die Prozession, bei der das Allerheiligste (der Leib des Herrn in der symbolischen Form der Hostie) in der Monstranz durch das Dorf St-Germain geleitet wird, mit einem Zwischenhalt beim Feldaltar (reposoir). Die Prozession formiert sich in einem komplizierten Prozedere vor der Kirche und wird angeführt von einer grossen Prozessionsfahne, vom Pfarreirat und von Pfadfindergruppen, gefolgt von den Sappeuren und den Kränzelkindern, den tsanbrides. Dann kommt ein grosser Klangkörper mit den Fifres et Tambours saviésans und der Musikgesellschaft Echo du Prabé. Den Block mit dem Allerheiligsten eröffnen die erste Abteilung der rotgekleideten Grenadiere, der capetan und das Militär in der feldgrauen Armeeuniform und die Fahnenträger. Ihnen folgen der Chor in der Tracht, ein Prozessionskreuz, die Erstkommunikanten und die Messdiener. Das Zentrum bilden der Tageskommandant, Schweizer Gardisten, die Priester, der Pfarrer unter dem von vier Gemeinderäten getragenen Baldachin, nochmals Schweizer Gardisten und die übrigen Gemeinderäte sowie weitere zivile Autoritäten, gefolgt von der zweiten Abteilung der Grenadiere und der Musikgesellschaft Rose des Alpes. Den Abschluss bilden Frauen in Tracht und weitere Gläubige. Die Einheimischen, welche nicht einer der genannten Gruppen angehören, nehmen – gleich wie die zahlreich angereisten Schaulustigen – an der Prozession in der Regel lediglich als Publikum teil. (Prozessionsordnung 2008.)

Um ca. 11.15 Uhr erreicht die Prozession den Platz mit dem Feldaltar (le reposoir). Angeleitet vom Tageskommandanten stellen sich die einzelnen Gruppen nach einem vorgegebenen Schema vor dem Altar auf, um vom Priester mit der Monstranz den Segen zu erhalten.

Geschlossenheit und Rivalität

Ein historischer Rückblick zeigt, wie stark sich diese Prozession in Zusammensetzung, Abfolge und Ausdruck verändert hat und wie sie sich auch heute, mindestens in Kleinigkeiten, praktisch von Jahr zu Jahr verändert. In Savièse zeigt sich überdies sehr eindrücklich die soziale Ordnungsfunktion, welche dem Militär bei diesem Fest zukommt. Die rund 80-120 Grenadiere schirmen in der Prozession, aber auch in der Kirche den Zentralbereich mit Allerheiligstem und Altar vom übrigen Volk ab und verleihen den in diesem Bereich Auftretenden zusätzlich Gewicht und Glanz. In der Prozession als ganzer manifestiert sich also ein Ordnungssystem, welches einerseits Geschlossenheit, anderseits Hierarchien und Machtpositionen abbildet.

Ähnliche Prinzipien liegen der Organisation des Fronleichnamstages zugrunde. Die Pfarrei und Gemeinde Savièse besteht aus mehreren Dörfern, die sich bei der Durchführung des Festes im Turnus ablösen, aber auch konkurrenzieren. Das organisierende Dorf ist unter anderem zuständig für die Errichtung des Feldaltars, stellt die Soldaten und Grenadiere sowie das Organisationskomitee und garantiert die Finanzierung des Festes. Dem OK gehören an: Der Tageskommandant, der banneret, der capetan, der erste und der zweite sergent, der erste und der zweite caporal, der sergent des grenadiers, der caporal des grenadiers und der tsanbri, das heisst der Knabe, der die tsanbrides anführt.


Ein Schauspiel für Gott und die Welt

Durch das Zusammenwirken einer Vielzahl von Elementen verbaler, musikalischer, choreographischer und visueller Art kommt dem Ereignis einer Art Schauspiel gleich. Dieses entwickelt seine Wirkung nicht nur publikumswirksam nach aussen, sondern zielt – nach Emile Durkheim – darauf ab, bei den Teilnehmenden „bestimmte Gefühle und Ideen zu erwecken, die Gegenwart an die Vergangenheit zu binden, das Individuum an die Kollektivität.“

Gerade letzteres spielt beim anschliessenden profanen Festteil eine zentrale Rolle. Dieser beginnt mit Apero und gemeinsamem Mittagessen, wird um 15 Uhr von der Vesperfeier in der Kirche unterbrochen und nimmt dann seinen Fortgang mit einem Aperitif vor der Kirche sowie mit gemeinsamem Essen und Trinken in bestimmten Dorfteilen. Ab 18 Uhr erfolgt der Rückmarsch in Umzugsformation und die Rückgabe der Fahnen. Nach einem erneuten Umtrunk werden die Grenadiere um 20 Uhr offiziell entlassen. Der Abend ist von dörflichem Festbetrieb geprägt. Offiziell endet das Fest am folgenden Sonntag mit dem Bal des grenadiers.

Am Feldaltar erteilt der Priester den Gläubigen mit der Monstranz den Segen. Aufnahme 1999. Foto Thomas Antonietti.

Auf den Aussenstehenden wirkt der Anlass vor allem durch seinen theatralischen Charakter. So animiert der Verlauf der Prozession durchs Dorf das Publikum zu wiederholten Standortwechseln und erlaubt ihm so, dem mobilen Spektakel mehrmals beizuwohnen. Schauelemente wie die historischen Vorbildern nachempfundenen Uniformen der Grenadiere und ihre Requisiten verstärken den Ausdruck von Theatralik. Die lokale Spielart einer universellen Praxis Fronleichnam, das Fest der Eucharistie, wird von der katholischen Kirche jeweils am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert. Entsprechend gibt es den Anlass in allen katholischen Gegenden, wenn auch mit unterschiedlichen lokalen Ausprägungen. Im Wallis begeht jede katholische Pfarrei das Fest. Bekannt sind neben Savièse etwa die Prozessionen im Lötschental oder in Visperterminen sowie in Sitten. In der Schweiz wird Fronleichnam insbesondere auch in den Kantonen Appenzell Innerrhoden, Fribourg und Tessin sowie in der Innerschweiz gefeiert.

Das Fronleichnamsfest von Savièse hat eine starke Eigendynamik entwickelt und vermag auch neuen sozialen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Die Elaboriertheit der performativen Praktiken und die gesellschaftliche Dynamik der Organisationsstruktur (Integration und Rivalität) verleihen dem Anlass gleichzeitig eine starke Singularität und eine hohe Repräsentativität. Im Übrigen sind es insbesondere die profanen Bestandteile des Festes, durch welche sich La Fête-Dieu à Savièse gegenüber andern Fronleichnamsfesten auszeichnet.

Darüber hinaus hat der Anlass seit dem frühen 20. Jahrhundert eine starke Valorisierung von aussen und in der Folge eine folkloristische, touristische und mediale Dynamisierung erfahren. Eine wichtige Rolle spielte dabei die „Ecole de Savièse“, eine dem ländlichen Primitivismus verpflichtete Künstlergruppe, die in der Zeit von 1880 bis 1930 die bäuerlich- katholische Lebenswelt des Mittelwallis ins Bild setzte. Wie sehr das Fronleichnamsfest auch für die Leute von Savièse zu einem Kulturgut geworden ist, illustriert das 2008 erschienene Buch der Fondation Anne-Gabrielle et Nicola V. Bretz-Héritier: Auf 460 Seiten und zahlreichen Illustrationen wird das Fest in all seinen historischen, religiösen, gesellschaftlichen und ästhetischen Facetten beschrieben und dargestellt.

Referenzen

1.
Fondation Anne-Gabrielle et Nicola-V. Bretz (Hg.): Fête-Dieu à Savièse. Editions de la Chervignine, Savièse 2008. Mit ausführlicher Bibliografie.

2.
Thomas Antonietti: "Für Gott und Vaterland - Streiflichter auf das kirchliche Brauchtum im Wallis", G. u. H. Haid (Hg.), Alpenbräuche - Riten und Traditionen in den Alpen. Bad Sauerbrunn, Edition Tau 1994, 13-28.

3.
Rosemarie Roten Dumoulin: „La Fête-Dieu à Savièse“, Présences, 35/1988, 75-79.

4.
Basile Luyet: „Le coutumier annuel de Savièse“, Cahiers valaisans de folklore, 18/1930.

5.
Mario*** [Marie Troillet]: „Savièze“, Un Vieux Pays – Croquis valaisans, Lausanne 1889.

6.
Fondation Anne-Gabrielle et Nicola-V. Bretz: Fête-Dieu à Granois 10 juin 2004, Savièse 2004. DVD.


Multimedia

Bild




In anderen Sprachen