Geschichte der Botanik im Wallis

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche
Abb. 1 - Der Domherr Murith (17421818), Verfasser des ersten Walliser Pflanzenkatalogs.

Der grossen Zahl prächtig illustrierter Bildbände zum Trotz stellt man fest, dass heutzutage die Pflanzen einem weiten Publikum weniger vertraut sind als früher. Seit eh und je besass der Mensch der Scholle, der Bergbauer ganz besonders, ein sorgfältig überliefertes Wissen um die kulinarischen Vorzüge und heilenden Kräfte der Wildpflanzen. Die ersten Pflanzensammler waren Ärzte und Apotheker. Das älteste Beispiel dürfte das von Caspar Collin sein, Apotheker im Wallis des 16. Jahrhunderts. Als Geissbub in seinem Heimatdorf Grächen, dann als berühmter Arzt in Basel, brachte Felix Platter (1536-1614) Pflanzen seiner Heimat in sein Privatmuseum. Sein Herbarium wurde vor etwa 50 Jahren in Bern wieder aufgefunden. Joachim Burser (1583-1639) sammelte ebenfalls im Wallis und hinterliess ein Herbarium, welches zu einem Teil in Basel, zum andern in Uppsala aufbewahrt wird. Diese alten Sammlungen von gepressten und getrockneten Pflanzen sind äusserst wertvoll: sie ermöglichen die Überprüfung der Merkmale, der Namengebung und liefern Angaben über den Fundort der Pflanzen und dies auch nach mehreren hundert Jahren. Im 18. Jahrhundert steigt die Zahl der Sammler sprunghaft an. Von den Berühmtesten seien zwei Zürcher Ärzte erwähnt, Johann Jacob Scheuchzer und Johann Gessner, wie auch Horace Benedict de Saussure, Genfer Gelehrter und Alpinist. Die mehr oder weniger systematische Untersuchung der Walliser Flora beginnt mit Albrecht von Haller (1708-1777), Berner Arzt, Botaniker, Schriftsteller und Politiker, Direktot der Salinen von Bex von 1759-65. Unter seinem Einfluss nimmt die Zahl sammelnder Botaniker zu. Abraham Thomas, Förster in Bex, gründet einen kleinen botanischen Garten und handelt mit Alpenblumen, ein Geschäft, das von seinen Söhnen und Enkeln weitergeführt wird. Jean-Christophe Schleicher, ein in Bex ansässiger Deutscher, tut ein gleiches. Dieser Handel trägt dazu bei, die Walliser Flora in der ganzen Welt bekannt zu machen.

Abb. 2 - Alfred Becherer (rechts) und Philippe Farquet entdecken die Wilde Rebe an den Hängen des Mont d'Otan, zwischen Martigny und der Trient-Schlucht. Vermutlich ist dieser Fundort der einzige in der Schweiz, wie auch einer der wenigen in Europa. Die Wilde Rebe ist zweihäusig: eine Pflanze trägt ausschliesslich weibliche oder männliche Blüten.

Das Interesse an der Botanik wächst auch im Lande selbst, vor allem dank dem Wirken der Chorherren vom Grossen Sankt Bernhard. Der Domherr Laurent-Joseph Murith (Abb. 1) gibt den ersten Katalog der Pflanzen des Kantons heraus, den "Führer des im Wallis wandernden Botanikers". Abb. 3 zeigt zwei Beispiele aus seinem im Hospiz des Grossen Sankt Bernhard aufbewahrten Herbar. Zu Ehren dieses hervorragenden Botanikers gab sich die im Jahre 1861 gegründete "Walliset Naturforschende Gesellschaft" den Namen "Murithienne". In ihrer vielfältigen Tätigkeit führt sie Murith's Werk weitet. Alphons Rion (1809-1856), Domherr an der Kathedrale von Sitten, gibt ebenfalls einen "Führer für den Botaniker im Wallis" hetaus. Die Domherren Germain Tissières, Emile Favre, Maurice Besse und Philippe Farquet, Laienbruder des Ordens des Grossen Sankt Bernhard (Abb. 2), erweisen sich als würdige Nachfolger. Auch Ärzte sind leidenschaftliche Botaniker, wie Franz-Josef Lagger aus Münster; Professoren wie Ferdinand-Othon Wolf, der am Collegium in Sitten unterrichtete; sogar grosse Ingenieure wie Ignaz Venetz. Wir erwähnen noch Denis Coquoz, Bauer in Les Marécottes, Louis Coquoz, Lehrer in Salvan und Camille Oberson, Armenpfleger in Granges.

In seinem Werk "Das Pflanzenleben der Schweiz" (1879) widmet Hermann Christ dem Wallis den gebührenden Platz; auf seiner Reise von Basel nach Zermatt, wo er der Kornernte in Findelen beiwohnen will, fallen schon ihm gewisse Besonderheiten in der Bewirtschaftung der Felder auf. Im Jahre 1862 gibt Jacques-Etienne d'Angreville aus Saint-Maurice die "Walliser Flora" heraus. Doch erscheinen die vollständigsten und genauesten Angaben erst im Jahre 1895 im "Katalog der Walliser Flora" von Henri Jaccard. Alfred Becherer liefert 1956 einen wichtigen Ergänzungsband dazu.

Der Anfang unseres Jahrhunderts bringt eine grundlegende Wende im Studium der Botanik. Man begnügt sich nicht mehr mit dem Aufstellen von Artenlisten, man wird auf die Beziehungen der Pflanzen zu ihrer Umwelt aufmerksam, was einen ersten Schritt zur Ökologie bedeutet. Auf diesem Gebiet vollbrachte der berühmte Botaniker Helmut Gams Pionierarbeit. Nach einem Aufenthalt in der Gegend von Fully (1911-13), publiziert er im Jahre 1927 eine eindrückliche Monographie mit dem Titel "Von den Follatères zur Dent de Morcles". Seine äusserst genauen Beobachtungen beziehen sich sowohl auf die Geologie als auch auf die damaligen Kulturen und das Aussehen der Rhoneebene in ihrer früheren Gestalt. Ein weiteres Werk in deutscher Sprache, "Die Inneralpine Trockenvegetation" (1961), hebt die Einmaligkeit des Wallis hervor. Dessen Verfasser, der Churer Josias Braun-Blanquet, gilt als der Begründer der modernen Pflanzensoziologie (Zürich-Montpellier-Schule), der Wissenschaft, welche die Art und Weise studiert, nach welcher sich die Pflanzen, je nach ihrem Biotop, zu Pflanzengesellschaften zusammenfinden. Was die Verteilung der Arten im Wallis und der Schweiz betrifft, berücksichtigt der "Atlas" von Welten und Sutter (1982) die neuesten Ergebnisse. Liebhaber wie Fachleute steuern ihre Kenntnisse bei, was die notwendigen laufenden Ergänzungen ermöglicht.

Die heutigen Botaniker hegen eine grosse Achtung für ihre berühmten Vorgänger, denen es vergönnt war, Pflanzen und Biotope zu beobachten, die heute verschwunden sind. Gegenwärtig werden die Untersuchungen über die Walliser Flora im Gelände wie auch an Universitätsinstituten fortgeführt, so in Bern, Lausanne und Neuenburg. Die Benützung von Grosscomputern erleichtert die Arbeit, enthebt jedoch keineswegs von der Verpflichtung, sich an Ort und Stelle sorgfältig zu dokumentieren. Die Botaniker sind sich ihrer Verantwortung den künftigen Generationen gegenüber voll bewusst: unsere pflanzliche Umwelt, dieses unschätzbare Erbe, zu bewahren, ist ihnen ein echtes Anliegen.