Geschichte der Vegetation
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Bevor wir von der heutigen Flora sprechen, wollen wir uns für ihre Ursprünge interessieren. Seit je passte sich die Pflanzenwelt den gegebenen Bedingungen an. Die aus dem Karbon stammenden Felsen von Dorénaz, zum Beispiel, enthalten Teile von fossilen Riesen-Schachtelhalmen und Farnen, Zeugen einer fernen Erdzeit. Klimatische und geologische Umwälzungen prägten die Geschichte unserer Erde und liessen neue Pflanzenarten entstehen. So verdankt die heutige Walliser Flora ihre einmalige Mannigfaltigkeit einer bewegten Vergangenheit.
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Flora des Tertiärs
Gehen wir auf die Anfänge des Tertiärs vor etwa 60 Millionen Jahren zurück. Das Klima Mitteleuropas war bedeutend wärmer als das heutige. Das aus dem Meer ragende Land war von subtropischen Wäldern überwachsen. Die in der Molasse aufgefundenen Fossilien lassen teilweise tropische Arten erkennen, unter anderem Lorbeer, Magnolie, Kampferbaum, Tulpenbaum, Dattelpalme und Sumach. Diese Gewächse mit immergrünen Blättern bildeten mit Arten aus einem gemässigten Klima Wälder von ausserordentlichem Artenreichtum, wie wir sie heute noch aus dem Südosten der USA, sowie aus gewissen Gegenden Chinas kennen. Gegen Mitte des Tertiärs setzt die Auffaltung der Alpen ein, das Klima kühlt sich ab. Die Vegetation verändert sich. Auf den im Entstehen begriffenen Gebirgen erscheint eine neue Flora.
Die Eiszeiten
Die klimatischen Veränderungen im Quartär und die verschiedenen Eiszeiten sind im Band "Die Gesteine" in allen Einzelheiten geschildert. Wir erinnern nur an eines: diese Epoche, in welcher wir leben, begann vor etwa zwei Millionen Jahren mit einer plötzlichen und nicht restlos abgeklärten Abkühlung. Seitdem folgten sich mindestens sechs Eiszeiten, die durch Zwischeneiszeiten unterbrochen waren, während welchen die Pflanzenwelt sich mehr oder weniger erholen und weite Gebiete zurückerobern konnte. Die Würmeiszeit endete vor kaum 16000 Jahren, wobei nichts darauf hindeutet, sie sei tatsächlich die letzte gewesen. Während dieser Eiszeit war das gesamte Alpengebiet mit Eis überdeckt, mit Ausnahme einiger Voralpengebiete und sonniger oder sehr steiler Hänge, welche für die Flora die äusserst wichtige Rolle von Refugien übernahmen (Abb. 9/10). Die dem rauhen Klima schlecht angepassten Pflanzen überlebten in den Ebenen südlich und nördlich der Alpen, wenn sie nicht einfach verschwanden. Auf diese Weise trugen die Eiszeiten zu einer spürbaren Verarmung der Flora in den Wäldern der gemässigten Zonen bei. Anderseits bewirkten sie eine Bereicherung der alpinen Flora: als Folge einer wiederholten Zerstückelung der Verbreitungsgebiete, eines zunehmenden Austausches mit anderen Gebirgsketten, sowie den arktischen Räumen entstanden neue Arten.
Postglaziale Rückeroberung
Dank der Analyse von luftdicht aufbewahrten Pollenkörnern in den Torfschichten und -ablagerungen am Grunde der Seen hat man die Entwicklung der Vegetation recht zuverlässig rekonstruieren können. So wurden die Torfmoore zu eigentlichen Datenbanken, die ihre Geheimnisse noch lange nicht alle preisgegeben haben. Nun aber ist das Wallis, seines eher trockenen Klimas wegen, eher arm an Torfmooren. Zudem muss man, um Bohrungen vorzunehmen, Orte finden, wo die Schichten eine gewisse Mächtigkeit aufweisen und möglichst unberührt sind. Deshalb sollten die wenigen günstigen Orte mit grösstem Respekt erhalten werden.Die vollständigsten Informationen lieferte der See von Montorge bei Sitten (siehe Pollendiagramme in "Die Gesteine", S. 107). Andere Pollenanalysen wurden im See von Champex, in der Ebene von Tortin in Nendaz, am Ycor-Weiher in Montana, am See von Grächen, am Bonigersee, in Heüela oberhalb von Visp sowie im Aletsch- und Simplongebiet durchgeführt. Diese Untersuchungen lieferten Ergebnisse, welche es erlauben, anhand eines Querschnitts Montorge - Mayens de Conthey - La Fava, darzustellen, wie sich die Vegetation entwickelte (Abb. 11). Wir lassen die zweitrangigen klimatischen Schwankungen beiseite, um nur die grossen Linien der Entwicklung darzustellen.In der Späteiszeit (-13 000 bis -10 000 Jahre, Abb. 1 la), ist es noch kalt und trocken. Eine aufgelockerte Steppenvegetation ergreift von den weiten, durch die Gletscher freigegebenen, steinigen Flächen Besitz. Dann erscheinen die ersten Bäume: Föhren und Birken bilden bis auf 1400 m eine von Steppen durchsetzte Tundralandschaft.Im Boréal (-9000 bis -8000 Jahre, Abb. IIb) verdichtet sich dieser Pionierwald und steigt höher hinauf. Aus ihren südalpinen Zufluchtsorten kommend, tauchen die ersten Lärchen auf. In der Ebene entstehen an den Flüssen die ersten Auenwälder.Im Laufe der atlantischen Periode (-7000 bis -5000 Jahre, Abb. 11c) wird das Klima feucht und sogar wärmer als es heute ist. Eichen, Ulmen, Ahorne und weitere Laubbäume des Eichenmischwaldes siedeln sich an exponierten Hängen an. Die Föhre bleibt an trockenen und kühlen Standorten. Die höher gelegene Nebelzone wird durch die Weisstanne besiedelt, die ebenfalls von südlich der Alpen kommt. Die obere Waldgrenze schlägt alle Höhenrekorde: sie liegt 200 m höher als heute.Zwischen dem Subboreal und dem Subatlantikum (-3000 bis -2000 Jahre, Abb. 1 ld), wird das trockene und warme Klima wieder kälter und feuchter. Der Pflanzenwuchs entspricht ungefähr dem heutigen Zustand, sieht man von den Rodungen ab. Der Wald im allgemeinen, besonders die Eichenwälder, wachsen nicht mehr so hoch hinauf.
Die Fichte wandert aus dem Osten ein und neigt dazu, die Weisstanne zu vetdrängen. Auch heute noch setzt sie ihte Ost-WestWandetung fott: in den Pyrenäen beträgt diese 30 m im Jahr.Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: das Wallis unterscheidet sich von benachbarten Gegenden südlich und nördlich der Alpen durch eine zeitliche Verschiebung im Ablauf der Entwicklung der Pflanzenwelt, sowie durch das Weiterbestehen von ausgedehnten Föhrenbeständen.
Einfluss des Menschen
Die ersten Spuren des nacheiszeitlichen Menschen im Wallis wurden in einem Felsunterstand bei Vionnaz aufgefunden. Sie sind 8500 Jahre alt. Die Jäger und Sammler jener Zeit beeinträchtigten die Pflanzenwelt praktisch nicht. Etwa 1000 Jahre später wanderten die ersten Bauern und Viehzüchter der Jungsteinzeit aus dem Süden ein. Sie profitierten vom Klima des Atlantikums. In dieser Zeit beginnen die Rodungen in den Eichenwäldern, wie dies die Pollenanalysen von Montorge zeigen: die Pollen der Bäume nehmen ab, während die ersten Spuren von Weidepflanzen und der Begleitflora der Getreidefelder auftauchen. Vermutlich lagen die ersten Siedlungen in der Nähe der Ebene. Die Bronzezeit, die um 4500 beginnt, bringt die endgültige Eroberung der höher gelegenen Stufen. Das Getreide wurde nun auch auf der montanen Stufe angepflanzt. Der Bergwald wird zur Gewinnung von mehr Sommerweidefläche immer mehr gerodet, was die Verbreitung der Fichte auf Kosten der Weisstanne und der Arve begünstigt. Die Weisstanne hat sich bis heute nur an eher unzugänglichen Standorten gehalten. Was die Bewirtschaftung des Bodens betrifft, ist seit der Bronzezeit keine grundlegende Veränderung mehr zu verzeichnen, ausser der massiven Anpflanzung der Reben, nach 500 n. Chr.Lange Zeit wirkten sich einige Vorzüge der Bergregionen zum Vorteil ihrer Bewohner aus: relative Ruhe in Zeiten politischer Wirren, Wasser im Überfluss, die Möglichkeit, Nutzen aus den verschiedenen Höhenlagen zu ziehen. Zu gewissen Zeiten wurden die natürlichen Ressourcen maximal genutzt. Was das 19- Jahrhundert betrifft, muss man wohl von eigentlicher Ausbeutung sprechen. Dramatische Berichte erzählen von Lawinenniedergängen, Bergstürzen und verheerenden Erosionsschäden. Diese Entwicklung ist nicht nur auf das Anwachsen der Walliser Bevölkerung zurückzuführen; schuld daran war auch die durch die "Kleine Eiszeit" verursachte Abkühlung. Die damalige Landwirtschaft schloss die Natur jedoch nie aus, haben doch die ersten Botaniker den Reichtum der Wiesenflora und der Äcker festgehalten. Heutzutage stellen sich für die Pflanzenwelt des Kantons mehrere Probleme: zum ersten die Meliorierung der Ebene, dann eine praktisch vollständige Ausrottung der Pflanzendecke in und am Rande der Kulturen, weiter die Zunahme der Brachflächen an den Trockenhalden, die Luftverschmutzung, sowie eine intensive Bautätigkeit. Der Verarmung der Flora Einhalt gebieten, den seltenen Pflanzen einen letzten Lebensraum sichern, wird zur immer dringlicheren Aufgabe.


