Historische Einführung
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Was man über die Geologie des Wallis weiss, stammt nicht von gestern oder vorgestern. Vielmehr sind es Kenntnisse, die aus wissenschaftlicher Forschungsarbeit gewachsen sind, die vor etwa zwei Jahrhunderten begann. Gelehrte des 18. Jahrhunderts versuchten die wahre Natur der Berge zu verstehen. Bis dahin waren unsere Gebirge nur Gegenstand angstvoller und sagenhafter Beschreibungen. Auf Bergen und in Gletschern sah man den Wohnsitz unheilvoller Mächte, die Bergstürze, Murgänge und Lawinen auslösten. Noch heute berichten Legenden von den Aengsten und Nöten der Menschen in den unwirtlichen Lebensräumen der Gebirge. Beeinflusst von der Geistesrevolution der Aufklärung, die auch den Weg zur Revolution der sozialen Strukturen vorbereitete, versuchten kluge Männer, gepackt von unbändiger Neugierde und Wissensdurst, die wahren Geheimnisse der Alpen zu erkunden. Vorallem Städter, denen eine höhere Schulbildung eigen war, setzten wagemutig zu dieser Erforschung an.
Der Genfer Horace Benedict de Saussure (1740-1799) war einer der bedeutendsten unter diesen frühen Naturforschern. Jahrelang durchstreifte er die Alpen und bestieg mehrere Gipfel. Als Zweiter bezwang er den Mont-Blanc. Obwohl de Saussure an der gesamten Natur interessiert war, widmete er sich vorzugsweise der Geologie. Sein mehrbändiges Werk Voyages dans les Alpes ist eine erste, sehr genaue Beschreibung alpiner Morphologie. De Saussure sah und beschrieb als einer der ersten die Faltung geologischer Schichten. Dass man solche Erkenntnisse revolutionär nannte, beweist wie bescheiden der damalige Wissensstand war.
Das 19. Jahrhundert brachte grosse Fortschritte in geologischen Erkenntnissen. Das Wissen wurde vielseitiger, vertiefter und geordneter. Namhafte Naturwissenschafter und Philosophen beschäftigten sich mit Geologie (auch Darwin war Geologe). Doch die wichtigsten erdkundlichen Lehren stammen aus Deutschland, Frankreich und England, wo der Bergbau die Kenntnisse über den Untergrund förderte. Immerhin, auch das Wallis ist Geburtsstätte einer wichtigen geologischen Lehre, nämlich jener von den Vorgängen während der eiszeitlichen Vergletscherung.
Abgesehen von der Vergletscherungslehre, brachte das 19. Jahrhundert dem Wallis in Sachen Geologie nicht viel. Es wurden systematisch Gesteine gesammelt, um zur Erkenntnis der geologischen Vergangenheit zu gelangen. Mit Hilfe von Versteinerungen wurden Schichtfolgen altersmässig gegliedert. Man versuchte vorzeitliche Landschaften und ihre Tierwelt zu rekonstruieren. Alte Lavabildungen wurden mit ihrer ursprünglichen Herkunft in Verbindung gebracht. Scharfsinnige Überlegungen über Granite und Gneise wurden angestellt. Ein Jahrhundert nach Saussure wurde es möglich den im Wallis besonders gut aufgeschlossenen Bau der Alpen, dank der Deckenlehre, zu verstehen. Wurden einerseits die Deutungen und Erklärungen stetig verbessert, sammelten sich anderseits Beobachtungen an, die nur schwer einzupassen waren. Es wurde dringend notwendig Ordnung in dieses scheinbare Chaos zu bringen, indem man ein Modell vom Bau der Alpen schuf, das gestattete Beobachtungen und theoretische Überlegungen in Einklang zu bringen. Wer diese Aufgabe lösen wollte, musste über umfassende Kenntnisse der Geologie und ein geniales Vorstellungsvermögen verfügen. Einem jungen Geologen, Emile Argand (1879-1940), gelang diese Synthese zu Beginn des Jahrhunderts. Nach einigen Jahren geologischer Studien im Wallis, schlug er ein Modell vor, das auch nach 80 Jahren kritischer Überprüfung immer noch gültig ist. Von Argands grossartigen Arbeiten zeugen beispielsweise zwei Karten, die das Walliser Hochgebirge zwischen Entremont und Zermatt mit seiner vielgestaltigen Geologie wiedergeben.
Nach Argand wurden weitere bemerkenswerte geologische Karten erstellt, beispielsweise von Schmidt und Preiswerk im Zusammenhang mit dem Bau des Simplontunnels und von M.Lugeon über die Kalkalpen nördlich der Rhone. Als topographische Grundlage für die geologischen Aufnahmen dienten Karten im Massstab 1:50'000, später 1:25'000. Basierend auf der Landeskarte 1:25'000 erstellt die Schweizerische Geologische Kommission den Geologischen Atlas der Schweiz. Diesem widmen zahlreiche Geologen,seit der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, ihre Feldarbeit.Fig. 1 zeigt auf einem Ausschnitt der Landeskarte die im Massstab 1:25'000 veröffentlichten geologischen Blätter. Eingetragen sind auch jene Gebiete, die zu Beginn unseres Jahrhunderts auf Blättern 1:50'000 aufgenommen wurden. Allerdings sind die letztgenannten Karten im Handel kaum mehr erhältlich, können aber auf fast allen Bibliotheken eingesehen werden. Für den Laien sind sie vielleicht von geringerer Bedeutung. Doch zur Beurteilung der geologischen Situation bei Tiefbauten, wie Stollen- und Strassenbau, Sanierung von Rutschgebieten, sowie beim Erstellen von Grundwasserfassungen und -Schutzzonen, leisten sie nach wie vor gute Dienste.

