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Das Trinkwasser
Im Wallis ist Trinkwasser in reichem Masse vorhanden, wie das eigentlich in jeder Bergregion in der gemässigten Klimazone der Fall ist. Dank den Gletschern ist die Wasserversorgung das ganze Jahr hindurch sichergestellt. Ohne sie könnte die Steppe des Rhonetals nicht genügend bewässert werden, und das Wallis hätte kaum die ihm eigene Geschichte, noch das ihm eigene Aussehen.
In den Bergen entnimmt man das Trinkwasser hauptsächlich den Quellen. In der Talebene nutzt man das Grundwasser aus dem Rhoneschotter. Da über die Beeinflussung des Grundwasserstromes durch hydroelektrische Bauten an der Rhone sehr viel geschrieben wurde, müssen diese Probleme erläutert werden.
Die Alluvialebene des Rhonetales besteht, jedenfalls in den obersten Schichten, aus Kies und Sand. Wasser erfüllt die Hohlräume (Poren) zwischen den Komponenten des Schotters. Dieses Wasser steht nicht. Sein Niveau, der Grundwasserspiegel, steigt, wenn es regnet und sinkt bei Trockenheit. Da in unserem Klima sehr wenig Wasser verdunstet, lässt sich das Fallen des Grundwasserspiegels nur durch unterirdisches Abfliessen erklären. Tatsächlich fliesst das Grundwasser als breiter Strom langsam talwärts durch die Schottermassen neben und unter der Rhone. Gespeist wird der Grundwasserstrom vom Regenwasser, von Bächen aus den Nebentälern und von den Talhängen und von Überschwemmungen der Rhone. Aus der Rhone selbst infiltriert kein Wasser, weil eine Tonschicht ihr Bett abdichtet (Fig. 94).
Noch im letzten Jahrhundert war die Rhoneebene ein permanent überschwemmtes Sumpfland, weil der Grundwasserspiegel die Terrainoberfläche erreichte. Die Eindämmung des Flusses und die Entwässerung des umliegenden Geländes verursachte das Absinken des Grundwasserspiegels um einige Dezimeter, worauf sich ein trockener, sandiger und fruchtbarer Boden bildete. Aber das Grundwasser liegt nicht sehr tief, wie die Seen in alten Kiesgruben beweisen (Fig. 95). Es ist anzunehmen, dass die durch Stauwehre beeinträchtigte Wasserführung der Rhone sich auch auf den Grundwasserhaushalt auswirken wird. Landwirte befürchten gar, dass ihr Land wieder versumpfen könnte. Weil man aber über die Vorgänge im Grundwasserstrom noch zu wenig weiss, ist es schwierig gültige Voraussagen zu machen. Auch Verschmutzungen aller Art bedrohen das Grundwasser. Weil es als Trinkwasser genutzt wird, muss es einwandfrei sauber bleiben. Es ist vor schmutzigen Abwässern und anderen schädlichen Flüssigkeiten zu schützen. Darum werden Anlagen zur Lagerung von Kohlewasserstoffen genau überwacht und selbst Haustanks für Heizöl kontrolliert. Auch beim Aus- oder Umlad von Chemikalien sind schon Verunreinigungen eingetreten. Deshalb ist es wichtig, dass man sich in der Öffentlichkeit und Industrie über mögliche Gefahren Rechenschaft gibt und vorbeugende Massnahmen zum Schutz des Grundwassers trifft.
Quellwasser ist dann trinkbar, wenn es genügend lange durch feinporiges Gestein geflossen und dabei filtriert worden ist. Ideale Bedingungen für gutes Quellwasser bieten feinporöse Sandsteine oder sandige Moränen. Zu dichte Gesteine, die nur wenig Wasser durchtreten lassen oder gar undurchlässige Tone, eignen sich nicht als Filter.
Auch Schichten aus wasserlöslichem Gestein, wie Kalk oder Gips, verursachen Grundwasserprobleme. Eine unbewachsene, unbedeckte Kalkfläche verwittert zu einem Karrenfeld, wie man es am SanetschPass antrifft (Fig. 96). Der Kalk ist von zahlreichen kleinen und grossen Lösungsfurchen durchzogen und gleicht einem zerschrundeten Gletscher. Wenn durch hydrochemische Auflösung von Gesteinsschichten im Untergrund Höhlen entstehen, die einstürzen, bilden sich an der Oberfläche Dolinen. Solche Einsturztrichter können in Kalk- oder Gipsformationen mehrere hundert Meter Durchmesser aufweisen. Oberhalb Morgins, in der Region von Dreveneuse, begegnet man vielen. Das Tal von Dreveneuse, durch das kein Bach fliesst, ist wahrscheinlich eine Einsenkung des Geländes, verursacht durch grossräumige unterirdische Lösungsvorgänge. Trockentäler, Dohnen und Karrenfelder sind Merkmale der Karstlandschaft. Gelegentlich liegen kleine Seen darin, wenn der Boden lokal undurchlässig ist. Das ist der Fall beim Daubensee auf der Gemmi. Im fehlt sogar ein oberirdischer Abfluss. Er wird also irgendwo unterirdisch entwässert.
In unterirdischen Wasserläufen der Karstlandschaft fliesst das Grundwasser völlig frei und wird überhaupt nicht filtriert. Irgendwo tritt es wieder aus als unregelmässig fliessende Bachquelle mit sehr zweifelhafter Wasserqualität. Trocknen unterirdische Bachläufe vorübergehend oder endgültig aus, bleibt eine Netz von Kavernen und Gängen zurück. Das ist das Reich der Speläologen, die wagemutig die Höhlen erforschen, vermessen und kartieren. So wurde beispielsweise die Grotte von Poteux bei Saillon schon auf viele Kilometer erkundet. Höhlen sind vorwiegend in Kalkgebirgen, also im Helvetikum und in der Klippendecke anzutreffen. Sie zu begehen ist nicht ungefährlich, vorallem wenn leichtlösliche Gipsschichten anstehen, die oft Steinschlag und Einstürze verursachen, welche die Gänge versperren.
Im Wallis sind zwei Höhlen so ausgebaut, dass sie für Besucher zugänglich sind: die Grotte-aux-Fées bei Saint-Maurice und der unterirdische See von Saint-Léonard. Erstere liegt im Kalk, letztere im Gips.
Mineralwasser und Thermalwasser
In der Mitte: Schwankungen des Wasserspiegels im Genfersee. Ausgezogener Strich Mittelwerte 1930-1973. Punktierte Linie: Maximalwerte, gestrichelte Linie: Minimalwerte.
Unten: Wasserführung der Pdione bei Porte-du-Scex (ausgezogener Strich), verglichen mit der Füllung und Leerung des Stausees von Mauvoisin (unterbrochener Strich)
Der Ortsname Aproz ist in der ganzen Schweiz bekannt, seitdem er Markenname für ein von Migros vertriebenes Mineralwasser geworden ist. Der Gehalt an Mineralsalzen stammt, wie meistens bei derartigen Quellen, aus leichtlöslichen Evaporiten der Trias. Der Bedarf an Mineralwasser dürfte künftig noch weiter ansteigen, weil chloriertes Trinkwasser je länger, desto weniger geschätzt wird. Von allen Mineralquellen des Wallis ist jene von Sembrancher wohl die eigentümlichste: Ihr hoher Gehalt an Fluor bewirkt, dass die Bewohner der Gegend auffallend wenig an Zahnkaries leiden.
Am stärksten mineralisiert sind Thermalwasser. Das Wasser der Quellen von Leukerbad hat, wie aus der Analyse zu schliessen ist, irgendwo im Untergrund Triasschichten durchflössen. Nur aus triasischen Schichten können nämlich Calziumsulfat und -karbonat, Magnesium, Natrium, Strontium und weitere Mineralsalze in so reichem Mass gelöst werden. Das Leukerbad-Wasser tritt 50° C warm an die Oberfläche. Diese hohe Temperatur hat es auf einer langen Reise in grosse Tiefe aus der Erdwärme übernommen. Um zu berechnen aus welcher Tiefe das Wasser stammt, muss man die geothermische Tiefenstufe kennen. Das ist ein Richtwert für das Ansteigen der Erdwärme mit zunehmender Tiefe. Er beträgt durchschnittlich 1° C pro 30 m Tiefe. Angenommen, das Wasser habe beim Aufstieg in den oberflächennahen Schichten wieder 5° C verloren, wäre die effektive Austrittstemperatur 55° C. Wenn dieses Wasser im Gebirge auf etwa 2000 m ü. M. mit einer Temperatur um 0° C oder wenig darüber versickert, muss es mindestens 1700 m tief eingedrungen sein, um als derart heisse Quelle hervor zu sprudeln. Fast alle Walliser Thermomineralwässer entspringen, wie diejenigen vom Leukerbad, den kristallinen Sockeln oder wenigstens ihrer nahen Umgebung, wie in Brigerbad, Saxon und Bovernier. Die Quelle oberhalb Vex, im Tal der Borgne, hat die Trias des Penninikums ausgelaugt. Aus ihr wollte Matthäus Schiner Salz gewinnen, um von den Lieferungen aus Italien unabhängig zu werden.
Die hydro-elektrische Energie
Die hydro-elektrischen Energiequellen des Wallis sind weitgehend von den Gletschern abhängig. Sie sind also ebenfalls mit einem geologischen Phänomen verknüpft. Gletscher speichern Niederschläge in grosser Höhe und sorgen so, über mehrere Jahre betrachtet, für einen Ausgleich der Abflussmengen. Will man Eis- und vorallem Schneeschmelzwasser zur Gewinnung von Elektrizität richtig nutzen, muss man es zurückhalten, denn wenn zu Beginn des Sommers die Schmelzwassermenge am grössten ist, fallen in unserem gemässigten Klima auch die Hauptniederschläge und gleichzeitig ist der Strombedarf am geringsten. Dank den hinter Staumauern liegenden Seen, kann den Kraftwerken das notwendige Wasser dann zugeleitet werden, wenn der Energieverbrauch am grössten ist, nämlich im Winter.
Mit Staumauern hat auch der Geologe zu tun und zwar während der Planung und dem Bau. Er untersucht die Durchlässigkeit der Gesteinsschichten im Bereich des zukünftigen Staubeckens. Sie sollten so undurchlässig als möglich sein und das ist von Natur aus nicht immer der Fall. Dafür liefert der Stausee von Salanfe den Beweis. Ihn konnte man nie füllen, wegen der hohen Durchlässigkeit der Triasschichten am Kontakt zwischen kristallinem Sockel und autochthonen Sedimenten. Sodann ist die Stabilität und das Langzeitverhalten der Schichten, auf denen die Staumauer stehen soll, zu beurteilen. Das ist in früheren Jahren leider wenig beachtet worden. Aber man hat eine Lehre gezogen aus den Vorgängen an der weltbekannten Staumauer von Tseuzier. Dass sie sich verschoben hat, könnte auf noch aktive Verwerfungen oder auf Vorbereitungsarbeiten zum Bau eines Rawiltunnels zurückzuführen sein. Schliesslich muss auch die Standfestigkeit der Berglehnen über dem zukünftigen Stausee untersucht werden. Im italienischen Südtirol, oberhalb Longarone, stürzte eine riesige Felsmasse aus dem Hang in den Stausee und verursachte eine Flutwelle, in der hunderte von Menschen umkamen. Seither werden bei unseren Stauseen die Berghänge, die durch den See und die grossen Veränderungen des Wasserstandes destabilisiert werden könnten, von einer eidgenössischen Kommission überwacht.
Während des Baues wird der Geologe bald einmal vom IngenieurGeotechniker abgelöst, der die Festigkeit der Gesteinsschichten gegenüber allen möglichen Beanspruchungen berechnet. Der Geologe lässt die Mächtigkeit der verwitterten Oberflächenschichten mit Hilfe von Bohrungen und oft von Sondierstollen bestimmen. Sie müssen entfernt werden, um die Widerlager der Mauer in gesundem Fels zu verankern (Fig. 100). Gewaltige Sprengungen sind gelegentlich nötig, damit der Geologe das frisch abgedeckte Gestein beurteilen kann.
Diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Beruf des Geologen nicht ausschliesslich darin besteht die Alpen zu beschreiben und ihren Werdegang zu rekonstruieren. Vielmehr kommt dem Geologen, dank seinen Kenntnissen über erdgeschichtliche Ereignisse in langen Zeiträumen, eine wichtige Funktion zu bei der Verwirklichung von Ingenieurarbeiten. Um nur einige zu nennen: beim Bauen von Brücken und Tunnels für Strassen und Bahnen; beim Errichten von Mülldeponien, welche die Biosphäre nicht beeinträchtigen sollen; bei der Nutzung von Grundwasserreserven, die nicht erschöpft werden dürfen; und vieles andere mehr. Vorausschauende Behörden und verantwortungsbewusste Unternehmungen haben längst bemerkt, dass dem Geologen eine wichtige Expertenstellung zukommt. Darum sind Geologen heute gefragte Sachverständige.

