Italianità im Wallis

Aus Wikiwallis
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Trotz ihres mediterranen Klangs sind Namen wie Pierre Gianadda oder Denis Rabaglia unbestritten auch eng mit dem Wallis verbunden. Die Italienerinnen und Italiener haben als erste grosse Einwanderungsgruppe im Kanton einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben des Wallis geleistet und tun dies auch heute noch. Diese langfristige Einbindung manifestiert sich unter anderem in den zahlreichen Vereinen, die sie gegründet haben oder in denen sie aktiv sind, wie die katholischen Missionen, die italienischen Gemeinschaften, Bildungsvereine, Fussballvereine, Theatergruppen usw. Sie wird aber wie bei den beiden bereits erwähnten Namen auch bei Einzelpersonen deutlich; es gibt Bauunternehmer, die sich als Mäzene für den Sport oder die Kultur engagieren; dann auch Filmschaffende, Komiker, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, usw. All diese Facetten der Italianità im Wallis sind Zeichen dafür, dass sich die soziale und kulturelle Identität der Region und ihre „lebendigen Traditionen“ kontinuierlich verändern und weiterentwickeln und dass sich eine komplexe Beziehung entwickelt zwischen denen, die kommen oder gehen und denen, die bleiben. Eine schöne Art, das Bewusstsein für die kulturelle Vielfalt in der Schweiz und deren kreatives Potential zu fördern, wie es im Unesco-Übereinkommen von 2003 festgehalten ist. Die italienische Immigration im Wallis erscheint tatsächlich beispielhaft und hat den Weg für andere Einwanderungsgruppen geebnet – Menschen aus Spanien, Portugal, Kosovo und tamilischen Gebieten, die sich in der Schweiz niederlassen.

Italienische Gruppen und Privatpersonen im gesellschaftlichen und kulturellen Leben

Missione cattolica in Naters, 1976. Foto Mediathek Wallis – Martigny; René Ritler.‎

Die gesellschaftliche und kulturelle Identität des Kollektivs „Wallis“, das heisst all das, womit es sich von allen andern unterscheidet und von diesen es als solches anerkannt wird, entsteht über die Beziehungen, die die verschiedenen Gruppen dieses Kollektivs „Wallis“ mit andern Gruppen unterhalten. Diese Identität manifestiert sich in einem Repräsentationssystem, das unter anderem in Form von Bräuchen bzw. „lebendigen Traditionen“ in Erscheinung tritt. Diese verändern sich und passen sich dem Wandel der Beziehungen ständig an. Gruppen, die im Zusammenhang mit Immigration entstanden sind, partizipieren also an einem gesellschaftlichen und kulturellen Prozess, dessen Ursprung das Kollektiv Wallis ist.

Die Rolle der Italienerinnen und Italiener ist in dieser Hinsicht aussergewöhnlich: Als erste grosse Einwanderungsgruppe im industrialisierten Wallis haben sie einen grossen Beitrag an das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben im Wallis geleistet. Diese Einbindung drückt sich über vielfältige gesellschaftliche Aktivitäten aus, die sich als „lebendige Traditionen“ manifestieren und die erst im Wallis entstanden sind: Katholische Missionshäuser wie die Missione cattolica italiana per tutto il Vallese, die 1912 in Naters gegründet wurde (diese Schulen erhielten gratis Bücher und Hefte vom Aussenministerium in Rom); italienische Kolonien; Bildungsvereine (so die Società Dante Alighieri); Fussballvereine; Theatergruppen – Ausdruck der Diversität und Stratifizierung der Italianità im Wallis. Sie drückt sich aber auch durch die Aktivitäten von Familien und Einzelpersonen aus wie die D’Alpaos, Fantoni, Gentinetta, Gianadda, Rabaglia, Recrosio…, Unternehmer, Sammler, Künstler, alle sehr aktiv in ihren Domänen und Inhaber von Schlüsselpositionen, sei es im Bauwesen, im Tourismus oder der Kulturszene des modernen Wallis.

Diese italienische Präsenz im Wallis und ihr breites Wirken ermöglichten auch die Einrichtung von italienischen Konsulaten in Brig und Sitten oder das Entstehen von Organisationen wie des Comitato degli Italiani all’Estero, [www.comites-vs.ch Vallese], welches sich für die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Beziehungen zwischen Italien und dem Wallis interessiert; ein Thema, das inzwischen auch die Universitäten beschäftigt, so die Universität Lausanne oder das Piemontesische Institut Giorgio Agosti in Turin, aber auch die Politiker: Am 17. September 2011 fand unter der Leitung des Italienischen Generalkonsulats in Lausanne im Saal des Grossen Rates in Sitten ein Runder Tisch statt mit Behördenvertretern aus dem Wallis und aus Italien zum Thema „Integration und Partizipation. Vom Migranten zum Bürger“.



Vom Bauwesen bis zur Kultur: Stete, lebendige Präsenz

Alle diese Vereine und Privatpersonen sind Urheber verschiedenster Anlässe, Feste, Sportveranstaltungen, Theateraufführungen, Festivals, Ausstellungen, Filmvorführungen – konkreter Ausdruck kultureller Vielfalt, an der die ganze lokale Bevölkerung teilnehmen kann. Beispiele sind das alle zwei Jahre stattfindende Festival Bell’Italia in der Belle Usine in Fully oder die Fotoausstellung Cantina transalpina, ein Projekt des Vereins Tunnelbau und Gender im Juni 2007 auf dem Stadtplatz von Brig als Hommage an alle Italiener, die ins Wallis gekommen waren, um den Simplon- und den Lötschbergtunnel zu bauen. Einer ihrer Nachkommen, Jean-Pierre D’Alpaos, hat 2010 für sein jahrzehntelanges kulturelles Wirken im Oberwallis in den Sparten Musik, Kino und Literatur den Kulturpreis der Stadt Brig erhalten. Und die in Brig ansässigen Bauunternehmungen Fantoni und Gentinetta sind bis heute im Bausektor des Oberwallis stark präsent und setzen hier bis heute das Knowhow ihrer Ahnen um. Ähnlich sieht es im Lebensmittelsektor aus mit der Teigwarenfabrik Dell’Oro der Familie Germanini in Brig und der Rizerie du Simplon Torrione in Martigny. Im Unterwallis sind die Unternehmer Giovanola, Conforti und Gianadda zu erwähnen, darunter speziell der Ingenieur Léonard Gianadda, Enkel eines piemontesischen Maurers, der in Martigny die Fondation Pierre Gianadda errichtet hat, deren Ausstellungen in ganz Europa bekannt sind. Der Filmemacher Denis Rabaglia, geboren in Martigny, hatte seine ersten filmischen Schritte bei einem Lokalfernsehn gemacht, bevor er seinen ersten Kurzfilm realisierte (Grossesse nerveuse) und später seine Kinofilme Azzuro und Marcello Marcello und die Umsetzung von Novecento des italienischen Schriftstellers Baricco. Der Komiker Frédéric Recrosio ist in Sitten geboren, hat die Theaterschule in Martigny besucht und zeigt heute seine Solospektakel in der ganzen Schweiz und in Frankreich (Rêver, grandir et coincer des malheureuses und Aimer, mûrir et trahir avec la coiffeuse), gibt aber auch Chansonvorführungen (ça n’arrive qu’aux vivants im Rahmen von Scènes valaisannes 2011).

Der Migrantenstatus ist von vielen Walliser Schriftstellern zum Thema gemacht worden, so auch von Maurice Chappaz und Pierre Imhasly. Der junge Schriftsteller Adrien Pasquali, 1958 im Vallée de Bagnes geboren, 1999 in Paris gestorben, stellte sich jeweils als „Italiener französischer Sprache“ vor. Er publizierte 1984 ein Buch mit dem Titel Eloge du migrant, 1986 Les Portes d’Italie und 1994 La Matta. 2011 widmete ihm der Verlag Zoé eine Hommage, herausgegeben von Sylviane Dupuis; der Walliser Schriftsteller Jérôme Meizoz erinnert im gleichen Jahr in Lettres au Pendu an Pasquali. Das Anliegen des Comitato degli Italiani all’Estero, Vallese ist es, die Geschichte der Beziehungen zwischen Italien und dem Wallis in Erinnerung zu behalten. Im Rahmen des 150. Jahrestages der Italienischen Einheit 2011 organisierte dieses Komitee während des ganzen Jahres Veranstaltungen zum Thema „Italiener im Wallis: unsere kultur-historischen Wurzeln, unsere Zukunft!“; darunter den Filmzyklus Cinéma et histoire du Risorgimento.

Auch die akademische Welt interessiert sich für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Beiträge der Italiener und Italienerinnen im Wallis. So schloss Saffia Elisa Shaukat ihr Studium der Politikwissenschaften an der Universität Lausanne mit der Dissertation Travail temporaire et politiques migratoires en Europe: le cas des saisonnier-ère-s en Suisse (1949-2002) ab; ein Kapitel der Arbeit ist dem Wallis gewidmet. Das piemontesische Institut Giorgio Agosti zur Geschichte der Resistenza hat ähnliche Interessen: 2011 wurde ein internationales Seminar organisiert zum Thema Soziale Bewegungen quer durch die Alpen.

Grenzgänger

Junge Frauen der Italienerkolonie Don Bosco in Sitten, 5. April 1954. Foto Mediathek Wallis – Martigny; Raymond Schmid.

Der Beitrag von Italienerinnen und Italienern zur „Kollektivität Wallis“ erstreckt sich über einen langen Zeitraum: Im Zuge der Jahrhunderte haben die Beziehungen zu Italien in der Walliser Geschichte eine grosse Rolle gespielt; in einem gewissen Sinn gehören sie sogar zur Basis des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens des Kantons. So waren es im 13. Jahrhundert Händler aus Mailand, die den Bischof von Sitten aufforderten, den Übergang über den Simplonpass zu gewährleisten – den Zugang zu den Märkten der Champagne, auf halbem Weg zwischen Italien und Flandern, den beiden damals wichtigsten europäischen Wirtschaftszentren. In der Folge etablierten sich in Brig und Sitten lombardische Bankleute, Jahrmärkte und Messen wurden immer zahlreicher – Zeugen lebhafter Handelsbeziehungen mit Domodossola und Mailand. Ab der Renaissance brachten Handwerker, Künstler und Handelsleute aus der Lombardei und dem Piemont ein spezialisiertes Knowhow in das von der Landwirtschaft geprägte Wallis, in von der lokalen Bevölkerung kaum vertraute Domänen: der Bearbeitung von Stein, von Kupfer und speziell von Zinn – nicht wegzudenken aus dem Wirtschaftsleben und den Handelsbeziehungen. Gleichzeitig kamen auch Keramiker, Kupferschmiede, Schuhmacher, Scherenschleifer und Hausierer und vermischten sich mit der lokalen Bevölkerung. So entstand über Hochzeiten und Patenschaften allmählich ein enges Netz von Beziehungen. Es wurde genauer gesagt zwischen Norditalien und dem Wallis geflochten, wie auch das Beispiel der Fratelli Loscho zeigt: Ursprünglich aus Peccia im Vallemaggia stammend, liessen sie sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Händler und Bankiers in Brig am Fusse des Simplons nieder, auf der Achse Mailand-Simplon-Lausanne-Lyon-Paris.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkte die Industrialisierung im Wallis die Beziehungen zu Italien noch. Vermehrt emigrierten jetzt Leute aus piemontesischen Dörfern, Kunsthandwerker und Arbeiter temporär oder definitiv nach Frankreich oder in die Schweiz. Auf diese Art wurde auch Fachwissen transportiert, z. B. in der Bearbeitung von Baumaterial, das die italienischen Arbeiter mit in die Schweiz brachten. Maurer wurden so schnell zu Unternehmern und beteiligten sich am Strassenbau und am Bau von Staudämmen. Sie wurden so zu Erbauern von langen Arterien aus Stein, denen entlang Geldströme flossen, gewährleistet von Händlern und Kunsthandwerkern. Gleichzeitig machten sich Tausende von Wallisern auf den umgekehrten Weg, schifften sich nach Amerika ein (Argentinien, Brasilien, USA), zogen es vor, dort Bauer zu bleiben als hier zum Arbeiter zu werden – während Tausende von ausländischen Arbeitern, vor allem aus Italien, das Wallis auf der Suche nach Arbeit erreichten.

Diese Bewegung spitzte sich am Ende des 19. Jahrhunderts noch zu: Insbesondere durch die Migrationsbewegungen im Wallis, im Zusammenhang mit dem Bau der Simplon- und Lötschbergtunnels, der Ansiedlung der Elektro-, Chemie- und Metallindustrie in der Rhoneebene, der Kanalisierung und Umleitung der Rhone und ihrer Zuflüsse und der Entwicklung der Verkehrswege, wurde die Schweiz 1905 mit 80’000 italienischen Einwanderern zum ersten italienischen Emigrationsland in Europa.

Die Reaktionen der lokalen Bevölkerung auf diese starken Immigrationsbewegungen schlagen sich in der Kategorisierung der italienischen Arbeiter z. B. im „Negerdorf“ von Naters oder in der Lage den Baracken entlang des Bahntrassees der Lötschberglinie nieder. Die Spitznamen spiegeln in abgeschwächter Form die Reaktionen wieder, die ihre Anwesenheit bei der lokalen Bevölkerung auslösten; umso mehr, als die schwierigen Arbeitsbedingungen bei den Arbeitern Streikversuche provoziert hatten, die aber durch die von den kantonalen Behörden herbeorderten Soldaten und die Polizei unverzüglich unterdrückt wurden. Diese Aktionen verliehen den ausländischen Arbeitern den Ruf von Unruhestiftern und verdächtiger Anarchisten, die die Walliser Gesellschaft zerstören und die Hierarchien erschütterten wollten. Zu erwähnen ist hier noch, dass auch der Gründer der sozialistischen Partei im Wallis, Carlo Dellberg (1886-1978), im Alter von 15 Jahren beim Bau des Simplontunnels beschäftigt gewesen war, eine Erfahrung, die sicher mit beigetragen hat zu seinem späteren Einsatz bei der Entstehung der Gewerkschaften im Wallis.

Die Präsenz der Italienerinnen und Italiener im wirtschaftlichen und politischen Gebilde Wallis führte manchmal auch zu Interessenskonflikten. So waren bei den Finanzskandalen während des Wirtschaftsaufschwungs der 1970er Jahre („Savro-Affäre“) auch Unternehmer italienischer Herkunft beteiligt. Umgekehrt wirkten sie aber auch als wichtige Mäzene im Sportbereich (FC Sion).

Im Verlauf der Zeit klangen die Spannungen ab und die „lebendigen Traditionen“, die unter dem Einfluss der italienischen Präsenz im Wallis entstanden sind, nähren inzwischen das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Geflecht des Wallis. Ja, sie begünstigen die Beziehungen zwischen den Nachkommen der Migrations-Pioniere und der eingesessenen Bevölkerung sogar soweit, dass uns heute die Präsenz der Italiener und Italienerinnen im Wallis „natürlich“ erscheint, als Bestandteil eines dynamischen Identifikationsprozesses.

Die Italiener im Wallis: ein exemplarischer Fall

Als erste Migranten-Gruppe, die sich konsequent im industriellen Wallis etabliert hatte, haben die Italienerinnen und Italiener für andere Immigrations-Gruppen den Weg geebnet: Spanier, Portugiesen, Tamilen und Kosovaren, die alle wieder auf ihre ganz eigene Art den Identifikationsprozess modulieren und so sozial und kulturell an der Bildung der Kollektivität Wallis beteiligt sind. Sie wissen von den ähnlichen Schwierigkeiten ihrer italienischen Vorgänger und geben der heterogenen und fluktuierenden Dynamik, die so charakteristisch ist für diesen Prozess, ihren eigenen Ausdruck. Dieses im Wallis beobachtbare Phänomen gibt es auch auf nationaler Ebene: Es ist der gleiche, komplexe Prozess, der in die Beziehungen zwischen Migranten-Gruppen und der Kollektivität Schweiz einfliesst, diese prägt und stets verändert. Wie gross wird der Anteil der „lebendigen Traditionen“ der betroffenen Immigranten-Gruppen auf den UNESCO-Listen sein?

Referenzen

1.
« Léonard Gianadda présente son projet de Fondation », 1977, sur le site Notrehistoire.ch


2.
ANTONIETTI Thomas, MORAND Marie Claude
1991. Valais d’émigration – Auswanderungsland Wallis. Sion : Editions des Musées cantonaux du Valais (Cahiers d’ethnologie valaisanne n°2).


3.
JORIS Elisabeth (et al.)
2006. Tiefenbohrungen : Frauen und Männer auf den grossen Tunnelbaustellen der Schweiz, 1870-2005. Baden : hier+jetzt Verl. für Kultur und Geschichte


4.
PAPILLOUD Jean-Henry et al.
1992. Le Valais et les étrangers, XIXe-XXe. Sion : Groupe valaisan de sciences humaines (Société et culture du Valais contemporain 5)


5.
PASQUALI Adrien
1999. Le pain du silence. Carouge-Genève : Zoé.


6.
SEDUNUM NOSTRUM
1998. Le couvent des capucins de Sion. Sedunum Nostrum (Sion), n°66.

Multimedia

Artikel

Fotos








In anderen Sprachen