Kulturland

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Abb. 37 - Kleine Roggen-, Gerstenund Kartoffeläckerchen sind bezeichnend für das Obergoms (Obergestein).

Das Wallis besitzt noch einige bemerkenswerte Kulturlandschaften: Hochstamm-Obstbäume in einigen Winkeln der Ebene, Rebparzellen an oft waghalsig abschüssigen Hängen, Terrassenkulturen, kleine Getreidefelder in der Nähe alter Dörfer, in feuchten Senken zusammengezogene Gärten, weite, durch Hecken, Baumgrüppchen und Bewässerungskanäle strukturierte Wiesenflächen. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten haben sich auf diese Umwelt eingestellt, ohne die sie nicht mehr auskommen könnten. Dies gilt für gewisse, sehr eng an die Kulturen gebundene Pflanzen, die der Mensch vermutlich in der Jungsteinzeit schon einführte. Fälschlicherweise werden diese Pflanzen als "Unkraut" verschrien, wobei nur einige aggressive Arten, die sich blitzartig vermehren, diese Bezeichnung verdienen. Die anderen - die grosse Mehrzahl - sind nur Begleiter der Kulturen ohne im mindesten deren Ertrag zu schmälern. Sie ziehen bloss Nutzen aus den regelmässig gepflügten Böden, was ihnen erlaubt, der Konkurrenz anderer Arten zu entgehen. Für diese Pflanzen ist die Bezeichnung Adventivflora, d. h. zugewanderte Arten, von lat. "advenire" (hinzutreten), treffend gewählt. Für solch spezialisierte Flora ist das Wallis mit seinem vielfältigen Klima, seine verschiedenen Böden und Trockenhalden immer noch ein Paradies. Doch zeichnen sich zwei bedrohliche Tendenzen ab: einerseits das Aufgeben gewisser Kulturen wie die des Wintergetreides, zum anderen die Intensivierung der Nutzung unter massivem Einsatz von Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Durch diese Entwicklung hat unser Kanton seit Jahrhundertanfang nicht weniger als vierzig Arten verloren! Das Problem existiert auf nationaler wie internationaler Ebene; diese Entwicklung trifft jedoch das Wallis mit seiner reichen und vielfaltigen Flora besonders hart. Es ist also an der Zeit, den Begriff "Unkraut" zu revidieren, sich für die Biologie dieser Pflanzen zu interessieren und sich über die Landwirrschaft von morgen Fragen zu stellen. Das folgende Kapitel soll dem Leser die Möglichkeit bieten, sich von der verblüffenden Anpassungsfähigkeit des Lebens an neue Bedingungen - hier an die der Kulturlandschaft - zu überzeugen.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung der Ackerflora

Die mit den Kulturen vergesellschafteten Pflanzen sind verschiedenen Ursprungs. Gewisse, wie der Hasen-Klee oder der Rainkohl, sind aus der einheimischen Flora entstanden. Sie finden sich noch in den lokalen, natürlichen Lebensräumen. Andere, die zu den auffallendsten und interessantesten gehören, kamen aus dem Mittelmeergebiet oder aus dem Osten. Sie folgten damals den Getreidekulturen in ihrer historischen Ausbreitung. In den trockenen Biotopen des Wallis fanden sie eine bevorzugte Umwelt. Dies trifft für den Sommer-Adonis und für etliche Mohnarten zu. Schliesslich wurden die letzten Ankömmlinge aus allen Erdteilen durch den im 17. Jahrhundert angelaufenen internationalen Handel eingeführt oder eingeschleppt. Gewisse unter ihnen breiten sich in ihrer neuen Heimat weiter aus: das Kanadische Berufkraut und der Rauhhaarige Amarant aus Amerika, inzwischen sind die beiden zu wirklichem "Unkraut" geworden.

Tafel XIV

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Kulturen in Erschmatt

Die kleinen Äckerchen rund um das alte Dorf machen den Reiz der Landschaft aus. Einst nahmen die Roggenäckerchen den ganzen Raum bis zum Lärchengürtel auf 1600 m ü. M. ein. Diese Art der Bewirtschaftung gestattete, die trockenen, durch Suonen schwer zu bewässernden Parzellen zu nutzen.

Einige biologische Begriffe

Für Pflanzen gibt es zwei Möglichkeiten, sich dem regelmässig bearbeiteten Kulturboden anzupassen: mehrere Jahre leben und sich aus Wurzelschossen regenerieren, oder sich zu einer einjährigen, auch Annuelle genannten Pflanze zu wandeln. Zur ersten Gruppe gehören die Acker-Winde, der Acker-Schachtelhalm, die Kriechende Quecke und weitere, ihres mächtigen Wurzelwerkes wegen schwer auszurottende Arten. Man findet darunter auch einige schöne Knollenpflanzen wie den Acker-Gelbstern, die Schopfartige Bisamhyazinthe, die Erdkastanie, die Knollige Platterbse und den berühmten Safran von Mund, dessen Narben man im Oktober, im Anschluss an die Roggenernte sammelt. Man darf auch die Grengjer Tulpe (Tafel XVI) nicht vergessen; diese verdankt ihre Berühmheit der Tatsache, dass auf unserem Planeten nur noch ein Standort bekannt ist, wo diese Pflanze in natürlichem Zustand wächst: ein Hügel in der Nähe des kleinen Walliser Dorfes Grengiols. Ihr Überleben ist stark gefährdet, was einige Tulpenliebhaber bewog, sie in ihren Sammlungen zu ziehen. Dank ihrer Knolle kann die Pflanze Nahrungsvorräte äufnen, somit kalten und trockenen Zeiten trotzen, und blühen, sobald die Bedingungen günstig werden: im Vorfrühling oder, beim Safran, im Spätherbst. Die Knolle stellt somit eine ideale Anpassung an trockene Gebiete, ans mediterrane Klima und, in unserem Fall, ans Kulturland dar.

Neben diesen besonderen Pflanzen sind die meisten Begleitpflanzen einjährig. Sie haben sich dem Zyklus der Kulturen angepasst. Nehmen wir als Beispiel ein für das nächste Jahr im Herbst angesätes Roggenfeld. Die meisten Begleitpflanzen keimen während der kalten Jahreszeit, daher die Bezeichnung Winter-Annuelle. Die ersten, Ehrenpreis und Acker-Steinsame, blühen im März/April. Etwa zwei Monate später erscheinen die schönen roten Tupfen des Feuer-Mohns und des Sommer-Adonis. Dann kommt die Kornernte, die Zeit der Kornblume und der Kornrade. Das Acker-Fadenkraut und der Schmalblättrige Hohlzahn blühen als letzte, in den Stoppeln. Wir müssen auch einige einjährige Sommerpflanzen wie die Sonnenwend-Wolfsmilch und den Weissen Gänsefuss erwähnen. Sie warten auf die warmen Tage, um zu keimen. Ihrem Temperament nach sind die meisten dieser Pflanzen Pioniere; ihr Überleben sichern sie vor allem durch Samenvermehrung. Sie bilden Unmengen von kleinen Samen, die leicht vom Wind in alle Himmelsrichtungen getragen werden können. Jeder Quadratmeter Kulturland kann 10 000 bis 100 000 davon enthalten. Nicht genug damit: Diese Samen bleiben im Schnitt während zehn bis siebzig Jahren keimfähig, so dass die Begleitflora ohne weiteres in einem während Jahrzehnten verlassenen Feld wieder auftauchen kann.

Allerdings gibt es einige Ausnahmen zu diesem Verhalten. Die Kornrade ist eine der bemerkenswertesten. Diese Art hat ihr Spezialistentum so weit entwickelt, dass sie die Getreideart, die sie begleitet, genauestens kopiert: gleicher Zyklus, gleiche Zeit des Blühens, gleicher Wuchs, gleiche Samengrösse; daher bereitet sie beim Sortieren der Samen grösste Schwierigkeiten. Demgegenüber ist die Kornrade völlig vom Menschen abhängig. Ihre Samen verbreiten sich schlecht und deren Keimfähigkeit ist auf ein Jahr beschränkt.

Tafel XV

Flora der Getreidefelder in Brentjong/Leuk

1. Reichtum der Ackerflora - Das Vorhandensein von Feuer-Mohn, Kornblume und Feld-Hundskamille lässt vermuten, es gebe in diesem Winterroggenfeld noch weitere interessante Arten zu entdecken. Der trockene Kalkboden, die geringe Höhe über Meer (950 m) und eine angemessene Bewirtschaftung machen aus Brentjong den für diese Pflanzenarten reichsten Standort der Schweiz.

2. Kornrade - Eher seltene Art, welche das Getreide, was Reifezeit und Samengrösse betrifft, genauestens nachahmt.

3. Acker-Hahnenfuss - Diese Art ist im Wallis wie in der ganzen Schweiz stark rückläufig.

4. Scharlachroter Adonis - Für diese Art bedeutet Brentjong einen der letzten Standorte in der Schweiz. Dieser unterscheidet sich vom Sommer-Adonis durch leuchtenderes Rot und das Fehlen von Schwarztönen am Grunde des Blütenkelches. Die Anwendung von Unkrautvertilgern, eine auch nur geringfügige Abweichung in der Art der Bewirtschaftung: Diese prächtige Pflanze wäre verschwunden!

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Flora des Wintergetreides

Im vergangenen Jahrhundert bestand der Reichtum der Bergbewohner in den an den Hängen angelegten Getreideäckerchen. Diese Kulturen erlebten eine grosse Blütezeit, waren sie doch eines der wenigen Mittel, die Selbstversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Das Wintergetreide wurde im Herbst für das kommende Jahr ausgesät. Seiner flexiblen Wachstumsperiode wegen war dieses Getreide für die bergigen Gegenden mit ihren trockenen und schwer zu bewässernden Böden sehr geeignet. Bald säte man sieben bis zehn Jahre hintereinander Roggen, bald wurde mit Gerste und Kartoffeln abgewechselt. Auf den trockenen Terrassen von Erschmatt liess man die Äcker jedes zweite Jahr ruhen, um dem Boden Zeit zu lassen, wieder Feuchtigkeit aufzunehmen. Gewiss, die Erträge waren bescheiden, doch war es möglich, ein qualitativ gutes Korn ohne Chemie und praktisch ohne Düngung zu ernten. Die Begleitflora blühte damals mit aussergewöhnlicher Pracht. Von diesen ehemaligen Äckern an den Hängen bleibt heute nur Brachland, ausser etwa dreissig noch bebaute Orte. Die Begleitflora ist folglich im höchsten Grade bedroht. Tab. 1 zeigt die Verteilung einiger interessanter Arten in den angeführten Sektoren für das Jahr 1986.

Tafel XVI

Regionale Besonderheiten der Ackerflora

1. Kulturen in Täsch - Die ehemaligen Getreideäckerchen im Mattertal werden durch die Jupiternelke kolonisiert (rosa).

2. Grengjer Tulpe - Diese Tulpe wächst wild nur mehr an einem einzigen Ort auf der Welt: in einem alten Äckerchen in der Nähe des Dorfes Grengiols. In einen Garten verpflanzt überlebt sie meist nur wenige Jahre, was die Gefahr, dass der nur noch kleine Bestand durch Ausgraben der Knollen weiter gefährdet wird, wesentlich erhöht.

3. Der Safran von Mund - Dieser Krokus wird in einigen Parzellen unterhalb des Dorfes sorgsam gepflegt. Er soll im 14. Jahrhundert aus Spanien eingeführt worden sein. Die roten Narben werden im Oktober geerntet. Um ein Gramm Safran zu gewinnen, braucht man 120 Blüten.

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Tab. 1 - Verteilung einiger Charakterpflanzen in den im Jahre 1986 an den Hängen noch bebauten Getreideäckerchen.
Abb. 37bis - Drei Pflanzen aus bebauten Flächen und deren Verbreitung im Wallis: die Kornrade, welche auf Kornfelder mit interessanter Flora hinweist; der Acker Hahnenfuss, dessen Bestände bedenklich schwinden; die Sonnenwende, seltene, mit der Rebbergvegetation assoziierte Pflanze. Diese Arten erscheinen auf den Tafeln XV und XVII. Die schwarzen Punkte weisen auf eine in den Kulturen beobachtete Präsenz hin; die Ringe entsprechen einigen isolierten oder ausserhalb der Kulturen beobachteten Pflanzen; Kreuze bezeichnen Standorte, aus welchen die betreffende Pflanze verschwunden ist (nach Waldis 1987). Graue Zone: die Höhenstufe zwischen 1000 und 2000 m.
Abb. 38 - Die kleinen Getreideäckerchen prägen heute noch gewisse Walliser Landschaften (hier am Levron).

Im Oberwallis, wo sich die meisten noch bebauten Äcker befinden, herrschen saure Böden vor. Die Begleitflora besteht folglich meist aus säureliebenden Arten wie dem Sand-Mohn, dem Hasen-Klee oder dem Acker-Fadenkraut. Die Äcker von Bürchen, Visperterminen oder Ernen sind noch schöne Beispiele hiefür.Im Mittel- und Unterwallis sind die Kalkböden weiter verbreitet, doch ist die Begleitflora wegen der Aufgabe der alten Äcker ernsthaft verarmt. Dabei ist sie die spektakulärste! Zu den Charakterarten zählen der Sommer-Adonis, die Haftdolde und das seltene Rundblättrige Hasenohr. Die Felder von Vernamiège (1300 m) waren noch reichhaltig, bevor sie als Bauland ausgezont wurden. Isérables (1100 m) hat in den Achtzigerjahren seinen gesamten floristischen Reichtum wegen der Intensivierung der Landwirtschaft und der Aufgabe der Roggenäcker eingebüsst.Glücklicherweise gibt es einige Äcker auf Kalkböden im Oberwallis. Das Plateau von Brentjong (Tafel XV), auf 900 m Höhe, nahe bei den Antennen von Leuk, ist, in der Schweiz, eine der reichhaltigsten Stellen für die Begleitflora und stellt, für Acker-Mannsschild und Felsenheide-Strohblume, den vorletzten Zufluchtsort dar. Der Hügel von Biela bei Termen, auf 900 m Höhe (Abb. 39), beherbergt Seltenheiten wie die Ungarische Wicke und das Acker-Zackenschötchen.Die meisten der hier besprochenen Begleitpflanzen sind Winter-Annuelle mit mediterranem Einschlag; sie haben sich den trockenen Walliserböden angepasst und sind in der übrigen Schweiz wenig verbreitet. Um sie vor dem baldigen Verschwinden zu retten, müssten für sie an günstigen Standorten Kornäcker angepflanzt und bewirtschaftet werden. Am besten, freilich, wäre, man belebte die Bewirtschaftung der Halden von neuem, betriebe Hand in Hand damit den biologischen Ackerbau. Wie sehr stünde dieser Versuch im Einklang mit dem Klima des Wallis, seiner Landschaft und ihrer prächtigen Flora!

Flora der Sommer-Kulturen

Abb. 39 - Von der Simplonstrasse aus erblickt man die Felder von Termen, über welche, locker übers ganze Gelände verstreut, grosse Nussbäume wachsen. Floristisch betrachtet sind diese Felder fast die reichsten des Wallis. Im Hintergrund Brig und der mit steppenartiger Vegetation überwachsene Hügel von Biela.

Das Sommergetreide ersetzt immer mehr die Wintersaat. Dank Düngung und Bewässerung sind diese Kulturen ertragreicher, doch der minderen Qualität wegen ist ihr Korn eher als Viehfutter denn als Brotgetreide geeignet. Die Sommerkulturen umfassen auch Kartoffeln und Gartengemüse, in einem Wort, alles, was im selben Jahr gepflanzt und geerntet wird. Sie brauchen tiefgründige, fruchtbare und wenn möglich etwas feuchte Böden. Unter diesen Umständen setzt sich die Begleitflora aus gängigen, in ganz Mitteleuropa verbreiteten Pflanzen zusammen. Dies sind vor allem Sommer-Jahrespflanzen, aber auch wohlbekannte Arten, die jederzeit keimen und mehrere Generationen im Jahr zu bilden vermögen: Vogelmiere, Acker-Taubnessel, Einjähriges Bingelkraut, Gemeines Kreuzkraut (Zeichnungen Tafel XVII).

Flora der Heilpflanzen-Kulturen

Thymian, Salbei, Acker-Minze, Melisse, Ysop: das Ziehen von Heilpflanzen und aromatischen Gewächsen blüht seit einigen Jahren im Wallis und ruft ehemals bebaute Terrassen, ja die ganze Landschaft zu neuem Leben zurück. Im Jahre 1987 überdeckten solche Kulturen etwa 15 ha; ein überzeugendes Beispiel einer qualitativ hochstehenden biologischen Kultur, dank derer und fern aller Vertilgungsmittel eine ganze Gesellschaft von Begleitpflanzen ihre Auferstehung feiern kann, wie zum Beispiel, vor allem am Saum der Acker: Sommer-Adonis, Acker-Rittersporn, Gemeine Wallwurz, Gelber Günsel, Acker-Knorpelkraut ...

Tafel XVII

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Flora der Rebberge und Gärten

Neben dem gängigen "Unkraut", wie das Einjährige Bingelkraut (untenstehende Zeichnung links) oder das Gemeine Kreuzkraut (unten rechts), können Rebberge und Gärten auch Seltenheiten beherbergen.

1. Sonnenwende - Kennzeichen der wärmsten und am wenigsten mit Unkrautvertilgern gespritzten Rebberge (Clavau bei Sitten).

2. Färberröte - Früher wurde diese Pflanze des roten, aus ihren Wurzeln gewonnenen Farbstoffes wegen angepflanzt. Heute findet man sie nur mehr in wenigen Rebbergen und Gärten in der Nähe gewisser Dörfer.

3. Bilsenkraut - Diese seltene Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse taucht sporadisch auf Schutthaufen und am Rande gewisser Kulturen auf (Saint-Léonard).

4.Reiherschnabel und Gelbstern - Der in den Rebbergen recht verbreitete Gemeine Reiherschnabel wird bisweilen vom seltenen Acker-Gelbstern begleitet.

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Flora der Rebberge

Im Frühling, wenn die Wiesen schon schön grünen, gleicht der Rebberg lange Wochen noch einer Wüste. Zwischen den Rebstöcken bleibt der Boden praktisch kahl. Zu den typischen, im Rebberg wachsenden gewöhnlichen Pflanzen zählen der Gemeine Reiherschnabel und das Kleine Leinkraut. Die Parzellen, die man wenig spritzt, in denen folglich Sonnenwende und Färberröte noch gedeihen, haben Seltenheitswert. Tafel XVII zeigt die Färberröte, die einst des aus ihren Wurzeln gewonnenen Farbstoffes wegen angepflanzt wurde. Die frischbepflanzten Rebparzellen, die man im ersten Lebensjahr mit Giftstoffen verschont, beherbergen vor allem Sommer-Jahrespflanzen, die man ebenfalls in den Gärten antrifft: Weisserund Bastard-Gänsefuss, Rauhhaariger Amarant, Sonnenwend-Wolfsmilch, Schwarzer Nachtschatten, Vogel-Knöterich, Borstenhirse ... Anderswo lassen die Vertilgungsmittel nur solchen Pflanzen eine Chance, die im Jahr zwei oder drei Generationen bilden oder sich vom Wurzelstock aus "verteidigen" können. Zur ersten Gruppe gehören das Hirtentäschchen, das Gemeine Kreuzkraut, die Vogelmiere; zur zweiten die Acker-Winde, der Acker-Schachtelhalm, die Ackerdistel.

Die Ränder der Rebparzellen können den Blumenfreund entzücken, vorausgesetzt, sie werden weder gespritzt noch durch Ablagerungen von Rebholz belastet. Im Frühling erfreuen uns der rosa Teppich des Seifenkrautes, die gelben Büschel der Färberwaid. Im Sommer die kräftigen Stengel des Wermuts mit seinen fahlgrünen und bitteren Blättern, vielleicht sogar das seltene Toskanische Geissblatt. Die Rebberge auf den Hügeln bei Sitten sind einen Umweg wert: mit ihren den Suonen entlang führenden Wegen, ihren festungsähnlichen Mauern und ihren zahllosen Terrassen. An den geschütztesten Stellen pflanzte man früher Bäume aus Südeuropa: So begegnen Sie vielleicht einem blühenden Mandelbaum, einem Granatapfelbaum, der Mispel, dem Feigenbaum oder auch nur dem Pfirsichbaum.

Begleitpflanzen und moderne Landwirtschaft

Die Adventivflora hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Kulturen: Sie gewährleistet einen gewissen Schutz gegen Erosion und Sonneneinstrahlung; ihre Pflanzen können die biologische Aktivität des Boden beleben und den Feinden der Parasiten Unterschlupf bieten. Sie verdienten etwas mehr Toleranz bei den Landwirten. Allzuoft greift man zu Vertilgungsmitteln nur, um "schön sauber" zu putzen, eine verheerende Manie. Vor lauter Chemie werden gewisse Organismen durch genetische Anpassung resistent, wie dies von den Mücken und roten Spinnen bekannt ist. Von der Konkurrenz anderer Begleitpflanzen befreit und durch die Düngemittel aufgepeitscht, entwickeln sich diese Arten mit unheimlicher Kraft. Das Problem stellt sich in den Rebbergen, den Maisfeldern und in der gesamten Ebene für die Wicke, den Schachtelhalm oder den Amarant aus Amerika. Die Begleitflora der intensiv betriebenen Kulturen verliert an Schönheit, was sie an Widerstandskraft und Aggressivität gewinnt. Zur Abwehr der Unkräuter wird man vielleicht bald zur integrierten Bekämpfung kommen, bei welcher, wie bei den Schadinsekten, eine gewisse Toleranzgrenze respektiert wird.

Siehe auch