Ostalpin

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Dank dem Ostalpin ist das Wallis touristisch so bekannt. Zum Ostalpin gehören nämlich die grossen Gipfel, wie Matterhorn, Weisshorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn, Dent-Blanche, Pigne d'Arolla, Mont-Blanc de Cheillon, um nur einige zu nennen. Weil das Ostalpin aber im Wallis nur einen kleinen Raum bedeckt, wird seine Beschreibung nicht viele Seiten benötigen.

Die tektonischen Strukturen

Fig. 51 - Panorama vom Gornergrat aus gesehen (nach einer Zeichnung von M.Sartori): Ganz rechts die Siviez-Mischabel-Decke, die eine dünne, in die Bündnerschiefer eingeschlossene Sedimentbedeckung trägt. Mit den Bündnerschiefern sind auch die ultrabasischen Gesteine des Breithorns verbunden. Darüber liegt die Dent-Blanche-Decke (vom Matterhorn bis zum Weisshorn). Die Monte-Rosa-Decke, ganz links, fällt unter die Ultrabasite ein.Fig. 48 zeigt die tektonischen Beziehungen zwischen Siviez-Mischabel und Monte-Rosa ebenfalls.
Fig. 52 - Die Beziehungen der DentBlanche-Decke zum übrigen Ostalpin (schwarz) und zum Penninikum und Helvetikum (grau).

Die Geologen betrachten das Ostalpin als Südufer eines Ozeans der Kreidezeit oder anders gesagt, als vorgeschobenen Rand der afrikanischen Lithosphären-Platte. Seine wahre Bedeutung findet das Ostalpin also weiter im Süden, in Italien. Um es aber kennen zu lernen geht man vorteilhafter Weise in die österreichischen Ostalpen. Daher hat es ja auch seinen Namen erhalten.

Das Ostalpin wurde grossräumig über Penninikum und Helvetikum hinweg geschoben, beide überdeckend (Fig. 52). In den Westalpen, im Wallis, wurde diese Schubmasse kräftig erodiert, ohne dass allerdings auch der letzte Rest davon abgetragen worden wäre. Ein Zeuge, die Dent-Blanche-Decke, ist in der axialen Depression erhalten geblieben. Als einziges Ostalpin im Wallis (Fig. 51, Tafeln XII, XIII, XIV) liegt sie, grenzüberschreitend, zwischen der Schweiz und Italien.

Diese Decke umfasst natürlich nicht die ganze Mächtigkeit der afrikanischen Platte, wie man vielleicht aus der Fig. 52 ableiten könnte. Eine Lithosphären-Platte ist etwa 100 km dick und ihr oberstes Drittel, etwa 33 km, wird von der kontinentalen Kruste eingenommen. Doch die Mächtigkeit der Dent-Blanche Decke übersteigt kaum einige tausend Meter. Somit stellt dieser nach Norden vorgeschobene Zeuge Afrikas nur eine schuppenartige Scherbe dar.

Der Dent-Blanche Sockel

Fig. 53 - Der Mont-Collon, ein wuchtiger Berg aus Gabbro.
Fig. 54 - Der Bau des Matterhorns: An der Basis Bündnerschiefer, die reich sind an Grüngesteinen. Darüber liegen Formationen der Arolla-Serie, die den Hauptteil des Berges bilden. Der Gipfel gehört der Valpelline-Serie an (Zeichnung von A. Escher).

Zwei Komplexe aus Gneis und magmatischen Gesteinen bilden den Dent-Blanche Sockel; nämlich die Serien von Arolla und Valpelline. Die Typuslokalität für erstere ist, wie der Name sagt, das Dorf Arolla. In jener Serie findet man verschiedenartige Gneise; am häufigsten stark blätterige, auch quarzitisch-grünliche. Sie dürften von Sedimenten des Perms stammen, wie im Penninikum beschrieben wurde. Kohlige Zwischenlagen unterstützen noch die Annahme, dass die Gneise einer Altersstufe des obersten Erdmittelalters angehören. Eingeschlossen in den Gneisen finden sich grosse Massen basischer Eruptivgesteine, wie den ganz aus Gabbro bestehenden Mont-Collon (Fig. 53). Saure Eruptivgesteine begleiten diesen Gabbro. Basische Magmen (Gabbro) und saure Magmen (Granit) nebeneinander zu finden, ist recht ungewöhnlich. Normalerweise schliessen die einen die anderen aus und wenn schon, sind sie miteinander vermischt. Der hier vorliegende Zustand lässt sich mit der Temperaturdifferenz der beiden Magmen erklären. Basisches Magma ist viel heisser als saures. Dringt basisches Magma in vorhandene Gesteine ein, gibt es Wärme an diese ab, beginnt abzukühlen und zu erstarren. Die abgegebene Wärme bewirkt, dass saure Nebengesteine, die einen niedrigen Schmelzpunkt haben, sich verflüssigen und saures Magma bilden. Dieses kann sich aber mit dem basischen, bereits verfestigten, nicht mehr vermischen. So sind jene Granite entstanden, die in der Arolla-Serie recht häufig vorkommen.

Die Valpelline-Serie unterscheidet sich von der Arolla-Serie durch den weit höheren Grad der Metamorphose. Wohl findet man Gneis, Gabbro und Granit wieder, aber sie zeigen Spuren intensivster Metamorphose. Auch vorhandene Kalke wurden umgewandelt zu Marmoren. So sind schöne, an seltenen Mineralien reiche Gesteine gebildet worden.

Leider weiss man nichts über das relative Alter der Valpelline-Serie und auch die Beziehung zur Arolla-Serie ist ungeklärt. Sicher ist nur, dass erstere immer über letzterer liegt, wie besonders klar am Matterhorn zu erkennen ist (Fig. 54).

Die ostalpinen Deckschichten

Fig. 55 - Breccie vom Mont-Dolin ob Arolla, vermutlich mitteljurassischen Alters.

Die Dent-Blanche-Decke trägt nur eine sehr bescheidene Sedimenthülle, die im Kleinen und Grossen Mont-Dolin, westlich von Arolla, ansteht. Diese Deckschichten sind mit dem Sockel so verbunden, dass man sie als autochthon betrachtet. Sie beginnen mit einer Seichtwasser-Fazies der Trias (Quarzite und Kalke mit evaporitischen Zügen) und setzen sich in eindeutig marinen Kalken des Lias fort. In der mittleren Jurazeit treten sehr grobe Breccien auf, deren genaues Alter unbekannt ist (Fig. 55). Die Breccien deuten das Vorhandensein eines vermutlich engbegrenzten marinen Beckens an, von dessen Steilküsten Blockhalden von eckigen Trümmergesteinen ins Meer abfielen. Es spielten sich also ähnliche Vorgänge ab wie im Becken der Breccien-Decke, am Südrand der europäischen Kontinentalplatte. Das ist weiter nicht überraschend, weil zur Jurazeit, der diese Sedimente wahrscheinlich zugeordnet werden müssen, der europäische und der afrikanische Kontinent zwar noch nicht völlig, aber immerhin durch schmale Meereströge getrennt waren. Die fortdauernd wirkenden Zugspannungen führten schliesslich zur völligen Trennung und Öffnung eines Ozeans. Die ostalpine Sedimenthülle beschränkt sich aber nicht nur auf die beiden Mont-Dolin. Man findet sie auch in den Préalpes (Erklärung Tafel XVII) als Höhere FlyschDecken, wie auf dem Profil angegeben.

Um was geht es dabei? Es ist ein Phänomen, wie es ähnlich schon im Zusammenhang mit der Überschiebung des Ultrahelvetikums auf das Helvetikum beschrieben wurde: In einer ersten Bewegungsphase glitten ostalpine Deckschichten ins penninische Becken der zukünftigen Klippen- und Breccien-Decke. Später, als die penninische Sedimenthülle vorgeschoben wurde, riss sie die ostalpinen Deckschichten mit sich. Sie muss sehr mächtig gewesen sein, lieferte ihr Verwitterungsschutt doch den Hauptanteil zu den Molassesedimenten. Es ist auch jene Deckschicht, die den längsten Verschiebungsweg zurückgelegt hat. Woher sie stammt, weiss man nicht. Vielleicht aus einem Trog, der noch südlicher lag als die Dent-Blanche.

Auf geologischen Karten heisst die eben beschriebene Formation Simmen-Decke, weil sie im Simmental am schönsten aufgeschlossen ist oder wäre, wenn Flysch nicht so rasch verwittern und sich mit Vegetation überziehen würde.


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