Rhoneebene
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Die Rhoneebene unterscheidet sich von andern Lebensräumen durch ihre fruchtbaren und feuchten Schwemmböden. Zwischen Brig und dem Genfersee senkt sie sich von 670 auf 340 m ü. M. und weitet sich von einem zu vier Kilometern Breite. In einem bergigen Kanton ist sie die einzige flache Gegend, welche den Menschen zum Verweilen einlädt. Betrachtet man die Ebene in ihrem heutigen Zustand, ist sie eine beinahe bis ins letzte bewirtschaftete und überbaute Fläche. Man vermag sich ihr früheres Gesicht kaum mehr vorzustellen.
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Die Ebene von einst
Zum Glück besitzen wir alte Fotos und Karten. Dies hilft der Erinnerung nach. Im letzten Jahrhundert floss die Rhone noch in herrlicher Freiheit: sie zog weite Schleifen, teilte sich in zahlreiche Nebenarme, änderte launisch ihren Lauf und verursachte regelmässige, schwere Überschwemmungen, deren man sich in der Geschichte bis zurück ins Jahr 580 n. Chr. erinnert. Die Hochwasser hinterliessen weite Flächen angeschwemmten Materials. Aus diesen weiten Räumen wirbelte der Wind Sand hoch und türmte ihn zu Dünen auf, vor allem um Gebiet Martigny-Charrat-Saillon (Abb. 19).
In seinem Werk über Martigny schreibt Farquet: "Diese Sandhügel waren recht seltsame Dinge: die einen mit Zwergföhren, kümmerlichen Eichen und riesigen Wacholderstauden bestockt, die anderen kahl, mit einem kurzen, dichten Rasen bewachsen, den das Vieh abweidete (...). Diese Dünen erreichten eine Höhe von 15 bis 20 m (...). In den Dünentälern hoben die Hüterbuben Wildkaninchen aus und trieben im hohen Gras, zwischen stacheligen Sanddornbüschen, ihre Versteckspiele". Von diesen Lebensräumen und der damaligen Pflanzenwelt bleibt nichts mehr, ausser den Beschreibungen von Farquet und Garns (Abb. 17-19)- Den Sand der Dünen verwendete man, um die Rhonedämme zu errichten und Gräben und Sümpfe aufzufüllen.Das angeschwemmte Geschiebe hinderte das Wasser der Nebenflüsse oder der Quellen daran, das Bett des Hauptflusses zu erreichen.
So entstanden in den Senken ausgedehnte Sumpf- und Riedflächen (Abb. 20). Damals war die Ebene wilde, ungebändigte, dem Menschen feindselige Natur. In det Tat waten die Dörfer auf den Schuttkegeln det Seitenflüsse odet andeten erhöhten, vor dem Hochwasser geschützten Standorten angelegt worden. Die Kulturen dehnten sich übet alle vetfügbaten Flächen an den Hängen aus. Um die Ebene bebauen zu können, versuchten unsere Vorfahren, die Rhoneufer mittels Baumstämmen und mit Sand beschwertem Weidengeflecht zu verstärken. Diese Arbeit musste immer wieder neu aufgenommen werden. Dann kamen die katastrophalen Überschwemmungen von 1860. Da beschloss man, den Lauf des Flusses systematisch zu korrigieren: Begradigung, senkrecht zum Flusslauf stehende Wehre, Errichtung von Dämmen, die mehrmals hintereinander erhöht werden mussten. Die Arbeiten dauerten beinahe ein Jahrhundert.
Die Ebene heute
Als einmal die Rhone gebändigt war, konnte die Landwirtschaft die Fruchtbarkeit des Schwemmlandes voll nutzen. Kanäle entwässerten die Ebene und regulierten den Grundwasserspiegel. Am Anfang und bis in die Sechzigerjahre waren Wiesen und Hochstammkulturen vorherrschend. Heute, ein Teil des Oberwallis ausgenommen, wird in der gesamten Ebene intensive Obst- und Gemüsekultur mit Treibhäusern und Plastiktunnels betrieben. Zudem zeichnet sich eine bedenkliche Tendenz ab: das fruchtbare Land wird immer mehr der Überbauung und dem Verkehr geopfert. So wird der Talboden, trotz seiner grünen Farbe, der erklärte Feind allen freien Lebens. In der Tat, was bleibt von den natürlichen Lebensgemeinschaften des Talgrundes? Ganze 5% der Totalfläche zwischen Siders und Martigny: der schmale bewaldete Streifen der Rhoneufer, einige mickrige Waldfetzen und die letzten Nassstandorte (Pouta-Fontana, Ardon, Vieux Rhône in Saxon...). Sogar die hohen Bäume, die Hecken und Gebüsche sind verschwunden.Anhand dieser kläglichen Überreste fällt es schwer, sich ein Bild des Pflanzenwuchses in der damaligen Rhoneebene zu machen. Ein Glück, dass die Gegend des Pfynwaldes, östlich von Siders, verhältnismässig intakt blieb, mit ihren 7 km einer beinahe noch wilden Rhone, ihren 100 ha Auenwald und ihren 30 ha Pioniervegetation auf den regelmässig vom Hochwasser neu gebildeten Kies- und Schotterflächen. Reiner Zufall? Nicht ganz: der Illgraben, ein kleiner, linksufriger Zufluss, bringt, wenn er sich entfesselt, bei Hochwasser eine Menge Geschiebe ins Tal, wobei er in Leuk die Rhone beinahe verstopft. Durch eine Folge von Stromschnellen jagt der Fluss dieses Material flussabwärts in den Abschnitt des Pfynwaldes. Eine Verengung des Flusslaufes an dieser Stelle würde nur die Gefahr erhöhen, dass die Rhone dort übers Ufer tritt. Die Untersuchung der wilden Rhone beim Pfynwald vermittelte wichtige Einsichten über das Verhalten der Pionier- und Auenvegetation auf Schwemmland. Diese Vegetation zeichnet sich durch rasche und stetige Wandlung aus. Wir wollen versuchen, diese zu beschreiben.
Pioniervegetation auf Schwemmland
Die vier theoretischen Querschnitte zu Tafel V gelten für die gesamte Rhoneebene zwischen Martigny und Brig; sie gehen von folgender, fiktiven Annahme aus: die Rhone ist erst vor kurzem eingedämmt worden. Lassen wir fürs erste, was ausserhalb der Dämme ist, unbeachtet. Die Schotterbänke des Hauptbettes, die nur bei starkem Hochwasser überschwemmt werden, bleiben nicht lange unbewachsen: nach wenigen Monaten erscheinen grüne Schosse, nach wenigen Jahren öffnen sich die schönsten und farbigsten Blumen, die auf ihrem mineralischen Untergrund prächtig zur Geltung kommen. Günstige Standorte zählen gut und gern hundert Arten und mehr. Zu den charakteristischen zählt man Fleischers Weidenröschen, Dodonaeus' Weidenröschen, das Grasnelkenblättrige Habichtskraut. Die Schotterflächen sind starker Sonneneinsrrahlung ausgesetzt und bleiben an der Oberfläche eher trocken. Es ist demnach nicht erstaunlich, eine ganze Reihe von Pflanzen zu finden, die auf trockenen Böden gedeihen und für das Wallis bezeichnend sind: Esparsetten-Tragant, Feld-Beifuss, Walliser Flockenblume. Etwas unerwartet mutet das Vorhandensein von Alpenblumen in der Ebene an: Silberwurz, Bewimperter Steinbrech, Alpen-Leinkraut, Schildblättriger Ampfer. Ihre Samen wurden vermutlich durch das Wasser heruntergeschwemmt.
Tafel IV
Vegetation der Rhoneebene
1. Rhonedamm bei Riddes - In der heute intensiv bewirtschafteten und dicht besiedelten Ebene sind die Rhoneufer die letzten Überbleibsel einer natürlichen Vegetation. Fauna und Flora der Ebene finden dort noch Zufluchtsstätten.
2. Pouta-Fontana - Weiher, mit Steifer Segge und Schilf bewachsene Riedflächen, Bestände von Schwarzpappeln und Silberweiden: hier pulsiert das Leben wie vor der Meliorierung. Dieses in der Nähe von Grône gelegene Reservat vermittelt noch einen Eindruck aus vergangegen Zeiten.
3. Grasnelkenblättriges Habichtskraut - Eine Alpenpflanze, der Licht und Wärme in den stets wieder überschwemmten und neu geformten Sand- und Schotterflächen behagen (Pfynwald).
4. Esparsetten-Tragant - Verkörpert Schönheit und Seltenheit der Pionierflora auf dem trockenen Schwemmland der Rhone (Pfynwald).
Tafel V
Entwicklung der Vegetation auf Schwemmland
Die von der wilden Rhone beim Pfynwald abgelagerten Kies- und Schotterflächen werden rasch von Pionierpflanzen kolonisiert: von Dodonaeus's Weidenröschen (rosa) und vom Gelben Zahntrost (Mitte). Wenige Jahre später ergreifen Sträucher wie der Sanddorn (orangefarbene Beeren), dann Bäume (Schwarzpappeln im Hintergrund) von den Flächen Besitz... bis zum nächsten Hochwasser, welches der Pionierflora neue Chancen gibt. Untenstehendes Schema gilt für das Mittelwallis; es veranschaulicht die natürliche Entwicklung der Pflanzenwelt auf den Dämmen und einem anliegenden Feuchtgebiet. Unter günstigen Bedingungen verzeichnen die Schwarzpappeln einen jährlichen Längenzuwachs von einem Meter.
Die Pionierflora überrascht durch ihre Schönheit und Vielfalt. Leider ist diese Pracht nur von kurzer Dauer, denn nach wenigen Jahren schon erscheinen die ersten Weiden- und Pappelsprösslinge, Vorboten einer Kolonisierung durch den Wald. Derartige Pionierbiotope sind, ausser dem Pfynwald, äusserst selten geworden. Wo haben wir noch freie Flusslandschaften, "richtiges" Hochwasser das ab und zu neue, öde Kies- und Schotterflächen zurücklässt ? Oft ist es der Mensch, der ungewollt mit seinen Maschinen die nötigen ursprünglichen Bedingungen schafft.
Weidengebüsche
Kehren wir zu Tafel V zurück. Einige Jahre später beherrschen die Sträucher die Lage; unter ihnen die Tamariske mit ihren zart-rosa Blüten (Abb. 22) und der Sanddorn, dessen weibliche Pflanze sich mit orangeroten Beeren schmückt, ein Leckerbissen für die Vögel im Winter. Diese Arten fürchten den Schatten und die Konkurrenz; es geht nicht lange, bis sie vor den Weidenbüschen weichen, die eine rasante Entwicklung kennen, sobald ihre Wurzeln das Grundwasser in 1-3 m Tiefe erreicht haben. Purpur-Weide und Lavendel-Weide bilden auf diese Weise sehr dichte Bestände, die 4-6 m Höhe erreichen. Die Bäume, die sich bis jetzt bescheiden zurückhielten, werden bald in den Konkurrenzkampf eingreifen und diesen für sich entscheiden. Wo bleibt die farbige, vielfältige Pionierflora von einst? Nur noch einige wenige, dem Untergang geweihte Überbleibsel ! So bilden die Weidengebüsche eine Übergangsphase, die typisch ist für ein fünf bis fünfzehn Jahre zuvor durch natürliche oder menschlische Eingriffe neugeschaffenes Biotop. Eine ziemlich häufig beobachtete Erscheinung.
Pappelwälder
Nach etwa dreissig Jahren tritt an Stelle der Strauchvegetation ein eigentlicher Wald (Tafel V). Das Wachstum der Bäume hängt vor allem von der Bodenqualität ab: unter den günstigsten Bedingungen feiner Boden und Feuchtigkeit in geringer Tiefe - können die Bäume in einem Jahr ein Wachstum von einem Meter verzeichnen ! Die dominierende Art, von Martigny bis Brig, ist die Schwarzpappel. Nicht etwa die der schön ausgerichteten Plantagen: die wilde, an ihrem unregelmässigen Wuchs... und dem Fehlen der Mistel erkennbare! Diese natürlich gewachsenen Bestände deuten zweifellos auf einen mediterranen Einfluss hin: um ähnlichen Wäldern zu begegnen muss man nach Südfrankreich wandern, an die Ufer der Rhone oder Durante.Die Schwarzpappel erträgt ein vorübergehendes Austrocknen des Bodens. Deshalb fasst sie gern Fuss auf Böden mit schwankendem Grundwasserstand, auf trockenem Kies oder auf den Dämmen. Ihre sehr gut entwickelten Wurzeln holen das Wasser aus 3-4 m Tiefe herauf. Die Schwarzpappel hat als Begleiter andere, die Grundfeuchtigkeit liebende Arten: Silberweide, Grauerle, Silberpappel, Esche, Süsskirsche, Traubenkirsche (Abb. 24). Das Unterholz füllt sich mit neuen Sträuchern wie Hartriegel, Heckenkirsche oder Haselstrauch. Nach 60 Jahren kann dieser majestätische und üppige Wald bis 30 m Höhe erreichen. Er erinnert durch einige Einzelheiten an den Tropenwald: starke Luftfeuchtigkeit, schnelles Wachstum der Bäume, grosser Vogelreichtum, Mückenschwärme im Sommer, ineinander verflochtene Lianen (drei Arten: Waldrebe, Bittersüss, Hopfen). Mit der Zeit fallen die ältesten Bäume in sich zusammen und machen anderen Platz. Eigentlich kennt man die Langzeitentwicklung solcher Bestände noch kaum, denn unter natürlichen Bedingungen und bis zum letzten Jahrhundert fanden sich immer zerstörerische Hochwasser, um alles auf den Stand einer kurzlebigen Pioniervegetation zurückzuwerfen. Ästhetisch wie biologisch stellen derartige Bestände einen bedeutenden Wert dar. Leider bleiben uns davon zwischen dem Pfynwald, Pouta-Fontana und einigen seltenen, über die Ebene verstreuten Restchen, nur mehr wenige Dutzend Hektaren.
Grauerlenwälder
Gehen wir nochmals zum Schema der Tafel V zurück und serzen gleich zu Beginn der Entwicklung an. Rechts, jenseits des Dammes, befindet sich eine Fläche angeschwemmter, feiner Sande und Mergel, in welcher Sicker- und Grundwasser eine gleichbleibende Feuchtigkeit und hohe Fruchtbarkeit gewährleisten. Unter solchen Bedingungen fühlt sich die Grauerle wohl und bildet in einem Anlauf sehr homogene und regelmässige Bestände. Zwanzig Jahre genügen bis der Wald von grauen Stämmen seine endgültige Höhe von 15 m erreicht. Die Erle altert schnell, regeneriert jedoch leicht durch Stockausschlag, mehrere oft an demselben Stumpf. Mit der Zeit bereichern Gemeiner Schneeball und Schwarzer Holunder den Unterwuchs. Die Grauerlenwäldchen haben mit den Pappelwäldern etliche gemeinsame Züge: schnelles Wachstum, tropische Ambiance, grosser biologischer Reichtum, doch weisen sie eine einfachere Struktur, sowie eine grössere Empfindlichkeit auf Veränderungen ihrer Umwelt auf. In der Tat erträgt die Grauerle, mit ihren zahlreichen, aber kurzen Wurzeln, das Austrocknen und die Verschmutzung des Wassers schlecht. Dies ist wohl einer der Gründe, weshalb die Überbleibsel der früheren Erlenbestände in det Rhoneebene so selten sind.In einer leicht veränderten Form finden wir Grauerlenwälder auf der montanen, ja sogar subalpinen Stufe, wo sie den einzigen möglichen Auenwaldtypus vertreten. Die Rhone im Obergoms, die Borgne bei Evolène bieten noch schöne Beispiele hiefür. Das Unterholz bereichert sich mit den für diese Höhenstufe typischen Pflanzen und die Reif-Weide gesellt sich gern zur Grauerle. Diese Bestände darf man nicht mit den Grünerlengebüschen der Lawinenzüge verwechseln.Auf torfhaltigem Grund tritt an Stelle der Erle die Birke (Schema V, rechts), eine der wenigen Bäume, die solchermassen karge und saure Böden kolonisieren können. Die seltenen Birkenwäldchen im Unter- und Mittelwallis weisen bestimmt auf Torfvorkommen hin. Dies ist der Fall in den Rigoles von Vionnaz und am Fusse des Berghanges zwischen Martigny und Vernayaz.
Föhrenwälder der Ebene
Die Waldföhre beschränkt sich in der Ebene auf steinige und trockene Böden, ohne oder mit tiefem Grundwasser. So finden sich die letzten Föhrenwälder auf dem Bergsturzmaterial, aus dem die Hügel des Pfynwaldes bestehen und allgemeiner noch, auf den von den Zuflüssen der Rhone abgelagerten Schuttkegeln. Dies ist der Fall beim Bois-Noir, dem Bois de Vétroz und dem Bois de La Borgne. Die verschiedenen Typen von Föhrenwäldern sollen später beschrieben werden.
Besondere Merkmale des Unterwallis
Von Saint-Maurice an abwärts findet man klimatische Bedingungen, wie sie für das schweizerische Mittelland gelten: die Ebene ist um vieles feuchter als im Mittelwallis, nicht nur des Klimas, auch der Böden wegen. Die Rhone fliesst langsam und lagert vor allem feines Geschiebe ab. Die sich daraus bildenden Böden halten das Regenwasser besser zurück als Kies oder Schotter. Die auf Schwemmland wachsende Vegetation weist dem Mittelwallis gegenüber bedeutende Unterschiede auf: die Pionierarten auf trockener Unterlage fehlen praktisch ganz; die Weiden- und Sanddorngebüsche sind beinahe verschwunden; die Grauerlenbestände werden durch Silberweiden bereichert; die Esche ersetzt die Schwatzpappel und vergesellschaftet sich mit Berg-Ahornen, Stiel-Eichen oder schön gewachsenen Sommer-Linden. Diese Eschenbestände sind Nutzwälder, welche in der Ebene ziemlich ausgedehnte Flächen überdecken. Leider werden zahlreiche unter ihnen in ihrer Struktur verändert oder durch Plantagen von Nadelhölzern oder genormten Pappeln etsetzt.
Siehe auch




