Steppenrasen

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Abb. 27 - Steppe auf einem der trockenen Hügel im Pfynwald: der Wind kämmt die langen Ähren des Federgrases.

Geht man von Martigny talaufwärts, bemerkt man an den Sonnenhalden mitten in den Kulturen, zwischen Eichen- und Föhrenwäldchen, Rundhöcker und vergilbte Rasenflächen. Dies ist das Reich der Steppe, des trockensten Lebensraumes der Schweiz. Die Trockenheit verhindert das Wachsen von Bäumen. Diese ist nicht nur klimabedingt; sie hängt ebenso von der Hangneigung und vom Boden ab, der dünn und steinig, also wenig geeignet ist Regenwasser zurückzuhalten. In unserem Lande sind die Steppen eine Besonderheit des Wallis und Graubündens. Zahlreiche, für die Steppen typische Arten, finden sich nur in diesen Gegenden.Auf den ersten Blick denkt man beim Wort "Steppe" an Wüstenränder oder an die weiten Ebenen Zentralasiens: Hitze des kontinentalen Klimas, hohe, im Winde wogende Gräser, wilder Pferde Galopp... Diese besondere Vegetation findet sich etwas näher von uns in gewissen Gegenden der iberischen Halbinsel oder Südfrankreichs. Durch eine Walliser Steppe zu wandern ist, wie wenn man ein wenig durch all diese fernen Räume ginge. Man lebt in einer südlichen Atmosphäre, entdeckt eine originelle, äusserst vielfältige Flora, noch nie gesehene Pflanzen, seltene, von der breiten Öffentlichkeit oft verkannte Arten. Wollen Sie mit der Steppe Bekanntschaft schliessen ? Jede Sonnenhalde zwischen Martigny und Fiesch ist dazu geeignet. Suchen Sie einen noch naturnahen Winkel, was zwischen den Reben freilich nicht immer leicht fällt.

Inhaltsverzeichnis

Vom Winter zum Frühling

Abb. 28 - Typische Gräser der Steppe: links das Federgras mit seinen schön geschwungenen Grannen, rechts das gelockte Haar-Pfriemengras. Vergrössert: die beiden in eine scharfe Spitze auslaufenden Samen. Die Verankerung im Boden wird dadurch erleichtert.

Steppen halten das ganze Jahr hindurch Überraschungen für uns bereit. Und dies ist nicht wenig, liegt doch sonst überall noch Schnee. In diesen Steppen erblühen die ersten Frühlingsblumen. Liebhaber unternehmen eigentliche Pilgerfahrten zur blühenden Lichtblume, zum strahlenden Adonis.In Sitten, zum Beispiel, auf den Hügeln von Valère und Tourbillon, bleibt der Schnee kaum liegen und gibt bald vergilbtes, in Büscheln auftretendes Gras frei. Einige verdorrte Planzen sind noch unversehrt und bestimmbar. Die Sonnenstrahlen haben den Boden bald erwärmt und die kleinen Insekten, die sich darin verbergen, geweckt. Zahlreiche Vögel durchsuchen die schneefreien Flächen nach Nahrung.

Frühjahr

Einige warme Tage und der Boden grünt von neuem, verhalten zunächst, unter dürrem Gras. Die ersten blühenden Arten ziehen Nutzen aus Vorräten, die sie während der guten Jahreszeit in Knollen oder anderen unterirdischen Vorratskammern geäufnet haben, so der seltene Felsen-Gelbstern (Tafel VII, Zeichnung): diese kleine Blume leuchtet im März-April an den Felsen von Valère, Mazembroz, Raron, Naters oder Bitsch. Die Lichtblume ist weniger selten. Sie ähnelt einem Krokus und blüht manchmal schon im Februar an den Follatères bei Martigny. Man kann sie auch etwas später an gewissen Hängen der linken Talseite, wie auch an höhergelegenen Standorten bei Evolène und Raaft über Ausserberg entdecken. Welch ein Anblick, diese rosafarbenen Teppiche auf dem braunen Untergrund des dürren Grases! Der Frühlings-Adonis (Tafel VI und Buchdeckel) ist nicht weniger eindrücklich: die Halden bei Charrat und Saxon leuchten im April mit ihren tausend Sonnen. Die gelben Tupfen des

Tafel VI

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Saxon: Adonis-Steppe und weitere "kühle" SteppenrasenAn den unteren Halden zwischen Saxon und Charrat lösen Steppen, verbuschte Eichenwälder, Aprikosenplantagen und Rebberge einander mosaikartig ab. Welch ein Schauspiel im April ! Der Frühlings-Adonis entfaltet seine leuchtenden Blüten, das Schönste, was uns die postglaziale Eissteppe vermachte. Diese prächtige Blume fand im Wallis an wenigen, kalkhaltigen, kühlen und im Winter sonnenarmen Schattenhängen Zuflucht. Kleine Populationen überleben noch bei Riddes und Nax. Bedeutendere Kolonien des Adonis schmücken, mit dem Walliser Schwingel assoziiert, die unteren Hänge bei Turtmann und Ergisch. Keine andere Pflanze vermöchte die Schönheit, den Seitensheitswert und die Einmaligkeit der Walliser Flora überzeugender zu versinnbildlichen als das Adonisröschen: keine Spur von ihm weder in der restlichen Schweiz noch im gesamten Alpenraum !

1. Adonis-Steppe bei Saxon - Allenthalben durchstossen die grünen Büschel des Frühlings-Adonis den verfilzten Trockenrasen und lassen rausend Sonnen leuchten. Die Schafe lassen sich nicht verführen: die Pflanze ist giftig.

2. Rote Felsen-Primel und Holunder-Knabenkraut - Beide sind typische Vertreter der "kühlen" Steppen auf sauren Gesteinen, hier am Eingang zum Val du Trient. Die Rote Felsen-Primel findet sich als alpine Art gelegentlich in tieferen Lagen, an den Felsen tiefeingeschnittener Täler, wie zum Beispiel am Eingang zum Bietschtal.

3. Blasenschötchen - Hat Seltenheitswert in den "kühlen" Steppen auf sauren Gesteinen in der Gegend von Martigny.

4. Berg-Küchenschelle - Diese im Wallis gut bekannte - in det restlichen Schweiz jedoch sehr seltene - Art wächst in verschiedenen, eher tiefgründigen Steppenrasenböden. Verwandte Arten findet man in Frankreich: zum Beispiel im Eisass und in den Causses.

Tafel VII

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Follatères: Orchideen-Steppen

Die Gegend der Follatères, am Rhoneknie bei Martigny, bildet die Grenze zwischen einem feuchteren, den ozeanischen Strömungen ausgesetzten und einem kontinentalen Klima. Sie ist eine Hochburg der Botanik. Saure, von den Gletschern geschliffene Felsen tauchen wie Walrücken aus dem Boden. Daher ihr Name "Rundhöcker". Die Winde, welche über die riesigen Alluvialflächen der einstigen Ebene fegten, verfrachteten grosse Mengen Sand gegen die unteren Hänge. So gibt es Feinerde (Löss) zwischen den flachen Felspartien. Dies behagt den Knollengewächsen, wie dem seltenen FelsenGelbstern (Skizze), der Lichtblume und zahlreichen Orchideen: der weit verbreiteten Kleinen Orchis, der gelben und roten Spielart des Holunder-Knabenkrautes in den höheren Lagen, etwas weiter unten der Spitzorchis, dem Ohnsporn an gewissen Waldrändern und, in der Nachsaison, der Herbst-Wendelähre. Bei äusserster Trockenheit verdorrt die Vegetation auf diesen sandigen und wenig tiefgründigen Böden. Auf diese Weise entstehen kahle Flächen nahe bei den Rundhöckern, eben da wo die kleinen Frühlings-Annuellen gedeihen. Bemerkenswert ist an diesen kahlen Flächen, dass sie das Überleben seltener, früher mit dem Getreideanbau assoziierter Arten ermöglichen, wie zum Beispiel des Breitsamens (Abb. 31). Dieses Doldengewächs ist leicht an den grossblütigen Doldenrändern erkennbar. An den Follatères sowie in Mazembroz ist diese Pflanze gut vertreten; im restlichen Wallis jedoch wachsen nur mehr wenige Exemplare in den Kornfeldern von Brentjong bei Leuk.

1. Übersicht - Steppenrasen der Follatères mit der häufigen, purpurnen Kleinen Orchis, dem seltenen Zwiebel-Steinbrech (weiss), dem Knolligen-Hahnenfuss (gelb) und dem Gemeinen Reiherschnabel (rosa, im Vordergrund).

2. Ohnsporn - Seltene, an sonnigen Waldrändern wachsende Orchidee. Vorkommen: Unterwallis bis Sitten-Ayent.

3. Herbst-Wendelähre - Eine eher seltene Orchidee mit spiralförmig um den Stengel angeordneten Blüten und später Blütezeit, wie es ihr Name schön besagt.

4. Lichtblume - Sie ist dem Krokus nah verwandt und blüht im Vorfrühling an den Follatères. Sie schmückt ebenfalls gewisse Bergwiesen, wie bei Raaft, oberhalb Ausserberg. Im Val d'Hérens ist sie sehr häufig; oberhalb von St-Martin erreicht sie Lagen bis zu 2100 m.

5. Spitzorchis - Diese Orchidee verkörpert die frühlingshafte Blütenpracht an den unteten Hängen der Follatères. Man begegnet ihr bis in die Gegend von Sitten.

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Tafel VIII

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Mittelwallis: Steppen mit Wermut und Meerträubchen

Tourbillon, Clavau, Montorge, Maladaires, Saillon: die sonnigen Kalkhalden des mittleren Wallis zählen zu den heissesten des Landes. Sie beherbergen einen ganz besonderen, mit Walliser Wermur und Meerträubchen (Skizze) durchsetzten Sreppenrasen. Diese beiden Reliktpflanzen überleben heute an heissen, felsigen und sandigen Standorten, wo sie dem Konkurrenzdruck seitens anderer Arten entzogen sind. Vetbreitet sind sie streng lokal, in ihrem Milieu jedoch leichr auszumachen.

1. Übersicht - Der Walliser Wermut ist eine kleine Pflanze mit fahlgrünen Blättern. Das Schweizerische Meerträubchen, hier erkenntlich an seinen gelben Blürenständen, ähnelt auf den ersten Blick einem Schachtelhalm. Im September erscheinen auf den weiblichen Pflänzchen fleischige, rote Beeren (Skizze, links). Dank ihrer Langlebigkeit und endlos langen Wurzeln, vermag diese Pflanze bisweilen an ungewöhnlichen Orten zu überleben: auf mir Kalkadern durchsetzten Silikatfelsen, in einigen Rebbergen sogar. Was die Srein-Nelke berrifft (rosa), findet man sie auch in andern Steppen-Typen.

2. Grasblättriger Hahnenfuss - In den Refugien der heissen Steppen des Mittelwallis haben sich noch weitere Seltenheiten erhalten. So die Kleine Kronwicke (hier nichr im Bild), die kaum über das vom vorgeschichrlichen Bergsrurz beim Pfynwald geschaffenen Hügelgelände hinausgeht, wie auch der Grasblättrige Hahnenfuss, eine Mittelmeerpflanze, deren letztes Rückzugsgebiet in der Schweiz sich in den Felsen von Sainr-Léonard befindet. Er wurde hier zusammen mit der häufigen Kleinen Orchis aufgenommen.

3. Walliser Flockenblume - Diese Flockenblume ist im Wallis zwischen Marrigny und Brig häufig, in der restlichen Schweiz jedoch völlig unbekannr. Sie zeichnet sich durch fahlgrüne Blätter und späte Blütezeit aus, im Sommer.

4. Niederliegendes Heideröschen - Diese zierliche Holzpflanze wächst auf den trockensren Kalkböden. Kleine, nadeiförmige Blätter halten den durch Verdunsten entstehenden Wasserverlusr möglichst niedrig.

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Abb 29 - So sieht die Steppe im Frühling (links) und im Sommer (rechts) aus. Die ausdauernden Pflanzen widerstehen der Trockenheit durch ein stark ausgebildetes Wurzelwerk, das oft mehr Raum beansprucht als die Blätter. Demzufolge stehen die Horste weit auseinander anfang Jahr werden die kahlen Zwischenräume durch einjährige Pflänzchen besiedelt, die eiligst blühen, bevor die sommerliche Trockenheit einsetzt. Die Zahlen verweisen auf folgende Arten hin:
1. Edel-Gamander
2. Federgras
3. Feld-Edelraute
4. Blasenschötchen
5. Alpen-Hauswurz
6. Weisser Mauerpfeffer
7. Walliser Schwingel
8. Schwachflockiges Fingerkraut
9. Haar-Pfriemengras
10. Borstenblättrige Schafgarbe
11. Berg-Haarstrang
12. Schotenkresse
13. Kleinblütiges Vergissmeinnicht
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Schwachflockigen Fingerkrautes erscheinen ebenfalls recht früh, vielersorts auch in den Felsen. Die Berg-Küchenschelle blüht fast gleichzeitig auf allen tiefgründigen Böden. Der purpurne Samt ihrer Blüten entfaltet sich oft vor den Blättern. Wer hat nicht, ob klein, ob gross, der Versuchung nachgegeben, diese Blume zu pflücken? Diese scheinbar so weit verbreitete Pflanze findet sich kaum anderswo in der Schweiz.Dank dem Regen und dem rieselnden Schneewasser bleibt der Steppenboden im Vorfrühling eine gewisse Zeit feucht. Schauen wir uns diesen Garten etwas genauer an: das geübte Auge wird Zwergpflanzen von 3-6 cm Höhe entdecken, welche sich auf den freien Flächen zwischen den Grasbüscheln ansiedeln. Dies sind einjährige Pflanzen. Innert weniger Wochen durchlaufen sie ihren Jahreszyklus, vom Keimen bis zur Samenbildung: das Lenzblümchen (Abb. 30), die Schotenkresse, der Dreifingerige Steinbrech, das Zwerg-Stiefmütterchen, das Kleinblütige Vergissmeinnicht, das Quendelblättrige Sandkraut und weitere. Die für ihr frühzeitiges Blühen bekannten Kreuzblütler sind gut vertreten. Diese Jahrespflanzen schätzen feine, nicht zu kalkhaltige Böden, in der Nähe des Muttergesteins. Sie blühen schon im März, verschwinden dann spurlos. Abb. 29 veranschaulicht das Aussehen der Steppe im Frühjahr.Im Mai wechselt die Steppe von Gelb zu Grün, einem fahlen, bleichen Grün, welches sich vom Saftgrün anderer Wiesen deutlich abhebt. Nun ist es an den grösseren Pflanzen zu blühen: hier das Rot des Esparsetten-Tragants und der Stein-Nelke, dort das Blau der Kugelblumen, mit etwas Glück sogar das Gelb der seltenen Schweizer Lotwurz und des Stengellosen Tragants. Die Astlose Graslilie prangt Seite an Seite mit Séguiers Wolfsmilch. Stellenweise erscheinen chlorophyllose Triebe, ohne jegliches Blattgrün: dies sind die Stengel der Sommerwurz. Sie leben als Parasiten an den Wurzeln anderer Pflanzen. Jede Art von Sommerwurz hat ihren bevorzugten Wirt: Thymian, Labkraut, Gamander, Feld-Beifuss.Es ist an der Zeit, die Gräser, welche der Steppe ihr besonderes Gepräge verleihen, vorzustellen. Diese mit langen, elegant geschwungenen Blättern versehenen Horste gehören zwei FedergrasArten (Abb. 28) an. Das eigentliche Federgras bildet seine Ähren früher als das Haar-Pfriemengras, schon im Mai/Juni. Jeder Same wird durch eine gefiederte Granne verlängert, die in der Sonne glitzert. Welch ein Anblick, diese Teppiche von behaarten Grannen, die im Winde wie ein Seidentuch auf und nieder wallen!

Sommer

Abb. 30 - Lenzblümchen, zierliche, in den Steppenrasen verbreitete Jahrespflanze; blüht im Frühling als eine der allersten.

Die Sommerhitze in den Steppen ist kaum auszuhalten. Heuschrecken mit roten oder blauen Flügeln schwirren nach allen Richrungen. Kleine Schnecken halten sich an den Grasspitzen, so weit wie möglich vom brennendheissen Boden weg. Wenige trockene Tage und die Vegetation vergilbt und verdorrt. Um der Trockenheit zu trotzen und den Wasserverlust durch Verdunsten im Rahmen zu halten, haben viele Pflanzen möglichst kleine, feine Blätter entwickelt. Diejenigen der Federgräser sind lang und schmal. Beim Schwingel sind sie fadenförmig eingerollt. Andere Arten bedecken sich mit feinen Härchen, was die Verdunstung vermindert. Dies ist der Fall beim Schwachflockigen Fingerkraut und bei der Lotwurz.

Abb. 31 - Breitsame, ein Doldengewächs aus dem Mittelmeerraum; er fand in den feinen Böden der Steppenrasen an den Follatères günstige Bedingungen.

Die meisten Pflanzen bilden ein verzweigtes Wurzelwerk aus, um ein Höchstmass an Flüssigkeit aus dem Boden zu ziehen. Diese Wurzeln sind bisweilen stärker ausgebildet als Stengel und Blätter. Deshalb wird die Pflanzendecke lückenhaft: zwischen den Horsten des Federgrases und anderer Pflanzen bleiben kahle Stellen, eben diese, die sich im Frühling die einjährigen Pflanzen zunutze machten. Dieswird deutlich in Abb. 29 rechts veranschaulicht, die das Aussehen der Steppe im Sommer zeigt. Die Fettkräuter schaffen sich Wasservorräte in ihren dicken Blättern und überstehen auf diese Weise die Trockenheit, siedeln sich sogar an felsigen Stellen an. So können sie sich erlauben, spät und üppig zu blühen. Wir erwähnen unter diesen den Alpen-Hauswurz, den Spinnweb-Hauswurz, Indikator für sauren Boden, den Weissen, den Gelben und den Grossen Mauerpfeffer. Die Kakteen (Opuntien) von Valère, Tourbillon und Branson haben sich aus vor mehreren Jahrhunderten aus Amerika eingeführten Stöcken vermehrt. Die Fettkräuter wachsen in Begleitung anderer farbiger Arten: der roten Kügelchen des Kugelköpfigen Lauchs, des Zartrosa des Edel-Gamanders und der Walliser Flockenblume, des satten Blaus des Ährigen Ehrenpreises oder des Ysop. Gegen Sommerende entfaltet das Haar-Pfriemengras seine Ähren. Der Samen hängt an feinen, haarähnlich gelockten Fäden; an allem, was vorbeigeht, bleiben sie hängen, oder fallen zu Boden (Abb. 28).

Herbst

Auf den ersten Blick scheint die Steppe im Herbst völlig ausgestorben. Und doch haben gewisse Pflanzen diese späte Jahreszeit zum Blühen abgewartet. So der Feld-Beifuss mit seinen beinahe fadenförmigen Blättern, der Wermut, dessen Anwesenheit auf frühere Kulturen oder menschlichen Eingriff hinweist, der kleinere und seltenere Walliser Wermut. Die allerletzten Farbtöne verdanken wir dem Gelben Zahntrost und der Goldschopf-Aster. Wenn die schönen Tage fortdauern, glaubt die Berg-Küchenschelle, es komme der Frühling und schickt sich an, ein zweites Mal zu blühen.

Abb. 32 - Der Sefistrauch ist eine Steppenpflanze, welche während den Eiszeiten in Gebirgsrefugien zu überleben vermochte. Die dunkeln Flecken seiner Bestände findet man heute noch bis hinauf zur Lärchenstufe und den Gletschern (hier der Bisgletscher im Mattertal).

Herkunft der Steppenflora

Es leuchtet ein, dass die meisten Vertreter der Steppenflora die Eiszeit im Wallis nicht überleben konnten. Also müssen sie wohl seit weniger als 14 000 Jahren eingewandert sein. Heute sind sie in der übrigen Schweiz nicht oder kaum vertreten. Woher stammen sie denn? Die Antwort besteht aus einigen Hypothesen, die sich auf Vergleiche mit der Flora benachbarter Gebiete stützen, sowie auf Pollenanalysen aus Walliser Hochmooren.Gewisse Steppenpflanzen werden wohl auf schneefreien Gipfeln die Eiszeit überlebt und sich von ihrer hohen Warte aus verbreitet haben. Es wird sich um Arten handeln, die sich der Temperatur einigermassen anpassungsfähig zeigten, wie vielleicht der Walliser Wermut und das Meerträubchen (Tafel VIII), oder um solche, die auch heute noch über der Grenze der früheren Gletscher zu Hause sind und eine nicht zusammenhängende Verbreitungsfläche aufweisen, wie der Sefistrauch (Oberwallis, Umgebung von Martigny und Drance-Täler), die Jupiternelke (idem), Hallers Küchenschelle (Täler von Zermatt und Saas), die Wegerichartige Grasnelke (um Ferpècle und im Saas-Tal), der Österreichische Drachenkopf (Gegend des Haut-de-Cry, oberhalb Ardon).Die kälteempfindlichen Arten müssen, in mehreren Wellen, von anderswoher eingewandert sein. Die Ortsverschiebung vollzog sich im Laufe ungezählter Generationen, begünstigt durch die Winde und die Tiere, welche die Samen immer weiter verbreiten. Eine derartige Wanderung setzt auch eine grosse Beständigkeit an günstigen Standorten voraus; im Falle der Steppenflora praktisch kahle Flächen.Die erste Einwandererwelle betrifft einige seltene Arten aus Osteuropa: Frühlings-Adonis, Lichtblume, Stengelloser Tragant, Lotwurz. Wie sind diese Arten ins Wallis gelangt? Die Pollenanalysen haben ergeben, dass die Ebenen Mitteleuropas, zu Beginn der postglazialen Erwärmung, bis zum Ozean von einer Kaltsteppe beherrscht waren. Diese Pioniervegetation folgte den Gletschern auf deren Rückzug. Die oben erwähnten Pflanzen, einschliesslich Walliser Wermut und Meerträubchen, gehörten zu diesen. Es war ihnen also möglich, zu einer bestimmten Zeit, von Ost nach West, und dann die grossen Alpentäler hinauf zu wandern. Mit den Veränderungen des Klimas, der Böden und der Pflanzendecke sind diese Arten (zu Beginn waren sie viel zahlreicher) überall verschwunden, ausser in wenigen, sonnigen, sehr trockenen und steinigen Randgebieten, in welchen die Pflanzen vor der Konkurrenz anderen Arten geschützt waren. So haben wir, dank besonderer Umstände, im mittleren Wallis einige Zeugen aus der grossen nacheiszeitlichen Steppe.Die Walliser Steppenrasen besitzen ebenfalls zahlreiche Arten aus dem Mittelmeeraum: den Französischen Tragant, Séguiers Wolfsmilch, die Sand-Esparsette, die Gelbe Hauhechel, die Kleine Orchis... Diese Pflanzen nutzten die atlantische Periode, die wärmer war als die heutige, um sich nach Norden zu verbreiten. Bis zu ihrer Eindämmung bildete die Rhone mit ihrem weiten, beständig vom Hochwasser umgestalteten Schwemmgebiet eine bevorzugte Wanderroute. Während günstiger Epochen hat der Simplonpass (2005 m ü. M.) vermutlich gewisse Arten aus dem Süden der Alpen durchziehen lassen, die heute noch auf bestimmte Gegenden des Oberwallis begrenzt sind: Penninische Lotwurz, Südalpine Tulpe, Walliser Levkoje...

Derartige Wanderungen von Steppenpflanzen scheinen heute kaum mehr möglich. Das Klima ist anders geworden. Die Böden haben sich veränderr. Dichte Wälder und feuchte Wiesen stünden im Wege. Riesige, überbaute oder landwirtschaftlich genutzte Flächen hinderten den Fluss der Wanderungen. Die Walliser Steppen beherbergen folglich eine regelrechte Relikt-Flora, Zeuge aus fernen Jahrtausenden. Die Pflanzen, die zu dieser Flora gehören, verdienen unsere tiefe Achtung; und dies aus zwei Gründen: ihrer Seltenheit und ihrer fernen Herkunft wegen.

Tafel IX

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Von Gampel bis Fiesch: Steppen mit Jasione

Im Oberwallis ist das Klima kühler als im Mittelwallis. Es herrscht dort saures Gestein vor. Zu den kalkliebenden Pflanzen gesellen sich säureliebende (acidophile) Arten, wie der Hasenklee und die Berg-Jasione. Der Walliser Schwingel löst das Haar-Pfriemengras ab. Er bildet einen grünlich-blauen, aus so feinen und stechenden Horsten besrehenden Rasen, dass ihn sogar die Schafe meiden. Das Überhandnehmen des Schwingels deutet oft auf zu starke Beweidung und durch das Vieh verursachte Trittschäden hin. In den felsigen Zonen breitet sich der Sefistrauch in immergrünen und duftenden Teppichen aus. Die grossen, flächendeckenden Polster seiner Bestände sind in der Landschaft von weitem auszumachen. Die Berg-Jasione ist eine typische Vertreterin solcher Biotope; sie steigt gelegentlich in sonnigen Lagen hoch hinauf, so im Val d'Entremont und im Val d'Hérens.

1. Übersicht - Jasione-Steppe an den Hängen ob Gampel. Man erkennt die Berg-Jasione (blau), die seltene Gelbe Schafgarbe, die Nickende Distel (purpur), den Aufrechten Ziest (vorne links, weiss) und die blauen Ähren des Narterkopfes.

2. Berg-Jasione - Gehört zur Familie der Glockenblumen.

3. Gelbe Schafgarbe - Eher seltene Art; unterscheidet sich von den anderen Schafgarben durch ihre Farbe.

4. Nickende Distel - Eine in trockenen Biotopen ziemlich häufige Art.

Die Steppen und der Mensch

Früher durchzogen Schaf- und Ziegenherden die Steppen. Ziemlich regelmässig wurden sie abgebrannt. Die Vegetation übersteht diese Rosskur relativ gut, vorausgesetzt, sie wiederhole sich nicht allzuoft. Insekten, Schnecken, Eidechsen, leiden dem gegenüber bedeutend mehr, besonders wenn das Feuer ausserhalb der winterlichen Ruhezeit gelegt wird. Und doch würden zahlreiche Steppen ohne diese Gewaltkur schliesslich unter allerlei Gestrüpp, jungen Flaumeichen und Waldföhren ersticken. Heute übrigens stellt man bei den Steppen einen deutlichen Hang zur Verbuschung fest. Doch die hauptsächlichste Bedrohung beruht auf der zunehmenden Uberbauung und der steten Ausdehnung der Rebberge. Jahr für Jahr büssen die Steppen mehr an Boden ein. Die vereinzelten Inselchen, die in den Rebzonen übrigbleiben, müssen die verheerenden Berieselungen, Düngungen, sowie das Versprühen von Giften über sich ergehen lassen. Die ursprünglich so reiche Flora weicht einem eintönigen Teppich aus Hundsquecke. Liegengelassene Rebholzhaufen und das Abbrennen der Borde begünstigen das Erscheinen der gemeinen Waldrebe und von kränkelndem Gebüsch. Also, Liebe Rebbauern, nehmt bitte etwas mehr Rücksicht auf die Kostbarkeiter unserer Flora !

Tafel X

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Vispertäler: Steppen mit Hallers Küchenschelle

Wir sahen, dass die von hohen Viertausendern umgebenen Täler von Saas und Zermatt die trockensten der Schweiz sind. Dies erlaubt den Kulruren, an den sonnigen Hängen beinahe jeden beliebigen Höhenrekord aufzustellen: die Reben in Visperterminen auf 1100 m, Apfelbäume auf 1300 m, Roggenäckerchen in Findelen auf 2100 m. Ähnlich ergeht es einigen Steppenpflanzen: Federgras und Schweizerischer Schöterich klettern bis auf 2100 m Höhe; die Ährige Glockenblume sogar auf 3100 m! Die Steppen steigen demnach höher als Zermatt; deren Charakterart, Hallers Küchenschelle, vergesellschaftet sich als lokale "Spezialität" mit dem Walliser Schwingel und dem Sefistrauch. Während den Eiszeiten gab es hier für das Überleben der Vegetation besonders günstige Zufluchtsstätten, was die floristische Vielfalt und die zahlreichen Seltenheiten erklärt, zu denen die Botaniker Jahr für Jahr hinaufpilgern: Penninische Lotwurz in den unreren Lagen, Stengelloser Tragant an den Waldrändern, Südalpine Tulpe in einigen Wiesen...

1. Übersicht - Sreppe bei Zermatt. Man erkennt die Alpen-Hauswurz im Vordergrund, die Spinnweb-Hauswurz auf saurem Boden (vorne links, rote Blüten), den Kugelköpfigen Lauch (kurzstengeliger als in Sitten, purpurfarbene Kugeln), das Federgras, dessen Ähren im Begriff sind, sich zu entfalten, und die Erdkastanie (weisse Dolden).

2. Ährige Glockenblume - Die Blürenstände können einen Merer Höhe erreichen.

3. Hallers Küchenschelle - Besonderheit der Täler von Saas und Zermatt.

4. Schweizer Schöterich — Dieser in Gesellschaft der Spinnweb-Hauswurz blühende Kreuzblütler wird nichr über 5-10 cm hoch, während er im Pfynwald gur und gerne 40 cm erreicht.

Siehe auch