Tannenwälder

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Abb. 60 - Weisstanne im Tal der Morge, oberhalb Conthey. Wie Kerzen stehen die Zapfen aufrecht am Wipfel des Baumes.

Auf der montanen Stufe des Unterwallis vermischt sich die Weisstanne mit der Buche, kann aber an einigen Orten die obere Baumgrenze erreichen, wie am Catogne oder im Tal der Morge. Doch die Bestände, wo sie vorherrschend ist, trifft man vor allem im unteren Gürtel der subalpinen Stufe. Vor 8000 Jahren, während einer warmen Periode, eroberte die Weisstanne das Wallis zurück. Dann musste sie der Fichte, die durch ein kühleres Klima und menschliche Eingriffe bevorzugt wurde, Boden abgeben. Die Tannenwälder wuchsen auf den besten Böden und wurden deshalb Opfer der ersten Rodungen. Besonders litten sie unter den Waldbränden, der Beweidung und bis vor kurzer Zeit unter der Herstellung von Holzkohle. Anstatt sich zu regenerieren, wichen sie in den meisten Fällen Fichtenwäldern. Dies erklärt das zerstückelte Verbreitungsgebiet: ausser in der Buchenzone bildet die Weisstanne nur mehr einige vereinzelte Bestände an meist steilen und schwer zugänglichen Hängen; solche Wälder findet man unter verschiedenen Bedingungen: Nordhänge oberhalb von Visp und Chippis, Südhänge über Fully, Savièse und am Eingang zum Lötschental, Talgründe wie die der Lizerne, der Morge und der Lienne.

Inhaltsverzeichnis

Charakter der Weisstanne

Abb. 61 - Die Weisstanne widersteht dem Steinschlag besser als die Fichte.

Die Weisstanne unterscheidet sich von der Fichte durch eine etwas hellere Farbe und waagrecht ausgestreckte Äste. Aus der Nähe fallen weitere Unterschiede auf: graue Borke, flache, an der Unterseite weissliche, an den Zweigen in zwei Reihen sitzende Nadeln. Die Zapfen stehen, am Wipfel des Baumes, wie Kerzen aufrecht, zerfallen beim Reifen und fallen nie als Ganzes zu Boden (Abb. 60).Unterschiede zwischen Weisstanne und Fichte bestehen ebenfalls in ihrem Verhalten. Letztere braucht Licht, um zu keimen, erstere regeneriert gern in ihrem eigenen Unterwuchs, im Schatten anderer Bäume, oder in einer kleinen Lichtung. Dank ihrer oberflächlich verlaufenden Wurzeln begnügt sich die Fichte mit dünnen und steinigen Böden, während die Weisstanne eher tiefgründige, nicht zu trockene Böden sucht, um ihre Pfahlwurzeln in den Grund zu graben, was ihr mehr Stabilität und Widerstandskraft gegen Wind und Schneelast verleiht. Die Weisstanne lässt sich durch Steinschlag und wiederholten Parasitenbefall weniger anhaben. Heben wir schliesslich hervor, dass die Weisstanne einen günstigen Einfluss auf die Bodenbildung ausübt. Sie bildet einen biologisch hochwertigen Humus und aktiviert die Nährstoffe in der Tiefe wie an der Oberfläche. Sie trägt somit zur grösseren Produktivität der Bergwälder bei. Die meisten Tannenwälder zeichnen sich durch eine gute Wachstumsrate aus. Leider weist die Weisstanne auch einige Schwachstellen auf: geringe Expansionskraft beim Rückerobern offener Standorte, grosse Empfindlichkeit gegenüber Luftverschmutzung – in der Gegend von Monthey, zum Beispiel – sowie ausgesprochene Anfälligkeit auf durch Hirsch- und Rehwild verursachte Verbissschäden. Seit 1980 verursachen in einigen Weisstannenbeständen des Mittelwallis die Raupen zweier Kleinschmetterlinge, des Kieferntrieb- und Harzwicklers, eine rötliche Färbung der Nadeln.

Die verschiedenen Tannenwälder

Abb. 62 - In Derborence wurden sämtliche Bäume in ausgewählten Dauerflächen mit Nummern versehen. Im Rahmen von Langzeitbeobachtungen über die Entwicklung der natürlichen Wälder werden sie regelmässig gemessen.

Ausser den schon beschriebenen Tannenwäldern gibt es im Wallis mehrere Waldtypen, in denen die Weisstanne in Gesellschaft der Fichte in mehr oder weniger grossen Verbänden auftritt.Der Weiss-Seggen-Tannenwald ist von allen der trockenste. Er wächst an südexponierten Kalkhalden wie in Savièse, an nordexponierten wie im Pfynwald. Im Unterholz bilden Weisse Segge und Wald-Wachtelweizen stellenweise zartgrüne Rasenflächen. Auf der montanen Stufe bereichert sich dieser Tannenwald mit mehreren Arten aus den Föhrenbeständen: Waldföhre, Waldvögelein, Buchsblärtrige Kreuzblume, Braunrote Sumpfwurz und andere.Der Labkraut-Tannenwald bevorzugt etwas feuchtere, kühlere und saure Böden, wie oberhalb von Collonges, Bovernier, Visp, sowie an verschiedenen Orten des Mittelwallis. Das Rundblättrige Labkraut umgibt sich oft mit Wald-Wachtelweizen und Sauerklee. Keilblättriger Steinbrech und Schneeweisse Hainsimse deuten auf sauren Boden hin. Der Alpendost-Tannenwald liebt kühle, feuchte und fruchtbare Nordhänge, wie dies oberhalb von Troisrorrents der Fall ist, wie auch im berühmten Wald von Derborence, von dem später die Rede sein wird. Die Fruchtbarkeit des Bodens begünstigt das Gedeihen von Hochstauden. So vermischt an helleren Orten der Graue Alpendost seine tellergrossen Blätter mit den sehr ähnlichen, aber abgerundeteren, der Weissen Pestwurz. Im dunkelsten Unterholz haben Sie vielleicht das Glück, den seltenen Widerbart zu entdecken, eine kleine, chlorophyllose Orchidee, die nur wenige Tage im Jahr sichtbar wird. Der Reitgras-Tannenwald wächst da und dort, meist an Nordhängen, im mittleren und oberen Gürtel der subalpinen Stufe wie zum Beispiel oberhalb von Champex. Charakterart ist das Wollige Reitgras. Man erkennt es leicht an seinen langen, hangabwärts hängenden Blättern. Wie gekämmte Haarsträhnen mischen sie sich unter die Heidelbeeren. Diese Art Unterwuchs entspricht einem kargen, sauren Boden. Man findet diesen unter nämlichen Bedingungen im Fichten-, Lärchen- oder Arvenwald. Der Farn-Tannenwald, im Jura und Mittelland weit verbreitet, besetzt einige feuchte Winkel im Unterwallis, oberhalb von Evionnaz zum Beispiel und im Val du Trient. Der Boden besteht meist aus grobem Geröllmaterial. Kennzeichnende Pflanze ist der Breite Wurmfarn, der seine eleganten Wedel über bemooste Steine, Heidelbeerstauden und Bärlapp ausbreitet. Der Schachtelhalm-Tannenwald ist im Wallis nur auf wenigen nassen Mergelböden am Südhang des Val d'Illiez zu finden. Auf so feuchten, für die Buche ungeeigneten Böden, mischt sich der Wald-Schachtelhalm mit dem Gemeinen Waldfarn.

Tafel XXIII

Tannenwälder

1. Übersicht - Der Urwald von Derborence steigt hinter den in ihrem Herbstkleid prangenden, den See säumenden Lärchen steil den Hang hinauf. Die grössten Weisstannen erreichen die aussergewöhnliche Höhe von 44 Metern. Diese stolzen Bäume wurden durch den Sturm vom Februar 1990 schwer in Mitleidenschaft gezogen.

2. Korallenwurz - Bescheidene, seltene Orchidee, welche die Kenner im lichtarmen Unterwuchs jedesmal mit echter Freude wiederfinden.

3. Junge Weisstanne - Die kräftigen, hellgrünen Jahrestriebe zeugen von der Gesundheit dieses Bäumchens in Champex.

4. Hochstaudenfluren - Gelber Eisenhut und Grauer Alpendost (rosa) sind für die feuchten und nährstoffreichen Lichtungen der subalpinen Stufe kennzeichnend (hier Tiefwald im Aletschgebiet).

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Der Urwald von Derborence

Abb. 64 - Ein 80 auf 10 m grosses Profil durch den Urwald von Derborence. Man sieht ältere und weniger alte Bäume, wie auch eine Lichtung, in welcher sich der Wald verjüngt (nach Leibundgut 1986). Ausser einigen Fichten unten am Hang und wenigen Vogelbeerbäumen sind sämtliche Bäume Weisstannen.

In der Schweiz haben wir nur noch drei Urwälder: die Bödmeren im Muotatal, Kanton Schwyz (70 ha), den Wald von Scatlè in der Nähe von Brigels im Bündnerland (9 ha) und den von Derborence, über dem Südufer des Sees gleichen Namens. Dieser erstreckt sich von 1450 bis 1600 m Höhe über eine Fläche von 25,3 ha, die seit 1956 unter Schutz steht. Die zahlreichen Touristen, die um den See wandern, beachten den Urwald kaum, denn nichts verrät seine Einmaligkeit. Und doch, stellen Sie sich riesige Weisstannen vor, 450-Jährige von 44 m Höhe und 1,56 m Durchmesser! Gewisse dieser Riesen, vom Wind oder den Lawinen niedergeworfen, liegen am Boden und vermodern in einem imponierenden Gewirr, das den Eindruck eines unberührten Waldes bestätigt. Dank seines abgelegenen Standortes und der Ausmasse der wegzuschaffenden Stämme, blieb dieser Bestand weitgehend vor dem Zugriff des Menschen verschont. Der untere Teil des Tales ist in der Tat äusserst eng, der obere mit den Felsblöcken der Bergstürze von 1719 und 1749, die auch den See aufstauten, übersät. Nur einige kleine Bäume wurden für die lokalen Bedürfnisse der Maiensässe gefällt.

Auf wissenschaftlicher Ebene ist dieser Wald von aussergewöhnlichem Interesse. Die Bäume einzelner Parzellen wurden durch die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich numeriert und werden im Rahmen von Langzeitbeobachtungen periodisch gemessen. Der Wald von Derborence setzt sich zu beinahe gleichen Teilen aus Weisstanne und Fichte zusammen, wobei beide Arten dieselben erstaunlichen Ausmasse erreichen. Es handelt sich um einen Alpendost-Tannenwald in ziemlich feuchtem Mikroklima und auf fruchtbarem Boden. Dies erklärt wohl die außergewöhnlichen Ausmasse der Bäume: 900 m3 Volumen pro Hektare stehender Baume (vier Mal das Mittel unserer Bergwälder) mit jährlichem Zuwachs von 7-12 nv (zweimal mehr als in den Wäldern im Jura). Welch ein Unterschied zum Pionierwaid auf dem nahegelegenen Bergsturzgebiet!

Abb. 63 - Der Urwald von Derborence befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht: Die betagten Riesen sterben eines natürlichen Todes. Durch ihren Sturz schaffen sie Lichtungen, in welchen sich die Verjüngung des Waldes anbahnt.

Im Urwald beeindrucken nicht nur die Ausmasse; bemerkenswert ist ebenfalls der äusserst unregelmässige Aufbau des Bestandes. Das Profil in Abb. 64 veranschaulicht dies. Bald stehen die Riesenbäume dicht beieinander und lassen wenig Licht auf den Boden dringen, bald befinden sie sich mitten in einer Lichtung mit hohen Stauden und kleinen Laubbäumen wie Grünerle und Vogelbeerbaum. Auf den am Boden liegenden und vermodernden Stämmen wachsen junge Bäume nach, schön in einer Reihe. Auf diese Weise entgehen sie der Konkurrenz durch die Stauden, werden vor Schneerutsch geschützt und tauchen früher aus dem Frühlingsschnee auf. Solche ausgerichteten Baumreihen erkennt man nach Jahrhunderten noch, wenn die Bäume längst ausgewachsen sind.

Wie entwickelt sich ein auf diese Weise sich selbst überlassener Wald? Die alten Bäume stürzen in sich zusammen und hinterlassen Lücken, in denen sich der Wald neu regenerieren kann (Abb. 63).

Ein Urwald setzt sich wie ein Mosaik aus verschiedenen Entwicklungsstadien zusammen, von ganz jung zu recht alt. So entsteht ein auf weite Sicht sich einpendelndes Gleichgewicht. Die Bäume bleiben, ohne den geringsten Unterhalt, in gutem Zustand, vorausgesetzt, ihre engere Umwelt werde nicht verändert. In zahlreichen Gegenden des Kantons sind die Wälder in ihrem Gleichgewicht schwer gestört, wurden sie doch, nach einer Zeit rücksichtsloser Ausbeutung, beim Aufkommen von Elektrizität und fossilen Brennstoffen brutal sich selbst überlassen. Ein echter Urwald entsteht erst nach Jahrhunderten. Um besser in die Geheimnisse des Wachstums des Waldes eingeweiht zu werden, wären zahlreiche Langzeit-Beobachtungsflächen nötig, verteilt auf alle wesentlichen und am besten erhaltenen Waldtypen im Kanton.

Ein Windstoss während des Sturms "Vivian" im Februar 1990 hat einen grossen Teil der hohen Bäume im Urwald von Derborence zum Fallen gebracht. Glücklicherweise haben die Förster beschlossen, die der Schadfläche benachbarten Bestände nicht zu bewirtschaften.

Hochstaudenfluren

In zahlreichen Wäldern der subalpinen Stufe, wie die von Derborence, des Val du Trient oder des Val d'Illiez, sind die Lichtungen und offenen Stellen grossflächig mit 1 bis 2 m hohen Pflanzen bewachsen (Tafel XXIII). Man spricht von Stauden im Gegensatz zu den Bäumen, Sträuchern und anderen verholzten Arten. Die üppige Staudenvegetation gedeiht besonders in den Lawinenrunsen und an feuchten Schattenhängen, auf fruchtbarem Boden. Die Versorgung mit Wasser ist gesichert: Quellen, Bächlein, Schneeschmelzwasser. An solchen Standorten regeneriert der Wald trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur mühsam, denn die Dichte des Pflanzenwuchses und die Vernetzung der Wurzeln erschweren den jungen Bäumen das Wurzelschlagen. Sich durch einen derartigen Pflanzenteppich durchzuarbeiten, ist ein wahres Abenteuer: Man entsteigt ihm pudelnass. Grauer Alpendost und Weisse Pestwurz verdecken den Boden vollständig unter ihren runden, tellergrossen Blättern. Mehrere Farnarten gesellen sich zu Meisterwurz, Gelbem Eisenhut und Grossblättriger Schafgarbe. Im Hochsommer prangen die blauen Blüten des Alpen-Milchlattichs auf Gesichtshöhe. Diskreter lebt die seltene Tozzie als Halbschmarotzer auf den Wurzeln der Pestwurz. Ihre Samen werden von den Ameisen verbreitet.

Grünerlengebüsche

Abb. 65 - Grünerle. Deren lange, gebogene Äste schmiegen sich unter der Schneelast und den Lawinen leicht dem Boden an.

Grünerlengebüsche trifft man vor allem in feuchten Höhenlagen. Die Grünerlen durchziehen oft Tannen- oder Fichtenwälder und vergesellschaften sich gern mit Hochstauden. Wie diese wachsen sie in Lawinenrunsen oder an Bachufern. Wir treffen wieder den Grauen Alpendost, den Gelben Eisenhut, die hohen Farne, manchmal den Türkenbund. Diese Grünerlen-Eiestände erobern auch gerodete Flächen, die extensiv als Weideland benutzt werden, zurück. Im Winter geben die langen, flexibeln Äste der Schneelast nach und verschwinden unter dem schützenden Mantel. Wenn die warmen Tage wiederkehren, richten sich die Grünerlen bis zu 3-5 m Höhe auf. Sich durch das Ästegewirr eines Erlengürtels zu zwängen ist keine leichte Sache, es sei denn, man benütze die Hitschwechsel. Diese Tiere bewegen sich darin mit: Leichtigkeit und haben dort auch ihte Einstände.Die Wurzeln der Grünerle besitzen Verdickungen, in denen ein mikroskopisch kleiner Pilz Stickstoff bindet und dadurch den Boden fruchtbar macht. Die langen, sich dem Boden anschmiegenden Äste erzeugen neue Schosse und fassen leicht Wurzel. So spielen die Samen bei der Verjüngung nur eine untergeordnete Rolle. An solchen Standorten ist die Regenerierung des Waldes bedeutend verlangsamt, jedoch nicht unmöglich.

Siehe auch