Traditionelle Viehzucht und Kuhkämpfe im Wallis

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Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Ringkuhkampf in Vetroz im Rhonetal, 1936. Foto, Mediathek Wallis – Martigny; Raymond Schmid.

Die traditionellen Rassen und insbesondere die Eringer Kuhrasse werden heute im Wallis als kantonales Kulturgut betrachtet. Ja, im Kuhkampf hat das Wallis wohl das stärkste Erinnerungszeichen seiner agrarischen Vergangenheit gefunden. Und ganz allgemein sind Tiere wie Eringer Kuh, Schwarznasenschaf oder Schwarzhalsziege zu einem Markenzeichen des Wallis geworden und befriedigen auch zahlreiche nichtlandwirtschaftliche Bedürfnisse. Bei der traditionellen Viehzucht handelt es sich also um ein Phänomen mit einer starken Verankerung in der Tradition und in der Gegenwart.

Unter den Begriff „traditionelle Viehzucht“ können heute im Wallis folgende Rassen subsumiert werden: Eringer Kuh, Evolener Rind, Schwarznasenschaf, Weisses Alpenschaf, Walliser Landschaf, Schwarzhalsziege. Innerhalb dieser Rassen kommt der Eringer Kuh eine besondere Stellung zu. Neben seiner körperlichen Robustheit zeichnet sich dieses Tier durch seine Kampflust aus. Bei den Kuhkämpfen auf den Sommeralpen geht es darum, die Leitkuh der Herde zu bestimmen. Seit den 1920er Jahren werden auch in der Talebene des Wallis Kuhkämpfe organisiert. Dadurch wird der Kuhkampf neuen Nutzungen zugeführt. Diese neuen, nichtlandwirtschaftlichen Bedürfnisse verleihen der Eringer Kuh ein symbolisches Kapital, welches sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten Nutztier des Kantons werden lässt. Doch auch das Kleinvieh zeigt im Fest- und Brauchwesen des Wallis eine starke Präsenz.

Viehzucht als historische Konstante

Die Viehzucht und insbesondere die Haltung von Kleinvieh lässt sich im Wallis bis ins Neolithikum zurückverfolgen. Und bis heute nimmt sie im agropastoralen System des Wallis eine zentrale Stellung ein. Unter den Begriff „traditionelle Viehzucht“ können heute im Wallis folgende Rassen subsumiert werden: Eringer Kuh / Vache d’Hérens, Evolener Rind, Schwarznasenschaf, Weisses Alpenschaf, Walliser Landschaf / Le Roux du Valais, Schwarzhalsziege.

Von Rassen im eigentlichen Sinn kann ab dem 19. Jahrhundert gesprochen werden. So wird die Eringer Kuh erst 1879 offiziell als eigenständige Viehrasse anerkannt. Und das „schwarznasige Vispertaler Schaf“ wird erstmals in einer Verordnung von 1884 explizit erwähnt. Anderseits waren gerade die einheimischen Rassen vom späten 19. Jahrhundert bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder vom Aussterben bedroht, indem die offizielle Landwirtschaftspolitik im Hinblick auf eine höhere Produktivität eine Vereinheitlichung der Rassenbestände anstrebte. So wurde etwa durch ein gezieltes Subventionswesen die Haltung des Weissen Alpenschafs gefördert. Der organisierte Widerstand der Züchter anderer Rassen bewirkte ab 1950 ein Umdenken und verhinderte namentlich das Aussterben des Schwarznasenschafes.


Symbolisches Kapital

Gerade dieser konfliktbehaftete Kampf um Anerkennung macht einen Teil der Symbolkraft dieser einheimischen Rassen aus. Deren Verfechter setzen sich in einem ausdauernden Kampf gegen die offizielle Agrarpolitik durch und begründen damit den Mythos dieser Tiere. Bezüglich Produktivität gehören diese Rassen noch heute nicht zu den besten des Landes. Doch dank eines neuen, von Tourismus und Agrar-Hightech geprägten Umfeldes kommt ihnen nun so etwas wie ein symbolischer Mehrwert zu. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass diese Symbolkraft ihre Wirkung auch nach innen zu entfalten vermag. Neben dem Tourismus gilt es deshalb insbesondere die Nebenerwerbs- und Hobbylandwirtschaft zu nennen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Aufwertung der traditionellen Viehrassen begünstigt. Indem die Viehzucht weniger auf eine profitorientierte Produktion angewiesen ist, gewinnen nun Werte wie Freude am Tier, Familientradition, Leidenschaft und Kollegialität an Bedeutung. Der Gewinn wird also weniger im Materiellen gesucht als vielmehr in symbolischen und sozialen Werten: In der Kompensation zur Industriearbeit, in der Beziehung zur Landschaft und zum Tier, in der Freude an einer unabhängigen Tätigkeit, in Werten wie Traditionstreue und Autonomie, im Stolz, etwas besonderes zu machen und ein besonderes Tier zu besitzen, in der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung...


Medienstar Eringer Kuh

Werbeplakat des Walliser Milchverbands für Raclette-Käse, entworfen von der Werbeagentur „Visucom“, Brig, 2003.

Innerhalb der traditionellen Viehzucht des Wallis kommt der Eringer Kuh / Vache d’Hérens eine besondere Stellung zu. Neben seiner körperlichen Robustheit zeichnet sich dieses Tier durch seine Kampflust aus. Bei den Kuhkämpfen auf den Sommeralpen geht es darum, die Leitkuh der Herde zu bestimmen. Seit den 1920er Jahren werden auch in der Talebene des Wallis Kuhkämpfe organisiert. Dadurch wird der Kuhkampf neuen Nutzungen zugeführt. Diese neuen, nichtlandwirtschaftlichen Bedürfnisse verleihen der Eringer Kuh ein symbolisches Kapital, welches sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten Nutztier des Kantons werden lässt. Dank dieser kämpfenden Kuhrasse hat sich die Alptradition ihren Platz in der postmodernen Freizeit- und Mediengesellschaft gesichert. Sowohl die traditionellen Kämpfe auf den Alpweiden zu Beginn der Sömmerung wie auch die im Frühling und Herbst stattfindenden „Matchs“ in der Talebene haben in jüngster Zeit einen hohen Organisationsgrad erreicht und sprechen für die Anpassungsfähigkeit des Phänomens an das geänderte wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld.

Neue Traditionsträger

Die Eringer Kuhrasse wird heute im Wallis als kantonales Kulturgut betrachtet. Ja, im Kuhkampf hat das Wallis wohl das stärkste Erinnerungszeichen seiner agrarischen Vergangenheit gefunden. Und doch muss die mediale Inszenierung dieses Tiers ihre Bilder neu erfinden: In der traditionellen bäuerlichen Ästhetik des Wallis war die Kuh inexistent. Im Zentrum des Älplerbrauchtums standen hierzulande nicht Sennen in Trachten und Kühe mit reich dekorierten Schellenriemen, sondern – mit der Segnung von Mensch, Vieh und Alp – Kirche und Glaube. Festliche Alpaufzüge mit Folkoreprogramm und Kantine, wie sie heute insbesondere an Walliser Ferienorten stattfinden, stellen deshalb nicht etwa die Fortführung einer Tradition dar, sondern sind Neuerungen, mit denen sich die Alpwirtschaft auf die neuen Bedürfnisse der Freizeitgesellschaft einstellt.

Dennoch nahmen Vieh- und Milchwirtschaft im vorindustriellen Landwirtschaftssystem des Wallis einen wichtigen Platz ein. Sie rhythmisierten in einem hohen Masse die Zeit jener Gesellschaft und prägten nachhaltig ihren Raum. Die Alpwirtschaft als zentrales Element der bäuerlichen Existenz bestimmte mit der Wanderung von Mensch und Vieh den Jahreslauf wesentlich mit. Und Viehzucht und Milchwirtschaft hinterliessen ihre Spuren auch in Landschaft und Siedlung.

Hinzu kommt eine Entwicklung, welche die Walliser Viehzucht seit den 1950er Jahren prägt: die Nebenerwerbslandwirtschaft. Den Nebenerwerbsbetrieben kommt zunehmend Hobby-Charakter zu. Dadurch sind sie je länger je weniger auf eine profitorientierte Produktion angewiesen. Gegenüber dem wirtschaftlichen Ertrag eines Tieres gewinnen nun Werte wie Freude am Tier, Familientradition, Leidenschaft, Kollegialität an Bedeutung. Der Gewinn wird also weniger im Materiellen gesucht als vielmehr in symbolischen und sozialen Werten: in der Kompensation zur Industriearbeit, in der Beziehung zur Landschaft und zum Tier, in der Freude an einer unabhängigen Tätigkeit, in Werten wie Traditionstreue und Autonomie, im Stolz, etwas besonderes zu machen und ein besonderes Tier zu besitzen, in der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung... Der Kuhkampf hat so eine eigene, neue Dynamik entwickelt, an der sich neben Viehzüchtern auch nichtbäuerliche Kreise beteiligen.


Identitätsmerkmal

Indem der Kuhkampf aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst wurde, konnte er neuen Nutzungen zugeführt werden. Seine Multifunktionalität hat zugenommen. Der Politik dient er als Bühne, dem kuhbesitzenden Neureichen wird er zur Prestige-Angelegenheit. Und für den Tourismus wird die Eringer-Kuh zum passenden Symbol einer idealen Ferienwelt: Sie ist einzigartig, also typisch; sie repräsentiert Ländlichkeit, Natürlichkeit, Tradition. Und schliesslich ist da noch die Bedeutung dieser Kuh als Identitätsmerkmal eines ganzen Kantons. „Le Valais tout entier est dans la race d'Hérens,“ schrieb bereits vor Jahren der Schriftsteller Maurice Chappaz.

Konzentrierte sich früher das Spektakel der Kämpfe zeitlich auf das Frühjahr, sind diese heute beinahe zum Ganzjahresereignis geworden: Von März bis Mai finden im ganzen Kanton regionale Ausscheidungen statt, die ihren Abschluss mit dem kantonalen Finale in Aproz finden (seit 2011 „Fête nationale de la race d’Hérens“). In der zweiten Junihälfte gehen anlässlich der Alpbestossungen die Kämpfe auf den Sommerweiden über die Bühne, gefolgt von vereinzelten Alpkämpfen während des Sommers und den letzten Stechfesten im Herbst, die erneut in der Talebene stattfinden. Im Umfeld dieser Ringkuhkämpfe und insbesondere in der Arena von Aproz versammelt sich das „Wallis“ zu einem Ritual, dem als einem der wenigen noch so etwas wie gemeinschaftsbildende Kraft zukommt. Und die vielbeschworene Gleichsetzung der Eigenschaften der Eringer Rasse – Robustheit, Kämpfernatur, Ausdauer, Natürlichkeit, Aggressivität – mit den Charaktereigenschaften der Walliser Bevölkerung hat die Bedeutung dieser Kuh im identitären Gefüge und im Selbstbild des Wallis gefestigt.

Auch wissenschaftlich und medial hat die Patrimonialisierung der traditionellen Rassen ihren Niederschlag gefunden. So im Film von Sylviane Neuenschwander „Schneeweisse Schwarznasen“ (2006) oder in den Büchern „Die Schwarznase“ (Luzius Theler, 1986), „Walliser Schwarzhalsziegen“ (Christian Zufferey, 2004) und „embrüf embri - Die Heimkehr der Schafe“ (Thomas Schuppisser, Michael Ganz, 2010) sowie in unzähligen Werken zur Eringer Kuh (Publikationen, Kunstwerke, Spielfilme, Comics, Werbung, Medien, Webseiten usw.).

Der Kampf ums Schwarznasenschaf

Schwarznasenschafe auf der Sommerweide. Foto Walliser Bote.

Auch das Kleinvieh zeigt im Fest- und Brauchwesen des Wallis eine starke Präsenz. Entsprechende Beispiele sind etwa der als „Vatertag“ bezeichnete traditionelle Widdermarkt in Visp sowie weitere Viehschauen und Zuchtwettbewerbe, das seit den 1950er Jahren stattfindende Schäferfest auf der Gemmi, der tägliche „Geissenkehr“ während der Sommersaison durch die Bahnhofstrasse von Zermatt, die spektakuläre Rückkehr der Schafe auf der Belalp (Naters), die sich zur touristischen Attraktion entwickelt hat, die an zahlreichen Orten stattfindende Schafscheid im September als traditioneller Höhepunkt im Schäferjahr, folkloristische Nebenerscheinungen wie der Schwarznasenschäferchor oder das Verwenden der Pelze für Fastnachtskostüme usw.

Ein besonderer Stellenwert kommt dabei dem Oberwalliser Schwarznasenschaf zu. Dieses entwickelte sich im 19. Jahrhundert als eigenständige Rasse heraus und stellte damals – neben dem wegen seiner schwarzen Wolle geschätzten Lötschentaler Schaf sowie dem rotbraunen Bagner Schaf (Roux de Bagnes) – die einzige klar definierte Schafrasse des Wallis dar. Als der zu Beginn des 20. Jahrhunderts meistverbreiteten Schafrasse des Wallis erwuchs dem Schwarznasenschaf ab den 1930er Jahren Widerstand von Seiten der eidgenössischen und kantonalen Landwirtschaftspolitik, die auf eine Vereinheitlichung der Rassenbestände zielte. Diese „Jahre des Zorns“ (Luzius Theler) waren geprägt von Subventionskürzungen, Tierseuchen und Wirtschaftlichkeitsdenken sowie von wachsenden Animositäten zwischen Haltern von Schwarznasen und solchen des Weissen Alpenschafes. Mit der Losung „Das Schwarznasenschaf bleibt!“ leitete der 1948 gegründeten Oberwalliser Schwarznasenzuchtverband 1957 die Wende ein und in der Folge begannen sich die Beziehungen zwischen den Haltern der verschiedenen Rassen zu normalisieren. Heute gehört das Walliser Schwarznasenschaf zu den elf anerkannten Schafrassen der Schweiz und stellt 17 Prozent des gesamten Herdebuchbestandes. Im Oberwallis halten rund 1'100 Züchter, organisiert in 46 lokalen Zuchtgenossenschaften, rund 14'000 Schwarznasenschafe.

Zahlenmässig weit geringer sind die Bestände der Walliser Schwarzhalsziege. Mit rund 2'500 Schwarzhalsziegen stellt das Oberwallis etwa zehn Prozent des schweizerischen Ziegenbestandes. Organisiert sind die Züchter in 15 lokalen Genossenschaften, die im Oberwalliser Ziegenzuchtverbandzusammengeschlossen sind. Wie das Schwarznasenschaf soll die Schwarzhalsziege ihren Ursprung im Gebiet der Vispertäler haben, doch ist sie spätestens um 1900 im gesamten Oberwallis verbreitet. Und ähnlich dem Schwarznasenschaf ist die Schwarzhalsziege wegen ihres markanten Äusseren zum unverkennbaren Merkmal der Walliser Kulturlandschaft geworden.

Referenzen

1.


2.
Gérald Berthoud, Mondher Kilani: „Identité régionale et passion de l’élevage en Valais“, Ethnologica Helvetica 13-14/1989-90, 109-113.


3.
Yvonne Preiswerk, Bernard Crettaz (Hg.): Le pays où les vaches sont reines. Sierre 1986. – Das Land wo die Kühe Königinnen sind. Visp 1992.


4.
Thomas Antonietti (Hg.): Kein Volk von Hirten. Alpwirtschaft im Wallis. Baden 2006.


5.
Christian Zufferey: Walliser Schwarzhalsziegen. Visp 2004.


6.
Luzius Theler: Die Schwarznase. Schafrasse des Oberwallis. Visp 1986.


7.
Thomas Schuppisser, Michael Ganz: embrüf embri – Die Heimkehr der Schafe. Baden 2010.


8.
Sylviane Neuenschwander-Gindrat: Schneeweisse Schwarznasen. Ghornuti Productions 2006.


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