Ts wild Mandji - Die Wild-Mann-Spiele im Oberwallis

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Der Wilde Mann wird dem Richter vorgeführt, Aufführung von 1971; Klaus Anderegg, Binn.

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Das Spiel vom Wilden Mann steht für eine in der Oberwalliser Kultur verankerte Theatertradition, die ihren Ursprung vermutlich in einem mittelalterlichen Rügebrauch hat. Im Kern der Handlung steht der Wilde Mann, der von seinem Antagonisten, dem Waldbruder, oder von der Dorfbevölkerung wegen Verstössen gegen gesellschaftliche Konventionen angeklagt wird. Als Sündenbock werden ihm die Vergehen der Dorfgemeinschaft angelastet. Er wird gejagt und festgehalten, damit ihm vor versammelter Dorfgemeinde der Prozess gemacht werden kann. Meist endet das Spiel mit Todesurteil und Exekution des Wilden.

Hauptschauplatz der jüngsten Inszenierungen im Oberwallis war Baltschieder; die letzte Aufführung fand 2007 statt. Charakteristisch für die Wild-Mann-Spiele ist: Sie orientieren sich nicht an einem starren Skript, sondern basieren auf mündlicher Tradierung. Dies hat zur Folge, dass in jüngeren Forschungsbeiträgen lediglich die Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert dokumentiert werden konnte. In ihrer Lizentiatsarbeit zu den Wild-Mann-Spielen im Oberwallis hat Laura Margelist gezeigt, dass sich der Plot der jeweiligen Aufführung nicht nur an der mündlichen Überlieferung orientiert, sondern ein Produkt aus der Zusammenarbeit von Autor, Regisseur, Schauspielern und Zuschauern ist. Nebst den sich stets wiederholenden Elementen zeichnet sich das Theaterstück so vor allem durch einen deutlichen politisch-gesellschaftlichen Aktualitätsbezug aus.

Der NEAT-Tunnel als Thema bei der Aufführung 2007.

Die Handlung des Wild-Mann-Spiels

Gleich zu Beginn des Stücks kommt ein Dorfbewohner auf die Bühne gelaufen und warnt die Bevölkerung: „Die Wilden sind los! Die Wilden sind los!“ Kaum ist die Warnung ausgesprochen, können die Zuschauer beobachten, wie in der Ferne ein Feuer auflodert. Es handelt sich dabei um die Hütte des Waldbruders, der als katholischer Eremit ausserhalb des Dorfes lebt; er wird vom Wilden Mann verfolgt und gequält. In den meisten überlieferten Aufführungen kann der Wilde Mann dabei auf die Unterstützung der Wilden Frau und ihres gemeinsamen Kindes zählen. Gemeinsam setzen sie dem Waldbruder nach und zünden dessen Hütte an.
Kaum sehen die Leute im Dorf das Feuer, senden sie einen Trupp aus, der die Wilden einfangen soll. Die Jagd stellt ein Kernelement des Stückes dar und sie endet damit, dass der Wilde Mann als Gefangener zum Hauptverantwortlichen für die Untaten abgestempelt und auf die Bühne geführt wird. Die Wilde Frau und ihr Kind werden als Opfer dargestellt; sie können im Grunde nichts für ihre Vergehen, weil sie aus der Sicht der Dorfbevölkerung unter dem schlechten Einfluss des Wilden Mannes gestanden haben. Um sie vom Sittenzerfall zu erlösen, werden sie dem Waldbruder in Obhut gegeben, damit sich dieser um ihre Erziehung zu kultivierten Dorfbewohnern kümmern kann.
Inzwischen wird der Wilde Mann dem Richter vorgeführt, der von seinem Weibel und dem Gerichtsschreiber begleitet wird. Dem Wilden Mann wird der Prozess gemacht. Die Anklage beschränkt sich jedoch nicht auf die Vergehen gegen den Waldbruder. Das Gericht packt vielmehr die Gelegenheit beim Schopf und setzt alles Schlechte, was im Dorf vorgefallen ist auf die Anklageliste und verurteilt den Wilden zum Tode. Die folgende Exekution beschliesst die Handlung des Stücks.

Figuren im Wild-Mann-Spiel

Titelseite des Manuskripts der Aufführung von 1984.

Die Wilden

Die Figur des Wilden als Gegenbild zum 'Gezähmten' trifft man nicht nur in Walliser oder Schweizer Sagen, sondern in der gesamten europäischen Kulturgeschichte. Die mit Moos und Bartflechten der Nadelbäume bekleideten Naturmenschen verhalten sich entgegen den gesellschaftlichen Normen und stehen für eine anarchische, heidnisch-primitive Lebensform. Ihre Funktion ist doppelt: Sie dienen zum einen dazu, den verwerflichen Gegensatz zum christlichen Gut und Glauben zu verkörpern. Der Wilde ist dann die bösartige und unmoralische Figur, die mit dem Teufel im Bunde steht. Als solche wird sie im Volksglauben gefürchtet und gleichzeitig für die unterschiedlichsten Missstände im Dorf verantwortlich gemacht. Die Wilden halten sich nicht an weltliche Gesetze und sittlich-moralische Vorschriften, sondern nehmen sich frei heraus, was ihnen beliebt. Sie greifen dabei sogar ihr Gegenbild – den Waldbruder – gewalttätig an.
Zum anderen zeigt gerade die jüngere Aufführungsgeschichte der Wild-Mann-Spiele in Baltschieder, dass der Wilde dem Dorf einen Spiegel seiner eigenen Bosheit vorhält. Die Rolle des Sündenbocks, der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen christlichem Glauben und heidnischer Verwahrlosung, zwischen sittlich-zivilisierten Wertvorstellungen und anarchistisch-degenerativer Willkür sind nicht mehr der zentrale Fokus des Stückes. Vielmehr wird die Dorfbevölkerung zur Angeklagten: Leben im Überfluss, Scheinheiligkeit, Überheblichkeit, Intoleranz und Vorwürfe gegen einzelne Mitglieder des Dorfes, gegen das Dorfkollektiv oder gegen die gesellschaftlichen Zustände allgemein werden zu zentralen Themen. Zwar wird letztlich der Wilde Mann auf der Bühne hingerichtet, doch verdeutlichen Plot und Inszenierung zur Genüge, wer der wahre Angeklagte und Verurteilte ist.

Der Waldbruder

Die Figur des Waldbruders kommt in verschiedenen Walliser Sagen vor und hat auch im Wild-Mann-Spiel einen wichtigen Part zu erfüllen. Als asketischer Einsiedler, der ein vorbildliches christliches Leben führt, verkörpert er ein zentrales religiöses Motiv, das den Gegenpol zu den verwahrlosten, sitten- und kulturlosen heidnischen Wilden darstellt. Fern von irdischen Versuchungen und von jeglichem Überfluss lebt er im Wald und braucht nicht mehr als ein Weizenkorn pro Tag, weil er in der abgeschiedenen Wildnis aufgrund seiner Bereitschaft zum Verzicht täglich das Himmelsbrot empfängt. Da ihn die Wilden schikanieren und seine Hütte anzünden, kommt ihm die Dorfbevölkerung zu Hilfe und macht sich auf die Jagd nach den Wilden. Ihm, dem Gottesmann, überträgt man dann auch die Aufgabe, die Wilde Frau und ihr Kind zu erziehen und auf den rechten Weg zu bringen.

Der Arm des Gesetzes

Als Vertreter von Recht und Ordnung sorgen verschiedene Figuren dafür, dass die Gesetzesverstösse der Wilden bestraft werden. Je nach Fassung des Stücks begeben sich Soldaten, Jäger oder Polizisten auf die Jagd nach den Wilden. Sind sie einmal gefasst, werden sie auf der Bühne dem Richter und seiner Begleitung – Schreiber und Weibel –vorgeführt. Sie machen den Wilden den Prozess und verurteilen sie. So sorgen sie für Gerechtigkeit, allerdings nur scheinbar – da die wahren Verantwortlichen für viele Anklagepunkte im Gericht selber oder im Dorfkollektiv zu finden wären.
In alternativen Inszenierungen wird dem Gericht ein Beamter zur Seite gestellt, der die Anklageschrift verliest. Sein Antagonist ist ein Pflichtverteidiger, der sich zwar für die Unschuld der Wilden einsetzt, den Prozess jedoch zwangsläufig verlieren muss, sodass es zur Verurteilung kommen kann.
Dabei wird bald klar, dass das Ergebnis zu Ungunsten der Wilden manipuliert wurde und es kommt, wie es kommen muss: Das Urteil gegen die Wilden wird verhängt. Um das geschehene Unrecht zu verdeutlichen, betritt im Anschluss der Teufel die Bühne und nimmt den Weibel als Strafe für seinen Betrug mit sich.

Das Sündenbockmotiv als Grundlage eines Rügebrauchs

Die Spannung zwischen Natur (verkörpert im Wilden) und Kultur (verkörpert im Waldbruder) im Wild-Mann-Spiel hat auch eine didaktisch-pädagogische Funktion. Das Ideal des christlichen, gottgefälligen Lebens kontrastiert mit dem Alltagsleben der Dorfgemeinschaft, deren Mitglieder sich zahlreicher Vergehen schuldig machen. Statt jedoch einsichtig zu sein und für die eigenen Fehler gerade zu stehen, suchen sich die Dorfbewohner einen Sündenbock, den sie für die Missstände verantwortlich machen können. Sie finden ihn in der Person des Wilden Mannes. In Form einer gemeinschaftsbezogenen Handlung machen sie ihm den Prozess, um die aus den Fugen geratene Ordnung im Dorf wieder herzustellen. Damit wird ein Rügebrauch durchgeführt: Er ist definiert als ein Brauch, mit welchem bestimmte Zustände und Personen gerügt oder kritisiert werden.

Bei den jüngsten Oberwalliser Aufführungen wurde diese moralische Lehre verschieden vermittelt. So wurde die Verurteilung des Wilden Mannes zu Beginn des Stückes als vollkommen gerechtfertigt dargestellt. Es lag dann an den Zuschauern, mit der Fortdauer des Spiels die eigentliche Unschuld des Angeklagten zu erkennen und die wahren Schuldigen zu entlarven. Mit dem politisch-gesellschaftlichen Aktualitätsbezug wird der Dorfbevölkerung ein Spiegel vorgehalten, damit sie sich Rechenschaft über ihr eigenes Handeln gibt, womit sich die Aufführung in die Brecht’sche Theatertradition stellt.
Andererseits zeichnet sich bei den jüngeren Wild-Mann-Inszenierungen die Tendenz ab, die Anklage des Wilden Mannes so darzustellen, dass die Zuschauer den Sündenbockmechanismus von Beginn an durchschauen. Dadurch wird ein Metadiskurs angeregt, in welchem die Übertragung von Schuld auf andere und die fehlende Grösse, für eigene Verfehlungen geradezustehen, thematisiert und kritisiert werden.

Verbreitung und Deutung des Wild-Mann-Spiels

Plakat der Aufführung von 1984.
Während Wilde Männer oder Frauen Bestandteil einer europäischen Tradition sind, gilt dies nicht für die theatralische Umsetzung. Nur aus dem Oberwallis sind in der jüngeren Vergangenheit Inszenierungen von Wild-Mann-Spielen bekannt. Baltschieder hält mit seinen regelmässigen Aufführungen – die letzte im Jahr 2007 – die Tradition weiterhin aufrecht.
Während der historische Ursprung des Wild-Mann-Motivs unbekannt ist, gibt die Deutung aufgrund der nach wie vor lebendigen Theatertradition weniger Mühe auf. Fest steht: Beim Wild-Mann-Spiel handelt es sich nicht um ein klassisches Theaterstück. Vielmehr verbindet sich der traditionsreiche und immer gleich bleibende Kern des Stücks mit aktuellen politischen, religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Damit entbehrt der Plot einer literarisch fixierten Textgrundlage, wodurch die performative Leistung im Zentrum steht. Hinzu kommt, dass – im Fall von Baltschieder – von einer Aufführung zur nächsten meist zehn Jahre oder mehr vergehen können, sodass die gewählten Aktualitätsbezüge jeweils neu gefasst werden müssen. Die sich stets wiederholenden Elemente sind damit ebenso charakteristisch für das Wild-Mann-Spiel wie der jeweils neu ausgerichtete Aktualitätsbezug.

Der Wilde Mann steht in den überlieferten Sagen und Märchen als einsiedlerische, unberechenbare und unzivilisierte Gestalt und diente oft als Projektionsfläche für die Ängste der Menschen in einer bestimmten Region. In dieser Form sind im Wild-Mann-Spiel vorchristliche, mythologische Elemente enthalten, die gepaart mit dem Waldbruder – der als christliches Element identifiziert werden kann – einem ursprünglichen Interpretationsansatz des Stückes entsprechen. Aus dieser Perspektive kann das Wild-Mann-Spiel als ein christlich-heilsgeschichtliches Theater gedeutet werden. Dabei steht die Verfolgung und Exekution des Wilden Mannes für den tugendhaften Sieg des Guten – der katholischen Kirche – über das Böse – den heidnischen, unkultivierten Wilden Mann.
Berücksichtigt man jedoch die Ausrichtung der jüngeren Theaterinszenierungen im Oberwallis, so wird deutlich, dass ein solcher Interpretationsansatz zu wenig weit geht. Zwar finden sich mit den Figuren im Stück die traditionellen Motive nach wie vor, doch bewirkt der starke Realitätsbezug, dass dem Wild-Mann-Spiel ein aktueller gesellschafts-, polit- und religions-kritischer Gehalt innewohnt.
Damit kann diese einzigartige Oberwalliser Theatertradition als Teil einer regelmässigen selbstkritischen Aufarbeitung des eigenen Sozialverhaltens im Dorfkollektiv verstanden werden. Mit dem jeweiligen Stück halten Autor, Regisseur und Schauspieler dem Dorf den Spiegel vor und reden der Dorfbevölkerung ins Gewissen. Der Wilde Mann dient dabei nicht nur als Projektionsfläche für die Laster des Dorfes, sondern – indem das Sündenbock-Motiv vor dem Publikum aufgedeckt wird – auch als Abschreckungsbeispiel für Verleumdungen. Dabei hat sich bei den letzten Aufführungen eine Öffnung des Bezugsrahmens abgezeichnet: Nicht mehr nur das Dorf steht im Fokus, sondern auch allgemeine regionale und überregionale Alltagsbezüge werden gesucht.

Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte des Wild-Mann-Spiels im Oberwallis

Der erste schriftliche Beleg für eine Theateraufführung des Wilden Mannes datiert aus dem Jahr 1485. Dabei organisierte die Gemeinde Raron anlässlich des Schauspiels einen Festakt, bei welchem die Dorfgemeinschaft im Anschluss an die Inszenierung bei Speis, Trank und Tanz gemütlich beisammen war. Mit dem festlichen Akt ist ein weiterer Aspekt benannt, der sich bis in die jüngste Vergangenheit erhalten hat.
Die Aufführung im Dorf kann damit einerseits als fastnächtlicher Brauch, als ein Stück Oberwalliser Kulturgeschichte und als gesellschaftskritisches Theaterstück angeschaut werden. Auf der anderen Seite handelt es sich aber auch um einen sozialen, selbstkritischen und reinigenden Akt, bei welchem die Einheit des Dorfes betont und sozial-politische Missstände aufgezeigt werden.
Dieses geistige Erbe und die damit verbundene Tradition sind einzigartig und haben sich bis zum heutigen Tag erhalten.
Insbesondere im 19. Jahrhundert folgten zahlreiche Aufführungen in verschiedenen Oberwalliser Gemeinden. So finden sich neben Baltschieder Belege für Bratsch, Eischoll, Erschmatt, Ferden, Gasenried, Goms, Herbriggen, Jeizinen, Naters, Niedergampel, Kippel, Leuk, Lötschen, Randa, Raron, Täsch, Törbel, Turtmann, Simplon, St. German, Visp und Zermatt. Dabei gilt es festzuhalten, dass von den Textvorlagen aus dem 19. Jahrhundert keine Überlieferungen mehr vorhanden sind. Das Engagement von bedeutsamen und bekannten Walliser Autoren zur Erstellung des Theatertexts hat jedoch dazu beigetragen, dass das Spiel im 20. Jahrhundert nicht nur sehr gut dokumentiert, sondern auch stärker im Bewusstsein der Oberwalliser Bevölkerung verankert wurde.

Referenzen

Quellen

  • Burlet, Eduard: Der wilde Mann. Volksstück das von altersher in Baltschieder aufgeführt wird. Handschriftliche Schülerarbeit, Brig 1929. In: Archiv des Geschichtsforschenden Vereins Oberwallis (AGVO) Brig: VS: T18.

Literatur

  • Kramer, Karl Sigismund: Rügebräuche. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, Stuttgart u.a. 1995, S. 1090f.
  • Margelist, Laura: Das Wild-Mann-Spiel im Oberwallis. Nicht veröffentlichte Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich, Zürich 2006. Signatur: Zentralbibliothek Zürich, Lic phil I 2006:114 1–3.
  • Margelist, Laura: Die Wild-Mann-Spiele im Oberwallis. In: Luigina Rubini Messerli/Alexander Schwarz (Hrsg.): Stimmen, Texte und Bilder zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit. Voix, textes et images du Moyen-Age à l'aube des temps modernes. Bern 2009(TAUSCH 17), S. 211–236.

Film

Bilder


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