Tschäggättä im Lötschental

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Zusammenfassung

Masken im "Maskenkeller" von Heinrich Rieder in Wiler. Foto Lötschentaler Museum; Hans Kalbermatten

Bei den Tschäggättä handelt es sich um Fastnachtsfiguren im Lötschental. Sie tragen Masken aus Arvenholz, Schaf- oder Ziegenfelle sowie Kuhschellen und treten jeweils zwischen dem 3. Februar (Tag nach Maria Lichtmess) und dem Gigisdienstag, dem Tag vor Aschermittwoch auf. Traditionellerweise setzten sie den Frauen und Kindern nach und rieben sie mit Schnee ein.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel, der das Lötschental ab den 1950er Jahren erfasst hat, bewirkte eine Umverteilung der rituellen Rollen. Indem es nun nicht mehr um das Anbahnen von Liebesbeziehungen ging, waren es nicht mehr allein ledige Jungmänner, die den Brauch ausübten. Vor allem das Aufkommen des Wintertourismus bewirkte überdies eine Kanalisierung des fastnächtlichen Treibens. Und unter Fell und Holzmaske verstecken sich nun auch verheiratete Männer sowie Frauen und Kinder.

Als Embleme des Lötschentals spielen die Tschäggättä heute sowohl national wie international auf der touristischen und medialen Bühne eine wichtige Rolle. Durch diese neue Funktion stellt sich insbesondere auch die Frage nach der Repräsentativität: Welches sind die Kriterien für eine „echte“ Tschäggätta? Was ist eine „typische“ Lötschentaler Maske? Die Antworten fallen unterschiedlich aus und führen bei Schnitzern und Maskenträgern zu Spannungen und Rivalitäten, was den Brauch neu belebt und seine Weitergabe an die nächste Generation sichert.

Maskenfiguren des Lötschentals

Bei den Tschäggättä handelt es sich um Fastnachtsfiguren im Lötschental. Sie tragen Masken aus Arvenholz, ein Schaf- oder Ziegenfell, das an der Taille von einem Schellenriemen zusammengehalten wird, sowie mit Jute verdeckte Bergschuhe und umgekehrte Wollhandschuhe. Ihren Auftritt haben sie zwischen dem 3. Februar (Tag nach Maria Lichtmess) und dem Gigisdienstag, dem Tag vor Aschermittwoch. In dieser Zeit kann man sie täglich sehen ausser am Sonntag. Traditionellerweise setzten sie den Frauen und Kindern nach und rieben sie mit Schnee ein.

Bis Ende der 1950er Jahre blieb diese fastnächtliche Erscheinungsform ausschliesslich ledigen Jungmännern vorbehalten. Der Brauch war Bestandteil einer klar in männliche und weibliche Sphären geteilten Gesellschaft und diente nicht zuletzt der Anbahnung von Liebesbeziehungen. Als ritualisierte Geschlechterbeziehung trug er zur gesellschaftlichen Reproduktion bei und war ein Fixpunkt innerhalb eines von den Jahreszeiten bestimmten bäuerlichen Systems.


Wirtschaftlicher Wandel und Brauchneuerung

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel, der das Lötschental ab den 1950er Jahren erfasst, bewirkt eine Umverteilung und Veränderung dieser rituellen Rollen. Ein Grossteil der Jungen verlässt das Tal, um in den Zentren des Rhonetals oder des Berner Oberlands eine Ausbildung zu absolvieren oder um auf dem Bau, in der Industrie oder im Handel zu arbeiten. Die Ausübung des Tschäggättä-Brauchs ist ihnen deshalb nur mehr abends oder am Wochenende möglich.

Zudem verlangt das Aufkommen des Wintertourismus von den Brauchträgern eine Verhaltensänderung. Verträgt sich doch die frühere Brutalität der Tschäggättä schlecht mit dem neuen touristischen Umfeld. So tritt beispielsweise an die Stelle von Russ, mit dem die Opfer der Tschäggättä bis in die 1950er Jahre eingerieben wurden, Schnee. Und um den Brauch besser ins touristische Angebot zu integrieren, kanalisieren ihn die Talbehörden durch neue Auftrittsformen. So organisiert der Pfarrer von Wiler 1966 den ersten Fastnachtsumzug im Lötschental. Seither findet dieser jeweils am Samstagnachmittag nach dem fetten Donnerstag statt und endet mit einem Wettbewerb der schönsten Tschäggättä. Und unter Fell und Holzmaske verstecken sich nun auch verheiratete Männer sowie Frauen und Kinder.

Nachtumzug, Blatten, 2004. Foto Lothar Berchtold; Walliser Bote

Von der fastnächtlichen Revolte zum touristischen Event

Die zunehmende Tendenz zur Eingrenzung und Kontrolle provoziert den Widerstand der Jungen, die in den behördlichen Massnahmen eine Bedrohung ihres Brauchs sehen. So veranstalten zu Beginn der 1980er Jahre als Tschäggättä verkleidete Burschen am Abend des fetten Donnerstag einen nächtlichen Maskenlauf durchs ganze Tal von Blatten nach Ferden, um gegen das Nachtverbot des Tschäggättens zu protestieren. Aus dem Protestlauf wird schon bald ein publikumswirksames Fastnachtsereignis, das heute von den Behörden und vom Tourismus gefördert wird und das seit Jahren den Höhepunkt der Lötschentaler Fastnacht darstellt.


Wissenschaftliche Erklärungen als Ursprungslegende

Durch den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel entfernt sich der Brauch von seiner ursprünglichen Bedeutung. Gleichzeitig beginnt er auf der nationalen und internationalen Bühne von Tourismus und Medien eine neue Rolle zu spielen. Als Inbegriff des Typischen und Unverwechselbaren kommt den Tschäggättä heute auf einem globalisierten Markt mit seinem Bedarf nach Regionalität eine zentrale Stellung zu.

Seit der „Entdeckung“ der Tschäggättä durch städtische Eliten am Ende des 19. Jahrhunderts weckt dieser Fastnachtsbrauch die Neugier von Alpinisten, Ethnologen, Künstlern und Touristen. Durch Ausstellungen, Museen und Medien werden die Masken zudem auch relativ früh ausserhalb des Tals bekannt. Dieses Interesse von aussen entwickelt eine Dynamik, die ihre Wirkung auch auf die Brauchträger selber – also die Schnitzer und Träger der Masken – ausübt. Das Wechselspiel zwischen Fremdbild und Selbstbild führt zu formalen Veränderungen und zu einer bestimmten Typologie der Lötschentaler Holzmaske.

Als einer der ersten erwirbt der Basler Ethnologe Leopold Rütimeyer 1905 für das Völkerkundemuseum in Basel Lötschentaler Masken. Auf die Tschäggättä aufmerksam geworden ist er 1898 durch Masken im Landesmuseum in Zürich, die der Zürcher Agronom Friedrich Gottlieb Stebler aus dem Lötschental mitgebracht hatte. Rütimeyer steht am Anfang einer langen Reihe von Wissenschaftlern, die mit ihren Theorien den Einheimischen quasi den Stoff für die Ursprungslegende der Tschäggättä und damit auch die Antworten auf die Fragen von Ethnologen, Journalisten und Touristen liefern.

Zur Erklärung der Eigenart der Masken gegenüber andern Objekten der „Schweizer Volkskunst“ greift Rütimeyer auf das Konzept der Überbleibsel aus früheren Epochen zurück, wie es vom englischen Anthropologen Edward Tylor 1871 entwickelt worden war. Demnach würde es sich bei den Tschäggättä um archaische Relikte einer prähistorischen Urgesellschaft handeln. Diese Urgesellschaft des homo alpinus wurde vom Genfer Anthropologen Eugène Pittard anhand von Schädelvermessungen definiert und von den Forschern in die alpinen Seitentäler von Graubünden, Tessin und Wallis verortet. Als Beleg dient dabei Rütimeyer eine Volkssage, die er 1905 in Blatten im Lötschental aufzeichnet. In dieser Erzählung der Schurten Diebe geht es um Leute, die in früherer Zeit auf der Schattenseite des Tals wohnten und sich mit Masken und Tierfellen verkleideten, um auf ihren nächtlichen Beutezügen die Dörfer auf der gegenüber liegenden Sonnenseite auszuplündern.

Prior Johann Siegen (1886-1982), als langjähriger Pfarrer von Kippel (1914-1974) und als Lokalhistoriker eine unbestrittene Autorität im Tal, stand mit Rütimeyer in engem Kontakt und machte dessen Theorien durch Artikel und Vorträge populär. In der Folge wurden die Tschäggättä zu den Nachkommen der maskierten Diebe aus der Sage erklärt.

Die erwähnten archaischen Zuschreibungen machten die Lötschentaler Holzmasken in der Schweiz der 1930er Jahre zum Inbegriff des Echten und Eigenen; Eigenschaften, die im Zuge der „geistigen Landesverteidigung“ nicht zuletzt im alpinen Brauchtum dingfest gemacht wurden. So waren 1939 sowohl an der schweizerischen Landesausstellung in Zürich wie auch an der Weltausstellung in New York Masken aus dem Lötschental zu sehen.

Diese Aura des Archaischen erhielt 1975 im Buch Lötschental secret des Walliser Schriftstellers Maurice Chappaz eine zusätzliche Weihe. Und durch die Übersetzung des Buchs durch den Oberwalliser Schriftsteller Pierre Imhasly 1979 (Die wilde Würde einer verlorenen Talschaft) wurde Chappaz’ Sichtweise auch unter der Talbevölkerung zum Allgemeingut.

Parallel zur Archaisierung der Masken erfolgte deren Exotisierung: Indem man sie in Bezug setzte zu Masken aus Afrika oder Ozeanien, ordnete man sie der Kategorie der „primitiven Kunst“ zu. So bemalte der in Kippel wohnhafte Berner Maler Albert Nyfeler in den 1920er Jahren Masken, die von jungen Einheimischen geschnitzt wurden, mit lebhaften Farben, wobei er sich unter anderem an afrikanischen und ozeanischen Vorbildern inspirierte, wie er sie in Büchern vorfand.

Die Herstellung des Authentischen und der Aufbruch zu Neuem

Der Blick von aussen schlug sich im Laufe der Jahre in Aussehen und Verhalten der Tschäggättä nieder. Er beeinflusste aber auch die Sichtweise der Einheimischen auf die Maskenfiguren. So entwickelte sich in der Wechselwirkung zwischen Fremd- und Selbstbild eine Typik heraus, die nicht zuletzt den Erwartungen von Ethnologen, Museen und Touristen und in der Folge auch des überregionalen Marktes zu entsprechen trachtete. Ein Resultat dieses Prozesses ist die sogenannte Souvenirlarve, deren Produktion zwischen 1950 und 1970 für etliche Lötschentaler Familien zur Existenzgrundlage wurde. (Die serienmässig hergestellten und für den touristischen Markt bestimmten Wandmasken sind hinten nicht ausgehöhlt und werden meist nur mit dem Bunsenbrenner geschwärzt. Ihr fratzenhafter Gesichtsaudruck erinnert gemeinhin an Hexenfiguren.) Ab den 1970er Jahren erfährt der Markt der Souvenirmasken eine gewisse Sättigung.

Trotzdem nimmt ab den 1990er Jahren die Zahl der Maskenschnitzer eher zu. Doch stellen diese nun vermehrt wieder Tragmasken her und gehen auch formal neue Wege. Dabei entwickelt jeder Schnitzer seinen eigenen Stil und unterstreicht seine Eigenständigkeit durch das Anbringen seines Zeichens im Innern der Maske. Mehrere Schnitzer führen auch ein Verzeichnis ihrer Masken. Heute gibt es im Lötschental an die 30 Schnitzer, die nicht selten untereinander in einer verwandtschaftlichen Beziehung stehen. Die öffentliche Szene bestimmen allerdings nur einzelne wenige, die ein Geschäft führen oder in den Medien auftreten; was die andern nicht daran hindert, sich an jener Diskussion zu beteiligen, die alle bewegt: Was ist eine richtige Lötschentaler Tschäggätta? Welches sind die Kriterien für eine gute Maske? Wie hat sich eine Tschäggätta zu kleiden und zu verhalten?

Der klischeebehafteten Bilderflut zum Trotz zeichnet sich das Lötschentaler Maskenwesen heute durch eine erstaunliche Dynamik aus. Ja, für die Hersteller und Träger der Masken werden die stereotypen Publikumserwartungen geradezu zur Heraus- und Aufforderung, die Tradition kreativ weiterzuentwickeln.

Wer bestimmt das Bild des Lötschentals?

Dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ist es denn auch, das den Hintergrund bildet für die Auseinandersetzung über das, was als echte Lötschentaler Tschäggätta zu gelten hat. Zwischen den Bedürfnissen eines nach „Authentizität“ rufenden Tourismus einerseits und der Kreativität der jungen Brauchträger, die sich an der Fantasiewelt von Horrorfilm, Comic, Science Fiction und Heavy Metal orientieren, anderseits öffnet sich dabei ein weites Feld. Diese Auseinandersetzung ist gleichzeitig Ausdruck eines Willens der Einheimischen, die Kontrolle über das Bild ihres Brauchs bei sich zu behalten und die Inszenierung der Masken selber zu bestimmen. Dies zeigt sich etwa an Filmen, die von Maskenschnitzern selbst gedreht werden, an persönlichen Brauchdeutungen, die sich an Büchern und ethnologischen Arbeiten orientieren, oder am Aufbau von eigenen Maskensammlungen. Dieser Wille, den Brauch zu kontrollieren, manifestiert sich aber auch in internen Konflikten, etwa zwischen Familien und Generationen. Welches sind die Kriterien für eine „echte“ Tschäggätta? Was ist eine „typische“ Lötschentaler Maske? Die Antworten fallen unterschiedlich aus und führen bei Schnitzern und Maskenträgern zu Spannungen und Rivalitäten, die den Brauch neu beleben, seine Weitergabe sichern und ihn zu einer „lebendigen Tradition“ machen.

Referenzen

1. Lötschentaler Museum (Rubriken "Sammlung" und "Braucharchiv")

2. Masken und Fasnacht im Lötschental et Maskenkeller Wiler

3. Karl Meuli. Schweizer Masken, Atlantis, Zürich 1943.

4. Maurice Chappaz. Lötschental secret. Les photographies historiques d’Albert Nyfeler, Editions 24 heures, Lausanne 1975.

5. Marcus Seeberger. Menschen und Masken im Lötschental, Rotten-Verlag, Brig 1974.

6. Suzanne Chappaz Wirthner. Les masques du Lötschental. Présentation et discussion des sources relatives aux masques du Lötschental, Annales valaisannes 49/1974, p.3-95.

7. Suzanne Chappaz Wirthner. Les masques du Lötschental. Présentation et discussion des sources relatives aux masques du Lötschental, Annales valaisannes 49/1974, p.3-95.

8. Werner Bellwald. Zur Konstruktion von Heimat. Die Entdeckung lokaler “Volkskultur” und ihr Aufstieg in die nationale Symbolkultur. Die Beispiele Hérens und Lötschen (Schweiz), Walliser Kantonsmuseen, Ethnologische Reihe 5, Sitten 1997.

9. Suzanne Chappaz Wirthner et Grégoire Mayor. Les Tschäggättä en scène : débats sur l’esthétique du masque parmi les sculpteurs du Lötschental, ethnographiques.org 18/2009 .


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