Unsere Flora bewahren

Aus Wikiwallis

Wechseln zu: Navigation, Suche

Unsere Flora schützen und bewahren scheint auf den ersten Blick weder lebenswichtig noch wirtschaftlich relevant. Doch stellen die Wildpflanzen einen unermesslichen genetischen Reichtum dar, den wir nutzen können; für Kreuzungen, um kultivierte Arten zu verbessern, für medizinische Versuche, um neue Substanzen zu gewinnen oder Extrakte zu liefern für schwierig zu synthetisierende Stoffe. Lassen wir auch die qualitative und ästhetische Seite unserer Umwelt nicht aus den Augen. Eine vielfältige Flora bedeutet für uns Menschen echte Lebensqualität. Dort, wo Arten verschwinden, verlieren wir mit ihnen einmalige Landschaften und damit verschlechtern sich unsere Lebensbedingungen. Der Kontakt mit der Natur und der Pflanzenwelt in ihrer ganzen Vielfalt beflügelt die Phantasie unserer Kinder, fördert unsere Kreativität, inspiriert die Künstler und weckt tiefes Empfinden, welches der Alltag nur zu oft verschüttet. Welcher Städter träumte nicht von einer Flucht aufs Land ? Welcher Bewohner der Rhoneebene freute sich nicht, einige Tage auf einer Maiensäss zu verbringen? Eigentlich sollte man bemüht sein, auch unseren täglichen Lebensraum in der Stadt und der Ebene umweltfreundlicher zu gestalten: Wanderwege ausbauen, Bäume pflanzen, mehr Grünflächen anlegen, den Wildpflanzen vermehrt Gelegenheit geben, sich in bewohnten Gebieten einzunisten. Die Pflanzen erzählen die Geschichte der Vegetation, der Landwirtschaft und der Völker. Sie rufen uns die Klimaänderungen und das Wunder "Leben" in Erinnerung. Sie sind in dieser Beziehung ein lebendes Museum. Ein Museum macht man nicht kaputt !

Gewiss, das Wallis besitzt noch weite, natürliche Landschaften Berge und Wälder - die seine besondere touristische Attraktivität ausmachen. Aber in der Ebene, an den Sonnenhalden, wo bleibt da die Natur? Da wo die grosse Mehrzahl der Menschen unseres Kantons lebt ? Beinahe nichts. Wie schade, denn eben hier leben eine Flora und Fauna, die in der Höhe unbekannt sind und Arten enthalten, die nur mehr in unserem Kanton vorkommen. Seit Anfang unseres Jahrhunderts hat das Wallis sage und schreibe 91 Pflanzenarten verloren ! Durchschnittlich eine pro Jahr. Die meisten befanden sich eben in der Ebene und an den Sonnenhalden. Und wieviel weitere Seltenheiten vegetieren auf ganz engem, bedrohtem Raum ! Eine geringfügige Veränderung ihrer Umwelt, weitere Ablagerung von Müll, die Begradigung einer Strasse oder eines Flusses und schon war's aus! Betrachten wir genauer die Gründe dieser besorgniserregenden Entwicklung und die verschiedenen Möglichkeiten, dieser entgegen zu wirken.

Seltenheitsgrad der Pflanzen

Tabelle 4 stellt für die Walliser Flora zu Beginn der achtziger Jahre eine Bestandesaufnahme dar. Die seltenen Pflanzen verteilen sich auf folgende Gruppen:

- die erloschenen Arten, die in letzter Zeit nicht mehr beobachtet wurden: Sumpf-Gladiole, Sibirische Schwertlilie, Didiers Tulpe, Saumnarbe...

- sehr gefährdete Arten, mit nur wenigen Beständen am Rande der Ausrottung: Wasserschierling, Sumpf-Orchis, Kleiner Rohrkolben, Grasblättriger Hahnenfuss, Scharlachroter Adonis, Grengjer Tulpe...

- gefährdete Arten, deren Bestände gefährlich schwinden, falls keine Schutzmassnahmen ergriffen werden: Ohnsporn, Grosser Wasserhahnenfuss, Wanzen-Orchis, Herbst-Wendelähre, FelsenGelbstern, Sonnenwende, Weinberg-Tulpe...

- lokalisierte Arten, deren Bestände zwar zusammengeschrumpft, an eng begrenzten Standorten jedoch stabil sind: Schnee-Edelraute, Gletscher-Edelraute, Arktischer Knöllchen-Steinbrech, Keltischer Baldrian, Affodill, Kleine Kronwicke, Blasse Orchis, Frühlings-Adonis, Südalpine Tulpe, Meerträubchen...

- Attraktive, wegen ihrer Schönheit oder Heilkraft begehrte, in noch recht bedeutenden Beständen vorkommende, jedoch lokal durch Sammeln oder Ausgraben bedrohte Arten: Echte Edelraute, Schwarze Edelraute, Alpen-Mannstreu, Feuerlilie, Türkenbund, Gewöhnliches Zyklamen, Hirschzunge, Perückenstrauch...

Tab. 4 - Die verschiedenen natürlichen Lebensräume im Wallis und die Zahl der in ihnen noch vorkommenden seltenen Arten (nach Werner, Bressoud und Delarze 1983)

Aufteilung nach Lebensräumen

Abb. 113 - Affodill, lokalisierte Art in hochgelegenen Trockenrasen (hier im Vallon de l'Ertentse, Gegend von Montana).

Tabelle 4 zeigt, wie die Artenzahl von Standort zu Standort stark schwankt. Die Kulturen und die Feuchtgebiete weisen am meisten erloschene oder gefährdete Arten auf. Anderseits zeichnen sich Steppen und Berge durch die Zahl streng lokalisierter Pflanzen aus. Betrachten wir die Lage in jedem Lebensraum.

Die Steppen sind die trockensten Lebensräume im Kanton und die reichsten an lokalisierten Arten. Die Zahl der gefährdeten und sehr gefährdeten Arten ist ziemlich hoch. Die Steppen nehmen nur noch kleine, schwer zugängliche, felsige und praktisch unproduktive Flächen ein. Und doch versucht man sie zu bewässern und um jeden Preis in Rebberge zu verwandeln, mit entsprechenden Folgen für Flora, Landschaft, Reiz und Ansehen unserer Gegend. Dabei sollten solche Biotope unser aller Stolz sein !

Die Trockenrasen ziehen Nutzen aus den klimatischen Besonderheiten des Kantons. Sie bedecken noch weite Flächen und wenige Pflanzen sind aus diesen Lebensräumen verschwunden. Hingegen ist die Zahl der gefährdeten und sehr gefährdeten Arten hoch. In einigen Fällen gehen die Probleme auf die Aufgabe der Mahd und des Unterhaltes zurück, was Verbuschung zur Folge hat. Anderswo ist es gerade umgekehrt: intensive Düngung und Bewässerung, Gewinnung von Grünfutter, Überbeweidung bewirken eine Verarmung der Flora. Durch Verordnungen (Anhang I) versucht die Eidgenossenschaft in schwierig zu bebauenden Gebieten, die Rückkehr zu einem biologischen Gleichgewicht zu begünstigen.

Die Kulturen werden von einer reichen, schönen Flora spezialisierter Wildblumen begleitet, die unter schwerster Bedrohung steht: 38 Arten sind erloschen, 31 sehr gefährdet, 28 gefährdet. Diese Rekordzahlen widerspiegeln die heutige Tendenz: Intensivierung der Kulturen hier, Vernachlässigung oder Aufgabe dort. Es ist höchste Zeit, dass man sich in Feld, Rebberg und Garten zu einem überlegteren und gemässigteren Einsatz von Düngern und Schädlingsbekämpfungsmitteln durchringt. Stellt die Vielfalt unserer Flora tatsächlich eine echte Lebensqualität dar, wird unsere Lage besorgniserregend, geht es ja schliesslich um unser aller Ernährung. Dank seinem rrockenen Klima und seiner zahlreichen Brachflächen wäre das Wallis für den Ausbau biologischer Kulturen - des Wintergetreides, zum Beispiel - sehr geeignet. Die farbenfrohe Flora der Äcker bekäme dadurch einige Überlebenschancen. Gewisse Böden bergen noch die Samen wertvoller Pflanzen, die nur auf günstige Umstände warten, um zu keimen.

Man weiss, dass man 5% der angebauten Fläche der natürlichen Vegetation überlassen müsste, um Flora und Fauna im Kulturland eine echte Überlebenschance zu geben. Diesen unschätzbaren Reichtümern aus freier Einsicht den gebührenden Platz einzuräumen, ist Sache jedes einzelnen: Grundbesitzer, Landwirte, Private, Gemeindeund Kantonsbehörden. Es lohnt sich, darüber nachzudenken: dieses Ziel muss nach und nach verwirklicht werden, ohne offizielle Richtlinien und Verbote abzuwarten. Öffentliche und private Naturschutzkreise können finanzielle Unterstützung gewähren.

Abb. 114 - Kleiner Rohrkolben, eine Pionierpflanze der Feuchtgebiete. Gedeiht nur mehr an zwei oder drei Orten in der Rhoneebene (hier im Pfynwald).

Die Felsen und Schutthalden werden durch Pionierarten kolonisiert, welche oft lokal auftreten, weil sie die Konkurrenz anderer Pflanzen nicht ertragen. In den Bergen ist das Fortkommen dieser Arten nicht gefährdet, da ihnen weite Flächen zur Verfügung stehen, wohl aber an den Sonnenhalden, mit dem zunehmenden Ausbau der Kiesgruben und Steinbrüche, sowie der ständigen Ausdehnung der Reben.

Die Wälder stellen in den Bergen noch riesige, naturbelassene Räume dar. Verglichen mit anderen Lebensräumen ist die Zahl der dort erloschenen oder gefährdeten Arten gering. In den Niederungen und an den unteren Halden hingegen isr dem nicht so: die seltenen Arten konzentrieren sich auf die Auenwälder, die Linden- und Eichenbestände und gewisse Föhrenwälder, die in einer durch Intensivkulturen und Bautätigkeit völlig veränderten Welt für Flora und Fauna letzte Zufluchtsstätten bedeuten. Diese Inselchen sollten nicht noch mehr zusammenschrumpfen. Ganz im Gegenteil, man sollte daran gehen, diese Horte zu vergrössern, ja, neue zu schaffen, sollte diese durch Windhecken verbinden, die natürliche Vegetation an den Flussufern belassen, längs den Strassen und Kanälen Bäume pflanzen. Weg von den exotischen Arten in Parken und Gärten! Zurück zu einheimischen, der jeweiligen Umgebung angepassten Sträuchern und Bäumen. Dies gilt für die öffentliche Hand ebenso wie für private Grund-, Haus- und Gartenbesitzer. Die Abbildungen und Beschreibungen im Text dieses Buches, wie auch die eingehende Beobachtung der natürlichen Pflanzenwelt, sollten dem Leser helfen, die Wahl der geeignetsten Arten richtig zu treffen.

Die Berge, wir verstehen darunter die nivale, alpine und subalpine Stufe im weitesten Sinne, sind die ausgedehntesten und besterhaltenen natürlichen Räume im Kanron. Erloschene oder gefährdete Arten sind demnach wenig zahlreich. Alpenpflanzen ertragen tiefe Temperaturen. Die meisten überlebten folglich die Eiszeiten, welche deren Verbreitungsgebiet einschränkten, zerstückelten und umgestalteten, was die Zahl der lokalisierten endemischen oder Relikt-Arten vervielfachte. Es ist wichtig, die Standorte der seltensten Arten zu kennen, da diese durch den Ausbau von Wintersportanlagen und anderer Infrastrukturen stets bedroht sind. Die grossen Stauseen überfluteten die meisten Alpenflüsse, ihre Schleifen, Sand- und Schotterbänke samt ihrer spezialisierten Flora. Es ist notwendig, einige unberührte Hochalpenräler als Zeugen natürlicher Lebensräume zu retten.

Die Feuchtgebiete im Kanton befinden sich in besorgniserregendem Zustand: in den letzten Jahrzehnten starben 38 Arten aus; 15 sind gefährdet, 12 sehr gefährdet. Alle diese Pflanzen wurden oder sind die Opfer menschlicher Raffgier und der Manie, alles "schön sauber" zu putzen. Man drainiert munter drauflos und überdeckt allerletzte Biotope mit Deponien und Bauschutt. Nicht genug damit! Die geringfügigste Veränderung im Wasserhaushalt beeinträchtigt die Pflanzenwelt aufs tiefgreifendste. Unsere letzten Feuchtgebiete wieder instandzustellen, genügt keineswegs. Das Ausgraben neuer Weiher, auf öffentlicher oder privater Basis, sollte gefördert werden, wobei die Versorgung mit Wasser auf lange Zeit gesichert sein muss. Sanft abfallende Ufer könnten Pflanzen, deren Samen im Boden überlebt haben, die Möglichkeit geben, wieder aufzutauchen. Die Kanäle der Ebene könnten, würde man sie nicht zu stinkenden Abwässern degradieren und ihre Borde mit sturer Verbissenheit immer wieder kahlmähen, interessanten Pflanzen Raum gewähren. Was die Pionierpflanzen betrifft, so benötigen sie natürlich fliessende Flussläufe mit weiten Uferflächen, welche das Hochwasser immer wieder überschwemmt und neu gestaltet.

Die Flora kennen, um sie besser zu bewahren

Abb. 115 - Den Grasblättrigen Hahnenfuss kennenlernen... um ihn an seinem letzten Standort in der Schweiz, Saint-Léonard, besser zu schützen. Zu Beginn der achtziger Jahre verschwand er in Ardon, ein Opfer des intensiven Rebbaus.

Eine kantonale Verordnung aus dem Jahre 1963 untersagt, mit Ausnahme der häufigsten Arten, das "massenweise Pflücken und Ausgraben von Wildpflanzen". "Massenweise" heisst mehr als ein Dutzend. Zudem ist das Pflücken folgender Pflanzen bedingungslos untersagt: Frühlings-Adonis, Frauenschuh, Alpen-Akelei, Jupiternelke, Kranzrade, Grasblättriger Hahnenfuss; hinzu kommen alle Ophrys. Das Bundesgesetz vervollständigt diese Liste, doch werden nicht alle seltenen Arten erwähnt (Siehe Anhang I und II).

Seien wir jedoch ehrlich! Die allseitige Bedrohung, die auf Natur und Pflanzenwelt lastet, rührt nicht mehr so sehr vom unüberlegten Pflücken und Ausgraben der Pflanzen her; sie kommt vielmehr von der Zerstörung unseres natürlichen Lebensraumes oder dessen tiefgreifenden Veränderung und Zerstückelung durch Bautätigkeit jeder Art, durch intensiv betriebene Landwirtschaft, durch die Verschmutzung des Wassers und in letzter Zeit auch der Luft...

Dem Fachmann obliegen Verpflichtung und Aufgabe, die Standorte seltener Pflanzen zu signalisieren und Vorkehren zu deren Erhaltung zu veranlassen, um auf diese Weise die Schäden in Grenzen zu halten. Den Wert eines naturnahen Biotops hingegen vermag jedermann zu erkennen, wie auch seiner Gemeinde Massnahmen zum Schutze der Natur, zur Errichtung neuer Lebensräume und deren naturgemässer Bepflanzung zu unterbreiten. Noch besser, allerdings, wäre, selber Hand anzulegen. Sollten diese Zeilen verantwortungsbewussten Lesern einen Denkanstoss bedeuten, hätten sie ihren Zweck erfüllt.

Die Walliser Flora entdecken, heisst, Landschaften und natürliche Schönheiten unserer Heimat besser zu schätzen, zu schützen und zu bewahren.



Persönliche Werkzeuge