Vergletscherungen im Pleistozän
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Geschichtliches
Ignaz Venetz, der weltweit wohl bekannteste Forscher aus dem Wallis, begründete die Theorie der Vergletscherung.
Die geologische Erforschung Europas hatte in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts begonnen. H. B. de Saussure war, wie viele seiner Zeitgenossen, auf ein Problem gestossen, das zwar sehr faszinierend, aber dessen Lösung nicht besonders wichtig war. Es betraf die Frage, auf welche Weise erratische Blöcke (Fig. 69) aus Mont-Blanc- Granit bis in den Jura gelangt waren. Das Mysterium der Sintflut, damals noch als wissenschaftliche Wahrheit aufgefasst, hatte zu mehreren, allerdings unbefriedigenden Erklärungen geführt.
Zu jener Zeit, zu Beginn des XIX. Jahrhunderts, stiessen die alpinen Gletscher in mehreren Tälern, grosse Schäden verursachend, vor (Fig. 70, Tafel XVIII). Bauten und Installationen, wie Brücken, Wege, Wasserfassungen und -leitungen wurden gefährdet, ja sogar vernichtet. Wahrscheinlich haben viele Bewohner der Alpentäler, Zeitgenossen und Zeugen der Gletschervorstösse, die alten Spuren der Gletscher weit unten in den Tälern bemerkt. Doch nur ein einziger Fall ist uns, dank Ignaz Venetz (Fig. 71), überliefert. Es lohnt sich die Geschichte nachzuzeichnen, weil sie zeigt, dass es nicht genügt gute Ideen zu haben, sondern man muss sie auch so bekannt machen, dass die wissenschaftliche Fachwelt davon überzeugt wird.
Ignaz Venetz (1788-1859) war ein intelligenter Sohn einer Familie aus dem Saas-Tal, der alle Schulen und ein Ingenieurstudium erfolgreich bestand. Er wurde zum Staatsingenieur ernannt, schon im napoleonischen Departement Simplon und anschliessend im schweizerischen Kanton Wallis. Zu jener Zeit waren die Behörden, wegen den durch die vorstossenden Gletscher verursachten Verwüstungen, sehr beunruhigt und eröffneten deshalb einen Wettbewerb zum Studium der Gletschervorstösse. Venetz gewann mit seiner Arbeit darüber, die ihm Dank seines Postens und Talentes ausgezeichnet gelang, im Jahre 1821 den hohen Preis von Fr. 300.-. Im Jahre 1818 hatte der Gletscher von Giétroz das Bagnes-Tal, etwa auf der Höhe der heutigen Staumauer von Mauvoisin, gesperrt. Venetz erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Wassermassen, bei einem Bruch des Gletscherdammes, die unterliegenden Dörfer so wenig als möglich beschädigen würden. Für seine Studien am natürlichen Stausee und der Vorgänge im Eis, nahm Venetz Wohnsitz bei Jean-Pierre Perraudin, in Lourtier (Fig.72). Gemeinsam durchstreiften sie das Tal und der Bergbauer zeigte dem Ingenieur Spuren von Gletschern, die einst, wie Perraudin meinte, bis nach Martigny hinunter vorgestossen waren: Gletscherschliffe auf den Felsen, erratische Blöcke, alte Moränenwälle.
Venetz liess sich überzeugen und begann die Hypothese von Perraudin systematisch auszubauen. Daraus entstand die Wettbewerbsschrift von 1821. Anschliessend setzte Venetz seine Beobachtungen im Gelände und seine theoretischen Überlegungen dazu fort. Sie umfassten schliesslich den ganzen Alpenraum und Gebiete am Jura.1829, anlässlich einer Jahresversammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft auf dem Grossen Sankt Bernhard, trug Venetz das Resultat seiner Studien den Naturwissenschaftern vor. Doch welch ein Reinfall ! Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, bis zu welchem Grad die neue Gletschertheorie einfach ein Skandal war, zu einer Zeit, da man bei uns noch nichts wusste über die grossen Gletscher Grönlands und der Antarktis, und zudem die Idee von der Sintflut die Wissenschaft noch beeinflusste. Ferner kam dazu, dass Venetz ja nur ein Beamter war, der selbst als Staatsingenieur gegenüber den skeptischen Naturforschern gar kein Gewicht hatte. Zu seinem grossen Glück war er mit Jean de Charpentier, dem Direktor der Salzmine von Bex und anerkannten Gelehrten, eng befreundet. De Charpentier war überzeugt, dass Venetz Ansichten richtig seien und veröffentlichte 1841 ein Essai sur les Glaciers, eine erste Abhandlung über quartäre Gletscherkunde. So verhalf Charpentier der Theorie von Venetz zum Durchbruch. Venetz selbst hätte, durch den Broterwerb gebunden, niemals Zeit zum Publizieren gefunden. Alles, was er je schrieb, veröffentlichten Freunde nach seinem Tode.
Die Eiszeiten
Das Wallis ist, wie fast jedes Bergtal, schlecht geeignet, um die Folge der Eiszeiten zu ergründen. Die Wassererosion wirkt an den steilen Hängen derart stark und rasch, dass Moränen nach Kurzem abgetragen werden (Fig. 73 und 74). Man muss die Lösung der Probleme am Rand der einstigen Gletscher suchen, im Unterlauf der Täler, da wo die Sedimente sich anhäuften. In den Kiesbänken der Flussterrassen, im Rhonetal unterhalb Lyon, ist die komplexe Geschichte der Eiszeiten aufgezeichnet. Mehrere Kaltzeiten wurden von Warmzeiten, deren Klima oft milder war als unser heutiges, unterbrochen. Wiederum sind es die in den Schottern eingeschlossenen Pollen, mit denen sich eine zeitliche Ordnung erstellen lässt.
Trotz äusserst sorgfältiger Untersuchungen mit Hilfe hochentwickelter Methoden, trotz den Bemühungen der Archäologen und vieler anderer, die mehr wissen wollen über die Entwicklung von Fauna und Flora, weiss man heute immer noch nicht genau, wieviele Eiszeiten es in den letzten zwei Millionen Jahren gab. Im Wallis findet man dazu keine Antwort, weil Gletscher und Schmelzwässer nach und nach das Relief geschaffen haben, auf dem nur die Moränen der letzten Gletschervorstösse liegen blieben.
Bei uns sind die ältesten Moränen etwa 20'000 bis 25'000 Jahre alt und stammen aus der Würmeiszeit, so benannt nach einem österreichischen Fluss. Aus den Alpen vorstossend, überzog das Eis das Mittelland, floss bis zum Jura und teilte sich, dort anstossend, in zwei Arme. Der nach Südwesten gerichtete überschritt unterhalb Genf den Jura und gelangte bis Lyon. Der nordöstliche Gletscherarm folgte dem Jurafuss bis Wangen an der Aare (Fig. 75). Das Wallis war vom Eis völlig überdeckt bis auf 2500 m ü. M. und nur die höheren Gipfel stachen aus dem Eis hervor.
Der Rückzug der Gletscher
Der Rückzug der Gletscher fand,mit einigen Schwankungen,in einer Späteiszeit statt. Der Eisstrom im französischen Rhonetal zog sich schrittweise zurück und kam bei Genf zu einem längeren Stillstand. Im Walliser Haupttal dagegen scheint das Eis recht schnell und frühzeitig verschwunden zu sein. Das führte zu katastrophalen Ungleichgewichten in den steilen Talhängen. Bis dahin hatte das Eis sie gestützt, und nun waren sie plötzlich entblösst und ohne Halt, zum Teil sogar überhängend. Das waren ideale Voraussetzungen für allerhand Geländebewegungen, wie Rutschungen, Sackungen und Bergstürze. Der eindrücklichste Bergsturz ist derjenige aus den Hängen oberhalb Salgesch, der das Rhonetal querte und völlig absperrte. Davon blieben die Hügel von Siders und des Pfynwaldes zurück.
Der rasche Gletscherschwund, von dem zahlreiche Moränen und erratische Blöcke zeugen (Fig. 76), war allerdings nicht der endgültige. Spuren von des Gletschers Wiederkehr sind in der gleichen Gegend zu finden. Ein Gletscher rückte aus dem Val d'Anniviers ins Rhonetal vor, hobelte die Bergsturzhügel teilweise ab und bedeckte sie mit seinen Moränen, wie das der Hügel von Géronde sehr schön zeigt. Sicher kamen auch aus anderen Nebentälern wieder Gletscher bis ins Haupttal, aber ihre Moränen wurden von der Rhone fortgeschwemmt, weil sie nicht geschützt auf Hügeln lagen (Fig. 77).
In allen Seitentälern trifft man auf mehrere grosse Moränen, die beweisen, dass infolge wiederholter Kaltzeiten die lokalen Gletscher immer wieder erneut wachsen konnten. Beispiele kennt man aus der Gegend von Stalden, von oberhalb Visp, bei La Luette im Val d'Hérens. Diese Gletscherbewegungen ereigneten sich vor mehr als 13'000 Jahren BP, weil damals eine Warmzeit begann, die bis 11'000 BP dauerte.
In jener Warmzeit waren die klimatischen Bedingungen so, dass sich die Gletscher ins Hochgebirge zurückzogen. Menschen siedelten sich an den Ufern des Neuenburgersees an, während die Ufer des Genfersees eben erst eisfrei wurden, nachdem die mächtige Masse toten Eises in der Mulde des Sees geschmolzen war.Aber die Erwärmung wurde nochmals unterbrochen. Ähnlich wie im Frühling die Eisheiligen hereinbrechen, stiessen die Gletscher von 11'000-10'000 BP wieder vor und leiteten damit die Endphase des Pleistozäns ein. Die Moränen dieses letzten Vorstosses sind lokal in erstaunlicher Frische erhalten, so zum Beispiel bei Praz-de-Fort im Val Ferret oder bei Simplon-Dorf. Obwohl sie andernorts weniger auffallen, sind sie doch überall vorhanden, meistens einige km unterhalb des gegenwärtigen Standes der Gletscherzunge (Fig. 78).
Die späteiszeitliche Kaltphase wird in den Pollendiagrammen sehr schön sichtbar. Sie zeigen den Rückgang der Wälder und das Vordringen einer Kältesteppe mit Tundragräsern.
Im Spätglazial war das untere Rhonetal, von St. Maurice an abwärts, von einem See überschwemmt, dessen Spiegel zuerst 30 m, dann 10 m über dem heutigen Niveau des Genfersees (372 m ü. M) lag. In diesem See sammelten sich Feinsande und Tone, die man mit Bohrungen unter rund ein Dutzend Meter mächtigen Talschottern festgestellt hat. Gemäss geophysikalischen Messungen sind Sande und Tone 800 m mächtig. Also liegt der Fels 400 m unter dem Meeresspiegel. In diesen Ablagerungen der Rhone sind noch viele Daten über die spätglaziale Zeit gespeichert. Doch sie aufzudecken wäre nicht gerade billig und sie zu interpretieren auch nicht sehr einfach.


