Wallis vor der Eiszeit

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Fig. 67 - Paläogeographie des Molassebeckens mit Flüssen, die am Alpenrand deltaförmige Schuttmassen aufschütteten und nach Nordosten abflössen.

In den Alpen fehlen praktisch Zeugen über geologische Vorgänge am Ende des Tertiärs und zu Beginn des Quartärs. Immer noch in Hebung begriffen, wurden die Gebirge sofort Opfer einer kräftigen Erosion und nahmen keinerlei Ablagerungen mehr auf. Wie die Landschaft aussah, kann man sich nur mit lebhafter Phantasie vorstellen. Anfangs Tertiär war das Klima noch feucht-warm, fast tropisch, und die Berge waren wohl von Wäldern überzogen. Doch die Vegetationsdecke vermochte das sehr unebene Relief nicht vor der Erosion zu schützen.

Die Flüsse trugen den Erosionsschutt weg und lagerten ihn in einer langen, nicht sehr breiten Depression ab, die sich am Nordfuss der werdenden Alpen von Grenoble bis Böhmen erstreckte. Aus der Fazies, dem Gesteins- und Fossilinhalt des Molasse-Beckens kann man ableiten, was in den Alpen und im Vorland geschah. Unser Mittelland dürfte einer sumpfigen Tiefebene geglichen haben, auf der Flüsse und Bäche ihren Weg zwischen niedrigen, von üppiger tropischer Vegetation überzogenen, flachen Sandinseln suchten. Im Zeitraum von rund 25 ma wechselten Phasen der Meeresinvasion mit Süsswasserperioden ab. Den groben Schutt Hessen die Flüsse in jedem Falle nahe ihrer Mündung liegen und trugen nur die feinsten Bestandteile, wie Sand und Ton, weiter hinaus. Darum besteht der Hauptteil der mittelländischen Molasse aus Sandstein- und Mergelschichten, während Flusskies die harten Konglomeratbänke (Nagelfluh) am alpenwärtigen Rand bildet (Fig. 67).

Fig. 68 - Skizze von einem Urflussnetz in den Walliseralpen.

Anhäufungen von Konglomeraten (Mont-Pélerin, Guggisberg, Napf, Rigi, Hörnli) entsprechen tertiären Deltas, also Schuttfächern vor alten Flussmündungen. Erstellt man ein Inventar der Gerolle in den Konglomeraten, kann man feststellen, welche tektonische Einheit zu jener Zeit erodiert wurde.

Ein Versuch, die Geographie zur Zeit des letzten Meeresvorstosses ins Molassebecken und eines Urflussnetzes vor 15 ma zu rekonstruieren, unternahm 1934 Rudolf Staub, Professor für Geologie an der ETH-Zürich. Wie er sich das vorstellte, zeigt die Karte Fig. 68. Das Delta vom Mont-Pélerin fehlt allerdings darauf, weil es keine Urrhone gab. Nur ein kleines Flüsschen aus einem Quellbereich im Räume Saint-Maurice-Bex-Monthey ergoss sich nach Norden. Weiter östlich liegt ein grosses Delta (Konglomerat vom Guggisberg), das ein Fluss aufschüttete, der über die Rawil-Depression, zwischen Mont-Blanc- und Aar- Massiv, floss.

Die Nebenarme dieses Flusses deuten angenähert das heutige Gewässernetz an. Ein Zufluss aus Westen, von Chamonix über den Forclaz-Sattel, könnte ein Tal ausgehoben haben, dem später eine Urrhone folgen würde. Ein Nebenfluss aus Osten hätte das Tal des zukünftigen Oberwallis geschaffen. Sehr viel später wäre das Knie von Martigny entstanden, nämlich erst dann, als der bescheidene Fluss aus der Region Saint-Maurice-Bex durch Rückwärtserosion den westlichen Arm der Urrhone angezapft hätte und der Abfluss durch die Rawil-Depression, infolge alpiner Hebungen, geschlossen worden wäre. Doch für alle diese Vorgänge fehlen schlüssige Beweise. Die Tälers im italienischen Grenzraum (Aosta, Valpelline) folgen im wesentlichen den grossen alpinen Strukturen. Auch sie wurden von Urflüssen ausgehoben. Im östliche Oberwallis entsprang ein weiteres Flusssystem, aus dessen Delta das Bergland des Napf besteht.


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